Schweiz wie die Deutschen – der Auftaktsieg liefert 5 Erkenntnisse

Der 2:0-Sieg in Georgien zum Start in die EM-Qualifikation sorgt bei den Schweizern für Ruhe. Vor dem Spiel gegen Dänemark ist der grosse Druck weg, sagt Petkovic.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1. Glück gehabt

Es ist Tag 1 nach dem Georgien-Spiel. Rund um die Nationalmannschaft in Basel stellt sich die Frage: Wie gut geht es Fabian Schär? Ziemlich gut, wie Teamarzt Damian Meli mitteilt. Schär habe auch am Morgen nach dem rund vierstündigen Rückflug in die Schweiz «keine besorgniserregenden Symptome» gezeigt. Glück gehabt.

Es ist schon aussergewöhnlich, was am Samstag in Tiflis passiert ist. Es läuft die 24. Minute im ersten Schweizer EM-Qualifikationsspiel, als Schär und Jemal Tabidse heftig mit den Köpfen zusammenprallen.

Schär vermutet, kurz das Bewusstsein verloren zu haben. Mit- und Gegenspieler eilen herbei. Der Georgier Jano Ananidse greift in Schärs Mund und richtet die Zunge, um ihn vor dem Ersticken zu bewahren. Arzt Meli sprintet auf den Rasen.

Video: Schär prallt mit Tabidze zusammen

Schock-Moment für das Schweizer Nationalteam in Georgien: Nach einem Luftduell bleibt Fabian Schär bewusstlos liegen. Video: SRF

Der Schlag gegen den Kopf, der mutmassliche K.o., der leere Blick, die Koordinationsschwierigkeiten später beim Aufstehen – es sind keine guten Zeichen. In der NFL hätte Schär kaum weiterspielen dürfen. In der für Hirnerschütterungen sensibilisierten Football-Liga gilt das Credo: «In doubt, set him out.» Gibt es Zweifel, nimm ihn vom Feld. Das ist auch im Eishockey so.

Meli lässt Schär trotzdem weiterspielen. Er kann das begründen. Als er den Spieler erreicht, ist Schär «wach und orientiert». Meli untersucht Schär nach dem «Sport Concussion Assessment Tool» und stellt keine neuropsychologischen Defizite fest. Bei diesem von grossen Sportverbänden verbreitet angewendeten Test wird der betroffene Sportler in fünf Punkten gecheckt.

Bilder: Schär spielt angeschlagen durch

Für den früheren Fifa-Chefmediziner Jiri Dvorak ist das Vorgehen korrekt. Er sagt aber auch: Für eine saubere Abklärung bräuchte es eigentlich mehr als die knapp fünf Minuten, die es bei Schär waren. Dvorak plädiert für die Möglichkeit, einen Spieler temporär zu ersetzen und genau zu untersuchen. Dafür braucht es rund zehn Minuten.

In der zweiten Halbzeit wird Schär trotz zuerst «schwammigem Gefühl» und dauerhaftem Brummschädel zur grossen Figur der Schweizer. Er leitet mit einem phänomenalen Zuspiel über 50 Meter das 1:0 ein. Und er bereitet auch das 2:0 vor.

2. Wie einst Deutschland

Als die Deutschen im Fussball noch die Deutschen waren und Spiele fast selbstverständlich gewannen, taten sie das nicht immer auf begeisternde Art. Aber es hiess: So sind sie halt, erledigen ihre Arbeit, reife Leistung.

Wenn die Schweizer ihre Spiele gewinnen, und das tun sie inzwischen öfter als die Deutschen, dann sollen sie das auch noch auf glanzvolle Art tun. Das ist der Anspruch an sie im kleinen Land. So ist es eben: Das Volk zwischen Basel und Chiasso will auch unterhalten werden.

Der Samstag ist so ein Tag, an dem die Schweizer die ganze Gefühlspalette austesten. Zuerst sorgen sie für Verstimmung, weil sie zum Start nur den Eindruck machen, als könnten sie noch drei Stunden spielen und würden trotzdem kein Tor erzielen.

Mit der zweiten Hälfte kommt der Wandel, und mit ihm die Genugtuung, die Aufgabe doch noch erledigt zu haben – nicht gleich formvollendet, aber zumindest angemessen. Das 2:0 für die Schweiz gibt die Stärkeverhältnisse zwischen den Nummern 8 und 91 der Welt wieder. Die Schweiz ist ab der zweiten Halbzeit gar derart überlegen, dass sie weit mehr als nur die Tore von Steven Zuber und Denis Zakaria erzielen könnte. Sie ist letzten Endes reif genug, um die Pflicht zu erfüllen – eben so, als wäre sie das Deutschland von früher.

Das wirkt sich auch auf den Match von morgen aus, wenn es in Basel gegen Dänemark geht. Nationaltrainer Vladimir Petkovic findet: «Dank des Sieges gegen Georgien sind wir nicht unbedingt unter Druck.»

3. Eine Frage der Einstellung

Es ist nicht das erste Mal, dass die Schweizer unter Petkovic zu Beginn eines Spiels bei weitem nicht bereit sind. Das war bei ihnen allein an der WM im Sommer in Russland in drei von vier Spielen der Fall, es war auch im entscheidenden Gruppenspiel der Nations League gegen Belgien so. Gegen Serbien konnten sie das Resultat noch drehen; gegen Costa Rica reichte es irgendwie zum 2:2; der Achtelfinal gegen Schweden dagegen endete so trostlos, wie er begonnen hatte; gegen Belgien wurde aus einem frühen 0:2 ein 5:2.

