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Ein Punkt muss das Ziel sein - mindestens

Ottmar Hitzfeld ist angespannt, der Druck da, die Lage klar: Die Schweizer müssen sich deutlich steigern, um heute (20.30 Uhr) bei Gruppenfavorit Griechenland eine Chance zu haben.

«Die Bewährungsprobe folgt jetzt»: Ottmar Hitzfeld, angespannt.
«Die Bewährungsprobe folgt jetzt»: Ottmar Hitzfeld, angespannt.
Keystone

Es ist nicht die halbe Stunde der grossen Gefühlsregungen von Ottmar Hitzfeld. Zweimal huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. Ansonsten absolviert er diese Pressekonferenz im grossen Hotel an der grossen, lauten Strasse routiniert, konzentriert, vor allem angespannt. Die Lage ist zu ernst, um zu Spässen aufgelegt zu sein: nicht nur an den grossen Aktienmärkten, auch an der kleinen Börse der Schweizer Fussballer.

Hitzfeld macht, was Pflicht ist, kein bisschen mehr. Kaum hat er die letzte Antwort gegeben, ist er auch schon wieder verschwunden. Den Radios gewährt er keine Extrainterviews, den Fotografen bietet er kein Sujet, indem er oder einer seiner Spieler aufs Hoteldach steigt und vor dem Hintergrund der Akropolis posiert. Er lehnt jeden Wunsch ab. Auch das geschlossene Training am Abend im Karaiskaki-Stadion von Piräus bleibt auf seine Anordnung hin einmal wirklich geschlossen und ist nicht für die erste Viertelstunde geöffnet.

Die junge WM-Qualifikation hat bereits tiefe Spuren hinterlassen. In Israel ein 2:0 verspielt, gegen Luxemburg in die Niederlage gestolpert, vor vier Tagen gegen Lettland mit Ach und Krach gewonnen - ein Traumstart sieht anders aus als das, was die Schweizer unter ihrem neuen Trainer hingelegt haben. Nach dem Sieg vom Samstag spürt Hitzfeld in seiner Mannschaft wohl «eine gewisse Befreiung», aber «zu befreit» darf sie ihm auch nicht sein: «Wir haben noch gar nichts erreicht. Die Bewährungsprobe folgt jetzt. Sie müssen wir bestehen.»

«Wir sind in Zugzwang»

Niederlage ist ein Wort, das in Hitzfelds Gedankenspielen nie Platz gehabt hat. Der Sieg ist das, was er normalerweise anstrebt. «Ich gehe davon aus, dass wir gewinnen», sagt er auch diesmal. Aber die drei Punkte will er in Athen nicht ultimativ fordern, um den Druck auf die Spieler nicht noch weiter aufzubauen und sie so einer möglichen Verkrampfung auszusetzen. «Das wäre fahrlässig», erklärt er. Lieber nimmt er sich vor, Ruhe zu bewahren, damit sich seine spürbare Anspannung nicht auf die Mannschaft überträgt. Drei Punkte wären der Ertrag, mit dem sie von dem Boden gutmachen könnte, den sie gegen Luxemburg so amateurhaft verschenkt hat. Ein Punkt muss das minimale Ziel sein, damit die Schweizer nicht gleich schon um acht Punkte hinter Griechenland zurückfallen und damit aussichtslos sind im Kampf um die direkte WM-Qualifikation. Ein Unentschieden wahrt zumindest den Status quo. So etwas ist in diesen aufgeregten Zeiten zumindest schon einmal ein kleiner Bonus.

Griechenland ist von anderem Kaliber als Luxemburg und Lettland. Für Hitzfeld war Lettland eine Klasse stärker als Luxemburg, und jetzt schätzt er Griechenland um eine Klasse höher ein als Lettland. Was das nun immer genau als Qualitätsgrad ergibt, Hitzfeld ist so oder so bewusst: Seine Mannschaft muss an ihrem oberen Limit spielen, an ihre Leistungsgrenze gehen, gar über sich hinauswachsen, wenn heute Abend nicht schon die nächste Ernüchterung folgen soll. So sagt er das alles selbst und betont schliesslich: «Wir sind in Zugzwang. Wir müssen etwas reissen.»

Um das zu schaffen, müssen sie einiges besser machen als gegen Lettland. Hitzfelds Anforderungskatalog ist grundsätzlich: spielerisch stärker werden, mehr Selbstvertrauen haben, das Zweikampfverhalten ebenso verbessern wie das Umschalten von Defensive auf Offensive, um die Konteranfälligkeit der Griechen ausnützen zu können, die gegnerischen Freistösse besser verteidigen und die eigenen stehenden Bälle besser als Waffe einsetzen. Die beiden Tore gegen Luxemburg und jenes gegen Lettland fielen auf Freistösse, bei denen die Schweizer schlecht aussahen. Hitzfeld redet von individuellen Fehlern, die nicht vorhersehbar seien.

Das Beben von Athen

Vielleicht wird es heute das Spiel von Diego Benaglio, der in der bisherigen Qualifikation fünf Tore zuliess, ohne speziell gefordert worden zu sein. Hitzfeld sieht den Goalie in einer undankbaren Rolle, weil er noch keine Chance gehabt habe, sich auszuzeichnen. «Das ist nicht seine Schuld», sagt er, bevor er in Erinnerung an die Tore gegen Luxemburg präzisiert: «Nicht ganz seine Schuld.» Es ist einer dieser Momente, in denen er sich ein kurzes Lächeln erlaubt. Als es verschwunden ist, fügt er bei: «Benaglio hat jetzt die Chance, sich zu profilieren.»

In der Nacht auf gestern Dienstag hat in Athen die Erde gebebt, mit Stärke 5. Die Schweizer haben in ihren Betten davon nichts mitbekommen. Sie müssen ja auch nicht zusätzlich wachgerüttelt werden, bevor sie heute 21.30 Uhr Ortszeit auf den Platz gehen. «Wir sind ja nicht doof», sagt Captain Alex Frei, «wir schauen die Rangliste auch an.»

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