Ein Paradies für Möchtegern-Sportchefs

In der populären Simulation «Football Manager 2020» ist die Datenmenge enorm – und das Suchtpotenzial gross.

Im Game geht es dann auch darum, mit seinem Team die beste Taktik anzuwenden. (Bild: Screenshot Football Manager)

Im Game geht es dann auch darum, mit seinem Team die beste Taktik anzuwenden. (Bild: Screenshot Football Manager)

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Endlich! Nach wochenlangen, zähen Verhandlungen steht der Deal: Jadon Sancho, immer noch erst 19, wechselt von Dortmund zu Inter Mailand. Zugegeben, die finanzielle Schmerzgrenze ist längst überschritten, die Ablösesumme beträgt 140 Millionen Franken, zahlbar in vier Raten, dazu wechseln zwei Toptalente und mit Stefan de Vrij der Inter-Abwehrchef zu Dortmund. Es gibt unzählige Bonuszahlungen und Handgelder im Vertragswerk, die locker noch einmal 25 Millionen Franken ausmachen, der BVB wird mit 30 Prozent an einem Weiterverkauf beteiligt, Sanchos Ausstiegsklausel ab 2022 ist lächerlich tief – aber was solls?

Der Königstransfer ist vollzogen, mit Sancho an der Seite von Romelu Lukaku und Lautaro Martinez in der Offensive soll der schlafende Riese Inter wieder zum Weltclub werden. Und die Verhandlungen als Manager haben grossen Spass gemacht.

So geht das beim Game «Football Manager 2020», das Ende November erschienen ist und weltweit Fantasien von Möchtegern-Sportchefs befeuert. Man kann Real, Bayern, Inter oder den FC Winterthur und alle erdenklichen Vereine sowie Nationalteams übernehmen – und mit ihnen in einer virtuellen Fussballwelt entsprechende Saisons bestreiten. Vereine aus 116 Ligen in 52 Ländern auf 5 Kontinenten lassen sich betreuen – sogar aus Gibraltar. Aber keine Frauenclubs.

Allein die 2019er-Ausgabe wurde via Steam und andere Kanäle von über 2 Millionen Menschen gekauft, darunter von Fussballgrössen wie Paul Pogba oder Antoine Griezmann, die sich als Fans geoutet haben.

Das grosse FCZ-Talent

Das Game wird wegen seiner schier unfassbaren Datentiefe mit rund 450'000 realen Spielern längst auch im professionellen Fussball genutzt, um Informationen zu sammeln. Wie die grossen Scoutingtools Wyscout und InStat. So erklärte Trainer André Villas-Boas, «Football Manager» in seiner Zeit als Chefscout des FC Chelsea verwendet zu haben, um Fähigkeiten von interessanten Spielern besser beurteilen zu können. «Wir wissen, welchen Stellenwert das Game hat», sagt Oliver Zesiger. «Dementsprechend sorgfältig gehen wir bei der Datenbeschaffung vor.»

«Die Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut.»Oliver Zesiger, «Football-Manager»-Chefscout in der Schweiz

Zesiger ist der «Football Manager»-Chefscout in der Schweiz, ihm arbeiten landesweit neun Späher zu, die das Können und Potenzial aller Spieler bis hinunter in die 2. Liga interregional jedes Jahr neu einschätzen. «Wir dürfen uns keine Fehler leisten», sagt Zesiger, «die Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut.»

Und so besucht der Bieler viele Fussballspiele, liest Zeitungen, spricht mit Beratern, Vereinsvertretern, Journalisten. Zesiger ist seit zehn Jahren dabei, seine Arbeit hat ihm geholfen, eine Stelle als Scout bei einem Schweizer Profiverein zu finden. «Es geht im Game auch darum, die nächsten Supertalente früh zu entdecken», sagt er. «Das ist wie im richtigen Fussball. Und für uns ist entscheidend, dass die ­Simulation so realitätsnah wie möglich ist.» Lionel Messi etwa ist kaum von Barcelona loszueisen, Neymar und Kylian Mbappé sind für Inter zu teuer – als Manager des FC Basel ist es fast unmöglich, YB-Akteure zu verpflichten.

