Eine grosse Sehnsucht und eine grosse Last

Superstar Lionel Messi hat noch keinen Titel mit Argentinien gewonnen. An der Copa America in Brasilien probiert er es wieder.

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Es war bestimmt kein Zufall. Cristiano Ronaldo hielt nach dem Triumph Portugals an der Nations League am Sonntagabend in Porto eine Botschaft für die Fussballwelt bereit. Der Europameister von 2016 präsentierte publikumswirksam zwei Finger, um damit zu symbolisieren: zwei Titel mit Portugal! Im ewigen Wettstreit mit Rivale Lionel Messi, wer denn nun der bessere und grössere Fussballer sei, ist das ein nicht zu unterschätzendes Argument. Beide sind ja sogar sehr ernsthafte Kandidaten, wenn es um den Besten der Geschichte geht.

Lionel Messi hat mit Argentinien null Pokale gewonnen. Er wurde U-20-Weltmeister 2005 sowie Olympiasieger 2008, doch mit der ambitionierten Nationalmannschaft scheiterte er stets. Er gilt deshalb als irgendwie unvollendet. Trotz vier Titeln in der Champions League, zehn in der Primera Division, sechs im spanischen Pokal mit dem FC Barcelona. Trotz Siegen in Club-WM, Uefa-Super-Cup, Spaniens Super-Cup. Trotz fünf Weltfussballerauszeichnungen (wie Ronaldo) und unzähligen Torschützenkönigtiteln (wie Ronaldo). «Ich würde viel geben, um mit Argentinien endlich etwas zu gewinnen», sagte Messi letztes Jahr während der WM in Russland. Und schied bald, im Achtelfinal, 3:4 gegen den späteren Weltmeister Frankreich aus.

Die bitteren Niederlagen

So genial Lionel Messi ist, zu Hause wird er nicht nur geliebt. Zu früh verliess er die Heimat, zu unnahbar ist er, zu oft verliert er mit Argentinien, zu wenig identifiziert er sich mit der Auswahl. Heisst es. Vor drei Jahren trat er sogar völlig frustriert aus dem Nationalteam zurück, nachdem Argentinien im Final der Copa America Centenario in den USA gegen Chile unterlegen gewesen war und Messi einen Elfmeter verschossen hatte. Auch das WM-Endspiel 2014 gegen Deutschland in Rio de Janeiro sowie der Copa-Final 2015 gegen Chile waren enorm knapp verloren gegangen.

Messi kehrte zurück. Wie er auch nach seiner Pause letztes Jahr nach der Weltmeisterschaft wieder zurückkehrte. 67 Tore hat er in 130 Länderspielen erzielt, er würde alle eintauschen gegen einen Titelgewinn mit Argentinien. So sagte er das mal. Am 24. Juni wird er 32, an der nächsten WM in Katar ist er 35, die Argentinier stecken mal wieder im personellen Umbruch - viele Chancen werden sich Messi nicht mehr bieten. Vielleicht ist die Copa America dieses Jahr sogar seine letzte realistische Gelegenheit auf einen Triumph. «Wir gehören nicht zu den Favoriten», sagt Messi vor dem Start am Freitag schon mal vorsorglich. «Wir stecken in einem Prozess der Veränderung, das kann länger dauern.»

Die grosse Last

Manchmal hat man das Gefühl, Lionel Messi werde erdrückt unter der Last des Heilsbringers, der er für Argentinien sein soll. Dann wirkt er auf dem Spielfeld erstaunlich teilnahmslos und melancholisch, mit hängenden Schultern und trauriger Miene lässt er die Niederlagen über sich ergehen. Er steht im Nationalteam im Schatten des legendären Diego Maradona, in acht K.o.-Spielen an der WM erzielte er kein Tor. Es ist eine unfassbare Statistik für Messi, der mental zu wenig stark wirkt, um all die Hoffnungen seiner Landsleute zu tragen. Seit 1986 wartet Argentinien auf den dritten WM-Gewinn, seit 1993 auf den Titel bei der Copa. Mit dem 15. Erfolg an der 46. Austragung dieses Jahr würde das Land mit Rekordhalter Uruguay gleichziehen.

Ein Titel in diesem Sommer ausgerechnet in Brasilien, dem Land des grossen Rivalen Argentiniens, wäre besonders süss. Der Gastgeber aber ist auch ohne Neymar klar favorisiert. In der Gruppe B trifft Argentinien auf Kolumbien, Paraguay und Gastland Katar, zur Seite stehen Messi in der Offensive immer noch hochkarätige Fussballer wie Angel di Maria, Paulo Dybala und sein Freund Sergio Agüero. Messi ist Captain, zuletzt erzielte er im Testspiel gegen Nicaragua beim 5:1 zwei Tore und agierte spielfreudig wie selten im Nationaldress. Und dann sagte er am argentinischen TV: «Bevor ich meine Karriere beende, will ich mit Argentinien einen Titel gewinnen. Ich werde es immer wieder versuchen.» Für seine Verhältnisse war das eine ausserordentliche Kampfansage.

Lionel Messi wirkt in diesen Tagen fröhlich, er lacht viel, hat Spass, fühlt sich gut. Er gab zuletzt witzelnd sogar private Dinge bekannt, so mache sich einer seiner drei Söhne beim Fussballspielen im Garten jeweils lustig über ihn. «Ich bin Liverpool und Valencia, die haben dich geschlagen», sage der bald vierjährige Mateo, der sich auch über Tore von Real Madrid, dem Konkurrenten FC Barcelonas, freue.

Mehr verdient als Ronaldo

Die Argentinier jedenfalls sind bereit für die Copa America und froh über die Rolle des Aussenseiters. Wobei die Erwartungen zu Hause schon hoch sind. «Diese Copa ist schon jetzt die Copa Messi», schrieb die argentinische Zeitung «La Clarin», weil der Brasilianer Neymar verletzt fehlt. Nationaltrainer Lionel Scaloni, aus Rosario wie Messi, veränderte das System der Auswahl, Argentinien spielt im 4-3-3, Messi besitzt alle Freiheiten. Und muss bald wieder liefern, die wichtigen Spiele folgen ab dem Viertelfinal.

Wie gross Lionel Messi ist, verdeutlichte kürzlich auch die Liste des US-Magazins «Forbes» mit den bestverdienenden Sportlern weltweit. Lionel Messi lag erstmals auf Rang 1, mit 126 Millionen Franken Einnahmen in den vergangenen zwölf Monaten. Messi schlug all die anderen Superstars wie Roger Federer. Dritter wurde übrigens Neymar mit 104 Millionen Franken Verdienst. Und Zweiter? Cristiano Ronaldo mit 108 Millionen Franken. Daran dachte der Portugiese bei seiner Geste mit den zwei Fingern aber kaum.

Erstellt: 16.06.2019, 08:14 Uhr

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