Eine Freinacht und eine Sonderausgabe

Vor 26 Jahren – als sich Bundesrätin Ruth Dreifuss im Hardturm neben Roy Hodgson auf die Spielerbank setzen wollte.

Nach 28 Jahren erstmals wieder an einer WM dabei: Nationalcoach Roy Hodgson auf den Schultern von Torhüter Pascolo (links).

Nach 28 Jahren erstmals wieder an einer WM dabei: Nationalcoach Roy Hodgson auf den Schultern von Torhüter Pascolo (links). Bild: Keystone

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Bundesrätin Ruth Dreifuss hat am Vortag anfragen lassen, ob sie das Spiel nicht neben Nationalcoach Roy Hodgson auf der Bank verfolgen dürfe. Sie war vorher noch nie an einem Fussballspiel. Viele wollten ein Ticket für diesen Abend. Der altehrwürdige Hardturm, dieses richtige Fussballstadion in Zürich, das nie hätte abgerissen werden dürfen, war seit Wochen ausverkauft, 22 000 sind gekommen, eine Million sitzt zu Hause vor dem Bildschirm.

Es ist eine kalte Mittwochnacht, fast genau vor 26 Jahren, der 17. November 1993. Die Schweizer Fussballer spielen gegen Estland, das letzte Spiel in der Qualifikation zur WM in den USA. Ein 2:0 genügt, und erstmals seit 28 Jahren würden sie wieder an einem grossen Turnier teilnehmen.

Der Zürcher Gemeinderat hat seine wöchentliche Sitzung verschoben. Hodgson, ohne Dreifuss nebenan, sitzt auf der Bank, ist hypernervös, kaut und kaut und kaut seine Nägel. Nach 30 Minuten fällt das erste Tor, bald das zweite, bald das dritte, es sind alles Kopftore, am Ende heisst es 4:0.

Auszug TA vom 18. November 1993

Hunderte rennen nach dem Abpfiff auf den Platz, Hodgson flüchtet in die Kabine, weil er Angst hat, erdrückt zu werden, später kommt er zurück, wird von Spielern auf die Schultern gehoben, Chapuisat schwenkt eine amerikanische Fahne, Dreifuss steht immer noch in der Ehrenloge und klatscht, Zürichs Polizeivorstand Neukomm hat schon in der Pause eine Freinacht verkündet. Die Fachzeitung «Sport» druckt eine Sonderausgabe, die Fotos mit den Spielern wurden eine Woche zuvor gemacht, jeder musste sich so ablichten lassen, dass eine Verbindung zu Amerika entsteht. Einige sehen sich als Cowboy, andere als Mickey Mouse, oder sie setzen sich auf eine Harley-Davidson, Thomas Bickel, der heutige FCZ-Sportchef, wählt die Lieblingsbar El Internaçional in seinem Quartier und versucht einen «Homeless» darzustellen, einen Obdachlosen.

Weit nach Mitternacht fahren immer noch viele durch Zürichs Strassen, hupen und schwenken Fahnen, tanzen und johlen: «USA, USA, USA.» Roy Hodgson sitzt später beim Bankett und sagt zu seiner Frau Sheila: «Ich habe den schönsten Job der Welt – nicht wahr, Darling?» Am anderen Morgen fragt eine ältere Frau in einem Café im Seefeld, wann diese Fussballer wieder spielen würden, das nächste Mal wolle sie unbedingt dabei sein. Bisher hatte sie sich nur für den Spielplan im Schauspielhaus interessiert.

So war das, damals, vor 26 Jahren. Als es eben nicht normal war, dass sich die Schweiz für ein Turnier qualifiziert.

Erstellt: 18.11.2019, 14:12 Uhr

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