Ein Vierteljahrhundert danach

Napoli träumt wieder ganz gross – recht überraschend. Mittelstürmer Gonzalo Higuaín ist einer der besten in ganz Europa, und Coach Maurizio Sarri war früher Bankangestellter.

Sie nennen ihn «Pipita d’Oro»: Napolis Gonzalo Higuaín überfliegt die Liga mit erstaunlicher Leichtigkeit. Foto: Giuseppe Bellini (Getty Images)

Sie nennen ihn «Pipita d’Oro»: Napolis Gonzalo Higuaín überfliegt die Liga mit erstaunlicher Leichtigkeit. Foto: Giuseppe Bellini (Getty Images)

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Der Fluch mit den Erinnerungen ist ja, dass sie mit den Jahren verblassen, ­unweigerlich, auch die erfreulichen. Wenn sie sich in Neapel die Bilder von damals am Fernsehen anschauen, dann passt das Format auf Dreiviertel der ­Fläche der modernen Bildschirme. Und sehr scharf sind die Bilder auch nicht. Zu Zeiten des letzten Ruhms der SSC ­Napoli, zu Zeiten von Diego Armando Maradona in lustig knappen Hosen und weit flatternden Trikots gab es noch kein HD. Die letzte Meisterschaft liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Nun ist man plötzlich wieder ganz oben und spricht von Scudetto, obschon es der Aberglauben eigentlich verböte, darüber zu ­reden. Ausser natürlich, man greift sich dabei in den Schritt.

Napoli ist Tabellenführer, spielt den spektakulärsten Fussball der Serie A, hat in seinen Reihen den aufregendsten Spieler der Liga und am Spielfeldrand einen Trainer mit kurioser Vita, von dem Maradona, den man noch immer ständig nach seiner Meinung fragt, vor nicht so langer Zeit sagte: «Maurizio Sarri? Es tut mir leid für ihn, doch er ist nicht auf der Höhe.» Niemand hatte mit dem Erfolg ­gerechnet, auch der Verein nicht.

Ratten im Stadion

Beginnen muss diese Geschichte deshalb in Fuorigrotta, einem Randquartier von Neapel. Da steht das Stadion, das San Paolo, eine Arena wie aus einer anderen, ambitionslosen Zeit: alt, baufällig, dreckig, nicht einmal brandsicher. Wenn Napoli international spielt, zwingt die Uefa den Verein, diese blauen WC-Kabinen aus Plastik vor das Stadion zu stellen. Die Klos drinnen sind seit vielen Jahren nicht mehr praktikabel. Dafür sind Ratten zugange, allenthalben. Aurelio De Laurentiis, der Präsident, sagte kürzlich: «Das San Paolo ist ein Scheisshaus, und wir entrichten der Stadtverwaltung auch noch eine stratosphärische Miete dafür.»

De Laurentiis redet gern so direkt. Der Römer ist Filmproduzent, hohe Künste kommen dabei selten heraus. Aber das ist auch nicht so wichtig. Wichtig war den Napoletani, dass er ihren Verein kaufte, als die SSC pleite war, relegiert in die Serie C, dritte Liga. Das war 2004. De Laurentiis bezahlte 35 Millionen Euro. Auch daran erinnert man sich jetzt, jede gute Geschichte beginnt ganz klein.

«Pipita d’Oro»

2007 war Napoli dann wieder erstklassig und kaufte gut ein: Marek Hamsik, Ezequiel Lavezzi, Walter Gargano, später Edinson Cavani. Zwischendurch war man auch mit einigen Schweizern ganz glücklich: Inler, Behrami, Dzemaili. Noch besser aber gelangen die Verkäufe: Mit den Transfers von Cavani und Lavezzi nach Paris verdiente Napoli so viel Geld, 64 Millionen und 30 Millionen Euro, dass man 2012 für 40 Millionen einen Superstar im besten Moment seiner Karriere holen konnte, von Real ­Madrid immerhin. Und dieser Gonzalo Higuaín, 28 Jahre alt, den sie auch ­«Pipita» nennen, weil er der Sohn von «El Pipa» ist, einem früheren Innenverteidiger von River Plate, überfliegt die Liga nun mit erstaunlicher Leichtigkeit. 22 Meisterschaftstore hat der Mittelstürmer schon erzielt, in 22 Spielen. Das ist ein Spitzenwert in Europa.

