Eine Captainbinde spaltet ein Land

Fussballer Guram Kashia setzt sich für die Rechte Homosexueller ein. Damit stösst er in seiner Heimat vor allem auf Unverständnis und Ablehnung.

Guram Kashia mit der Captainbinde, die in Georgien für Aufruhr sorgt. Bild: Getty Images

Guram Kashia mit der Captainbinde, die in Georgien für Aufruhr sorgt. Bild: Getty Images

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Guram Kashia ist ein Innenverteidiger harten Schlags. Ein Anführer, wie ihn sich jeder Trainer wünscht. Kein Filigrantechniker, aber doch torgefährlich, vor allem dank seinen wuchtigen Kopfbällen. Der 30-Jährige ist quasi der Sergio Ramos seines Heimatlandes Georgien und in seinem Verein Vitesse Arnheim und der Nationalmannschaft äusserst beliebt.

Und genau wie Sergio Ramos bei Real Madrid trägt Kashia bei Vitesse Arnheim die Captainbinde. Das Band macht die Fans in Georgien stolz, schliesslich haben es noch nicht viele georgische Fussballer so weit gebracht. Es ist aber in den letzten Tagen auch Sinnbild für etwas geworden, was das Land spaltet. Denn statt wie üblich mit einer weissen Binde lief Kashia am 8. Spieltag der holländischen Eredivisie mit einer Binde in Regenbogenfarben auf. Wie alle Captains der Liga.

Ablehnung bei den Orthodoxen

Damit will der holländische Fussballverband ein Zeichen für Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten setzen. Eine Aktion, die in weiten Teilen Georgiens auf Ablehnung stösst. Das gründet darin, dass ein Grossteil der georgischen Bevölkerung der orthodoxen Kirche angehört. Gemäss der Lehre dieser ist Homosexualität eine böse Neigung, der die Gläubigen unter keinen Umständen nachgeben dürfen. Tun sie dies, dürfen sie beispielsweise nicht an der Priesterweihe oder der Kommunion teilnehmen.

So wurde 2013 ein Demonstrationszug für die Rechte Homosexueller in der georgischen Hauptstadt Tiflis von ultraorthodoxen Gegendemonstranten attackiert. Ranghohe orthodoxe Priester führten den Angriff an, alte Frauen mit Brennnesseln in den Händen folgten ihnen. Die Pflanze gilt gemeinhin als «antidämonisch». Davor forderte der Patriarch Ilia II. ein Verbot der Demonstration. Er erklärte, dass Homosexualität «anormal und eine Krankheit» sei.

Auch wegen Ereignissen wie diesen schreibt das eidgenössische Amt für auswärtige Angelegenheiten unter den Reisehinweisen zu Georgien: «Übergriffe gegen Personen, die sich in der Öffentlichkeit als homosexuell zu erkennen geben, können vorkommen.»

Hass in Georgien, Liebe in Holland

Mit dem Hass und der Intoleranz vieler Georgier sieht sich nun auch Guram Kashia konfrontiert. Der Tenor ist eindeutig: «Kashia muss raus aus der Nationalmannschaft.» Oder sogar: «Kashia kann für immer in Holland bleiben.» Besonders bedenklich: Dabei handelt es sich nicht nur um die Fussballfans am Stammtisch, sondern auch um renommierte Journalisten.

Von den Anfeindungen aus Kashias Heimat schockiert, decken seine holländischen Fans den Verteidiger mit Komplimenten und Durchhalteparolen ein. Auf Kashias Instagram-Profil überwiegen die positiven Reaktionen, er sei eine Inspiration, sie seien stolz auf ihn. Herzen und Regenbögen zieren die Kommentarspalte.

Zuspruch von den Besten

Ein ganz Grosser des georgischen Fussballs stärkt Kashia ebenfalls den Rücken: Kachaber Kaladse, der wohl erfolgreichste georgische Fussballer und heutige Bürgermeister von Tiflis, macht sich stark für seinen Nachfolger in der Innenverteidigung: «Wir sind ein demokratisches Land, und jeder Bürger hat das Recht, seine Meinung auszudrücken, ungeachtet der Nationalität, Religion oder sexuellen Orientierung.»

Auch Kaladses langjähriger Teamkollege in der Nationalmannschaft, Lewan Kobiaschwili, äussert sich auf Anfrage des «Spiegels» positiv. Kashia sei ein «wunderbarer Mensch», der gezeigt habe, dass der Sport für alle Menschen offen sein müsse. «Unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder Religion.» Auf Facebook postet der heutige Präsident des nationalen Fussballverbands ein Bild von Kashia, eingehüllt in der Flagge seines Heimatlandes.

Das Dilemma des Nationaltrainers

Viele Meinungen also. Aber was macht eigentlich der Betroffene selbst? Er schweigt. Nur ein einziges Mal äusserte er sich im holländischen Fernsehen zu der Situation: «Solange du niemandem schadest und ein guter Mensch bist, kannst du doch sein, wie und wer du möchtest. Das ist meine Vision.»

Ob der slowakische Trainer der Georgier, Vladimir Weiss, diese Vision teilt? Offenbar ja, er hat Kashia ungeachtet der Vorfälle für die Freundschaftsspiele gegen Zypern und Weissrussland aufgeboten. Ob er das will oder nicht: Weiss setzt damit ein Zeichen.

Erstellt: 03.11.2017, 14:56 Uhr

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