Basels Goalie Jonas Omlin. Foto: Freshfocus

Und damit sind wir in der Super League, in der Miralem Sulejmani, Nicolas Ngamaleu und Fabian Lustenberger von YB die bestbewerteten Feldspieler im «Football Manager 2020» sind – und Basels Jonas Omlin der stärkste Goalie ist. Die jungen Innenverteidiger Becir Omeragic (Zürich) und Leonidas Stergiou (St. Gallen), beide erst 17, sowie Basels Noah Okafor besitzen das höchste Potenzial.

Sportchef und Trainer

Die populäre Fussballmanager-Simulation hat sich erst vor ein paar Jahren im deutschsprachigen Raum etabliert, dabei gibt es sie seit 1992. Zuerst als «Championship Manager», seit 2005 als «Football Manager».

Insgesamt existieren etwa 850'000 Datensätze von echten Personen.

Es geht im Game um Kaderplanung und Mannschaftssteuerung, man ist in der virtuellen Welt gewissermassen Sportchef und Trainer in einer Person. Als Anfänger kann es trotz zahlreichen Hilfsmöglichkeiten herausfordernd sein, den Überblick zu behalten. So stehen etwa Hunderte von Taktiken und Systemen zur Verfügung, jeder Fussballer ist in über 20 Kategorien bewertet und kann mit individuellen Aufgaben beauftragt werden. Es gilt, mit den Medien zu sprechen, die Trainingsbelastung festzulegen, unzufriedene Spieler aufzubauen. Und das alles und vieles mehr immer wieder.

Ein Pole spielte 221 Saisons

Bei den meisten Vereinen aus vielen Ligen stimmen sogar die Namen der Physiotherapeuten, insgesamt existieren etwa 850'000 Datensätze von echten Personen. Und bei jedem Spieler sind Feinheiten festgelegt. So wird Miralem Sulejmani, bei Partizan Belgrad ausgebildet, niemals zu Partizan-Rivale Roter Stern Belgrad wechseln.

Am Hauptsitz von Hersteller Sega sind 120 Vollzeitstellen veranschlagt für die Entwicklung der Simulation, auf der ganzen Welt stehen 1300 Scouts im Einsatz, im Internet existieren unzählige ­Foren, in denen sich begeisterte Anhänger und Nerds über Taktiken, Wunderkinder, Schnäppchen austauschen oder Files mit zusätzlichen Daten anbieten. Die 2019er-Edition wurde total fast 1?Milliarde Stunden gespielt. Das sind rund 114'000 Jahre.

Miralem Sulejmani von YB. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Theoretisch lässt sich «Football Manager» unendlich lang zocken, es werden immer wieder neue Fussballer und Figuren generiert. Der 38-jährige Pole Michal Leniec stellte 2017 einen Rekord auf, er bestritt 221 Saisons, wurde mit seinem Lieblingsclub Lech Poznan 207-mal polnischer Meister, gewann sogar die Champions League und mit Polen die WM. Als Leniec in der Saison 2237/38 aufhörte, war seine Managerfigur 258 Jahre alt.

Das Suchtpotenzial des Games ist riesig. Und wer ob all der Möglichkeiten abgeschreckt ist, findet abgespeckte App-Versionen fürs iPhone und iPad. Wir treiben es als Inter-Manager nicht ganz so wild wie der verrückte Pole. Einmal mit Jadon Sancho die Champions League gewinnen – und dann eine andere spannende Aufgabe übernehmen.

Vielleicht Nottingham Forest nach Jahrzehnten endlich zurück nach oben führen. Den HSV dahin bringen, wo er als Weltstadtclub hingehört. Oder die ultimative Challenge: GC wieder als nationale ­Institution etablieren.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier: Hier finden Sie alle Folgen an einem Ort.

Erstellt: 07.12.2019, 10:36 Uhr

«Football Manager» in Zahlen

116
Ligen aus aller Welt sind spielbar – in 52 Ländern auf 5 Kontinenten.


1300
Scouts arbeiten weltweit für «Football Manager».


45'0000
reale Fussballer sind im Spiel erfasst.


0
davon sind Frauen.


85'0000
Datensätze von echten Personen sind vorhanden – Fussballer, Trainer, Ärzte, Physiotherapeuten.


2'000'000
Mal wurde «Football Manager 2019» verkauft.

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