Doch es ist nicht so sehr die Anzahl seiner Tore, die alle verblüfft und die ­Begehrlichkeiten des FC Bayern München an ihm weckte, sondern die Art und Weise, diese Selbstsicherheit in den Gesten: Er bricht die Abwehrreihen der Gegner mit solcher Wucht, dass mittlerweile jede Offensivaktion Napolis zu ­einem Hugaín-Moment zu werden verspricht. Sie rufen ihn schon «Pipita d’Oro», und natürlich soll darin die Erinnerung an den «Pibe de Oro» nachhallen, an den Goldjungen Maradona eben. Als fantasiereicher Assistent tritt der klein gewachsene Lorenzo Insigne auf, 1,63 Meter, ein Junge aus dem nahen Frattamaggiore, der es selber auch schon auf zehn Tore bringt und der beste Passgeber der Liga ist.

Ein Banker auf der Bank

Doch allen Erfolg erklärt das Duo nicht. Die beiden spielten schliesslich auch in den Jahren davor zusammen, als noch Rafael Benítez coachte. Nun steht da Maurizio Sarri, geboren in Bagnoli, ­einem ehemaligen Industrievorort Neapels. Sein Vater arbeitete als Kranführer für Italsider, den verflossenen Stahlkonzern. Aufgewachsen ist Sarri dann in der Toskana, spielte Amateurfussball, arbeitete bei der Monte dei Paschi di Siena, ­einer Grossbank, die ihn auch in die Schweiz, nach London und Luxemburg entsandte. Fussball aber war ihm lieber. Er legte sich den Trainerschein zu, stand nach Feierabend auf dem Platz. Ab 1999 machte er die Leidenschaft zum Beruf. Es folgten viele Jahre in der Provinz, dritte Liga, dann Serie B. Und eine einzige Saison Serie A, mit dem Club aus dem toskanischen Empoli, einer Kleinstadt bei Florenz.

Mann ohne Etikette

Von dort holte ihn De Laurentiis. Neapel war ernüchtert, kollektiv. Sarri, fand man, passe so gar nicht ins nostalgisch befeuerte Selbstverständnis der Stadt und des Vereins. Zu provinziell, allzu sehr alte Schule. Der Auftritt schien sie in ihrem Vorurteil zu bestätigen. Sarri hatte in seinem angestammten Beruf so oft Anzug und Krawatte getragen, dass ihm nun der Traineranzug besser behagt. In der Öffentlichkeit zeigt er sich fast nur im blauen Sportdress aus Polyester, ab und zu im Polo, nicht selten mit Zigarette im Mund. Die Gewandung soll wohl den Arbeitermythos spiegeln, Bagnoli eben. Er redet manchmal auch so, wie man dort redet, wo man sich aus Etiketten nicht so viel macht. Kürzlich apostrophierte er Inters Trainer Roberto Mancini während eines Cupspiels als «Tunte» und «Schwuchtel», weil der sich beim vierten Mann über die zugestandene Nachspielzeit beschwert hatte. So richtig entschuldigen mochte er sich erst, nachdem die Polemik sich zu einer halben Staatsaffäre ausgewachsen hatte.

So ist er, der Sarri. Er verdient 700'000 Euro im Jahr, ein Fünftel dessen, was sein Vorgänger ausgehandelt hatte. Sie mögen ihn jetzt in Neapel, sie halten ihn für ein Wunder des Quereinstiegs, weil er vertikal spielen lässt, stürmisch und spektakulär. Sarri gilt als möglicher Heilsbringer, ein Vierteljahrhundert danach.

Erstellt: 01.02.2016, 23:11 Uhr

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