Der Schweizer Fussballer mit der Tellerwäscher-Karriere

Vor sieben Jahren vereinslos, heute Champions-League-Achtelfinalist. Die verrückte Geschichte von Danijel Milicevic.

Glücksmoment: Danijel Milicevic schiesst den KAA Gent in den CL-Achtelfinal. (Quelle: SRF)

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Bei ohrenbetäubendem Lärm von 20'000 euphorisierten Fans in der Ghelamco Arena von Gent reisst sich Danijel Milicevic das neongelbe Shirt vom Leib, wirft es unkontrolliert weg und setzt zu seinem typischen Pfeilbogenjubel an, bevor er von seinen Mitspielern geherzt wird. Soeben hatte der ehemalige Junioren-Nationalspieler der Schweiz den KAA Gent erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die Achtelfinals der Champions League geschossen. Der Urschrei, den er folgen liess, schien vor allem eines auszudrücken: grenzenlose Erleichterung.

Karriere schien früh vorbei

In Bellinzona aufgewachsen, unterschrieb der schweiz-bosnische Doppelbürger zur Saison 2004/2005 einen Vertrag beim damaligen Challenge-Ligisten Lugano. Anderthalb Jahre und zwölf Spiele für die Tessiner später wechselte der wirblige Rechtsfuss eine Liga höher nach Yverdon. Dort kam Milicevic zwar in 17 von 18 Partien zum Einsatz und erzielte dabei drei Tore, stieg mit den Waadtländern jedoch sofort wieder in die zweithöchste Spielklasse ab. Nach zwei weiteren Spielzeiten bei Yverdon und zwei Kurzeinsätzen in der U-21-Nationalmannschaft wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Ab 1. Juni 2008, ziemlich genau ein Jahr nach seinem letzten Aufgebot für die höchste Juniorenauswahl, stand Milicevic ohne Verein da – eine hoffnungsvolle Karriere schien ihr frühes Ende zu finden.

Ein halbes Jahr dauerte es, bis der heute 29-Jährige mit dem belgischen Zweitligisten KAS Eupen einen neuen Arbeitgeber fand. Sofort schoss er sich in die Herzen der Fans, bei seinem ersten Einsatz traf er beim 3:1 gegen Tienen gleich doppelt. Eine Saison später hatte er mit acht Toren und neun Vorlagen einen massgeblichen Anteil daran, dass Eupen im Mai 2010 zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte und als erster Verein des deutschsprachigen Belgiens überhaupt in die Jupiler Pro League aufstieg. Auf Facebook jubilierte «Mili»: «2010 ist das Jahr des Wandels. Ich habe es immer gesagt.»

2010 é l'anno della svolta.. io l'ho sempre detto!

Posted by Milicevic Danijel on Samstag, 10. Juli 2010

Im belgischen Oberhaus durfte er seine Teamkollegen gar als Captain anführen, konnte den direkten Wiederabstieg jedoch nicht verhindern. Ironischerweise wechselte Milicevic anschliessend zum RSC Charleroi – dem Team, das Eupen in der ersten Runde des Abstiegsplayoffs noch eliminiert hatte. Doch auch mit den Westbelgiern gelang ihm sofort der Aufstieg. Insbesondere durch seine 13 Torvorlagen in 29 Spielen wurde der Offensiv-Allrounder sofort zum Publikumsliebling. Im März 2014, kurz nach seinem Wechsel nach Gent, traf sein neues Team zu Hause auf Charleroi, und die Gästefans dankten ihm mit einem Transparent für seine Dienste.

MERCI !! #Great #fans of #Rcsc

Posted by Milicevic Danijel on Sonntag, 2. März 2014

Mit Gent feierte Milicevic vergangenen Sommer den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte, und in der aktuellen Champions-League-Kampagne gelang den «Buffalos» mit dem Einzug in die Achtelfinals eine Sensation. Als deutlicher Aussenseiter setzten sich die Belgier gegen Lyon und Valencia durch, belegten dank dem 2:1-Heimsieg gegen das bis dato verlustpunktlose Zenit St. Petersburg den zweiten Platz in der Gruppe H. Milicevic sorgte dabei mit drei Toren und einer Vorlage für gleich zwei Fussballmärchen. «Es ist ein unglaubliches Gefühl, wir sind alle sehr stolz», sagte ein frisch geduschter Milicevic zur Videonachrichtenagentur Zoomin TV.

Erfüllung eines Kindheitstraumes?

Doch beide Märchen sind noch nicht vorbei. Jüngst sagte Nationaltrainer Vladimir Petkovic, dass er Milicevic auf dem Radar habe. Und Gent wird am Montag der nächste Gegner zugelost – dort könnte der Tessiner einen weiteren Meilenstein in seiner Karriere setzen: «Gegen Real Madrid im Estadio Santiago Bernabéu zu spielen, wäre ein Traum.» Der passende Facebook-Post dazu wäre: «2016, das Jahr der Vollendung». Er hatte es ja immer gesagt. (fas)

Erstellt: 10.12.2015, 12:13 Uhr

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