Eine Institution geht

Bayern-Verteidiger Philipp Lahm beendet seine eindrucksvolle Karriere mit ein paar Tränen.

Auf einer Stufe mit Walter und Beckenbauer: Philipp Lahm während seiner Verabschiedung (20. Mai 2017). Foto: Matthias Balk (Keystone)

Auf einer Stufe mit Walter und Beckenbauer: Philipp Lahm während seiner Verabschiedung (20. Mai 2017). Foto: Matthias Balk (Keystone)

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Zuerst wollte Philipp Lahm Bäcker werden. Dann war sein Berufswunsch Banker. Geworden ist er keines von beidem, sondern einer der intelligentesten Fussballer Deutschlands. Seit Samstag 17:21 Uhr ist er kein Fussballer mehr, sondern Fussballrentner, dabei sieht er so jung aus, als könnte er noch zehn Jahre die Seitenlinie rauf- und runterrennen.

Carlo Ancelotti fragte ihn während der letzten drei Monate fast täglich, ob er nicht doch weitermache. Lahm liess sich von seinem letzten Trainer, den er bei Bayern München hatte, nicht erweichen. Es hätte überrascht: Lahm hat nie etwas entschieden, ohne sich das vorher eingehend überlegt zu haben.

Im Februar erklärte er: «Ich sehe meinen Führungsstil in der Art, dass ich jeden Tag versuche, mein Bestes zu geben. Es ist wichtig, jeden Tag, jedes Training und jedes Spiel alles zu geben. Und ich denke, dass ich bis zum Ende der Saison dazu noch fähig bin, aber nicht darüber hinaus.» Deshalb drehte sich am Samstag, dem letzten Spieltag der Bundesligasaison, so viel um den grossen Mann von 1,70 m. Um einen Aussenverteidiger, der das Spiel des Aussenverteidigers auf ein neues Niveau gehoben hat, um einen Fussballer, der immer auch Politiker war – und wenn nur in eigener Sache.

Er versuchte, alles aufzusaugen, was für ihn das letzte Mal war: das letzte Training, die letzte Übernachtung im Hotel vor dem Spiel, das letzte Mittagessen mit der Mannschaft, die letzte Fahrt ins Stadion, das letzte Mal die Treppen vom Kabinengang auf den Stadion­rasen hochgehen. Als er dann von Ancelotti ausgewechselt wurde, um ihm den Applaus der 70'000 Bayern-Fans zu sichern, floss die eine oder andere Träne. Lahm redete von einem gelungenen Abschied und hatte danach nur eines im Kopf: ­«Feiern. Ganz einfach.»

Heute in den Kindergarten

Lahm ist der Junge aus dem Münchner Stadtviertel Gern. Mit 11 kam er zum FC Bayern. Mit 33 geht er jetzt. Dazwischen lagen acht Meistertitel, sieben Cupsiege, ein Champions-League-­Triumph, ein Triple – und natürlich der WM-Titel. Lagen 385 Bundesliga-, 138 Europacup- und 113 Länderspiele, in denen er nur 48-mal die Gelbe, aber nie die Rote Karte sah. Nur alle eineinhalb Spiele beging er ein Foul, eine unfassbare Quote. Mehr Vergehen hatte er nicht nötig. So geschickt war er, um die Laufwege der Gegner ­vorauszuahnen.

«Die Zeit» erklärt ihn deshalb zu einem der drei bedeutendsten Fuss­baller, die Deutschland gehabt hat, dieses Land so reich an grossen Fussballern. Die Zeitung stellt Lahm auf eine Stufe mit Fritz Walter, dem Helden der Nachkriegsgeneration, und Franz Beckenbauer, dem Kaiser.

«Eine Institution» nennt ihn Mitspieler Mats Hummels, «ein herber Verlust für uns und für den deutschen Fussball.» Wenn Hummels das sagt, wird es schon stimmen. Er ist selber einer der gescheiten Köpfe in der Bundesliga. Was immer zu Lahm gehört hat, ist sein strebsames Wesen. Er wusste, wann und wie er sich positionieren musste: zum Beispiel 2010, als er Michael Ballack als Captain des Nationalteams verdrängte, oder 2014, als er am Tag nach dem Gewinn der WM seinen Rücktritt als Nationalspieler verkündete, oder in diesem Frühjahr, als er bei Bayern auf das Amt eines Sport­direktors verzichtete, weil er glaubte, zu wenig Einfluss zu haben.

Dass ein Lahm in ein Loch fällt, weil er den Fussball nicht mehr hat, ist undenkbar. Als Erstes wird er am Montag seinen Buben in den Kindergarten bringen.

Erstellt: 21.05.2017, 23:37 Uhr

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