Was für die Schweizer spricht: dass sie es immer wieder schaffen, innerhalb eines Spiels die Mentalität zu ändern. Dass sie reagieren können, weil sie erkennen, was sie falsch gemacht haben. Dazu passt der Kommentar von Granit Xhaka zum Match in Tiflis: «Wir waren in der Pause alle nicht zufrieden – vom Goalie bis zu den Stürmern. Und der Trainer war auch nicht angetan von unserer Leistung.»

Was gegen die Schweizer spricht: dass sie immer wieder zu einer Reaktion gezwungen werden, weil sie nicht ins Spiel finden. «Das kann viele Ursachen haben», sagt Xhaka am Samstag, ohne ins Detail zu gehen. Die Schweizer finden lange zu keiner Ordnung, wirken selbstgefällig, sind fehlerhaft, gewinnen kaum Zweikämpfe, vor allem in der Offensive nicht. Sie sind einfach schlecht.

«Ruhe bewahren, Gas geben»: Das ist Petkovics Erklärung in der Kurzfassung für die Steigerung nach der Pause. Vielleicht probiert es seine Mannschaft künftig mit dieser Formel schon von Anfang an. Sie könnte sich einige Sorgen ersparen, wenn sie von der ersten Minute an die richtige Mentalität und Einstellung finden würde. Dazu braucht es mehr als nur einen Kniff mit einer Systemumstellung von einem 3-4-3 auf ein 3-5-2 wie in Tiflis, mehr als nur den Beweis, wie flexibel die Spieler geworden sind. Es braucht vor allem einen Wandel im Kopf. Damit sollten die Schweizer am besten schon morgen gegen Dänemark beginnen.

Eine Frage der Haltung ist es auch, wenn es um Xhakas Verwarnung in Georgien geht. Die 89. Minute läuft, das Spiel ist entschieden, und Xhaka kommt tief in der gegnerischen Platzhälfte auf die Idee, den Ball wegzuschlagen. Unprofessioneller geht es nicht. Leistet er sich einen solchen Aussetzer in einer anderen Situation, kann das durchaus auch einmal ernstere Folgen haben als nur eine Verwarnung, es kann auch ein Tor kosten. Daran sollte Xhaka in den kommenden wichtigen Spielen denken.

4. Es braucht Seferovic

Mit Xherdan Shaqiri und Haris Seferovic fehlten zwei Spieler verletzt, die zusammen in 139 Länderspielen auf 39 Tore kommen. Shaqiri ist der Künstler, der zum Unberechenbaren fähig ist und immer dann vermisst wird, wenn es der Mannschaft nicht läuft. Seferovic ist der Arbeiter im Sturmzentrum, der selbst dann nicht laufmüde würde, wenn er nicht träfe.

Auf Dauer braucht es Shaqiri. Er mag seine Aussetzer haben, aber spielerisch hat er ein Talent wie sonst kein Schweizer.

Es braucht im Sturmzentrum auch Seferovic, wenn er so auftrumpft wie gegen Belgien, als er drei Tore erzielte. Das Ereignis vom 18. November hat ihn derart beflügelt, dass sich das im Verein bis Ende Februar ausgewirkt hat. Innert acht Spielen erzielte er für Benfica Lissabon elf Tore. Seferovic in dieser Verfassung hätte in Tiflis das eine oder andere Goal erzielt.

Das erste Qualifikationsspiel für die nächste EM dient Mario Gavranovic nicht als Bewerbungsvideo für künftige Einsätze. In der ersten Halbzeit ist er völlig verloren, weil er aus dem Mittelfeld und von den Partnern auf der Seite, Embolo und Zuber, keine Unterstützung erhält. Er hat nicht eine gute Szene, und als sich ihm nach der Pause die Chance dazu bieten würde, weil er vor dem Tor frei steht, sucht Freuler selbst den Abschluss.

Auf Gavranovic folgt Albian Ajeti, er hat gleich drei Möglichkeiten. Er nutzt keine. Trotzdem dürfte er morgen gegenüber Gavranovic im Vorteil sein.

5. Zuber hat einen Lauf

Er trifft und trifft und trifft zwar schon. Aber wenn es nach Steven Zuber geht, gibt es bald noch mehr von allem. «Noch mehr Tore, noch mehr Assists, noch mehr Siege für meine Mannschaften.»

Fünf Mal ist der 27-Jährige in den vergangenen fünf Partien für den VfB Stuttgart erfolgreich gewesen, der Club steckt im Abstiegskampf. Gemischt mit der Nationalmannschaft ist jetzt für Zuber Goal Nummer 6 in Match Nummer 6 dazugekommen. «Zuber trifft fast immer», sagt deshalb ein Reporter nach dem Match zu ihm. Zuber antwortet: «Ist doch gut, oder?»

Als die Nationalmannschaft vor sieben Tagen in Zürich zusammenkam, sagte der Tösstaler: «Manchmal kannst du im Fussball nicht erklären, wie, wo, was.» Und doch hat er das Gefühl, die Gründe zu kennen für sein Hoch: die Arbeit im Training. Sein Wille, immer noch etwas weiterzukommen.

Zuber bringt die Schweiz in Tiflis in Front. (Video: SRF)

In der Nationalmannschaft hat sich Zuber in den vergangenen Wochen fast unbemerkt als Stammkraft etabliert. Gestützt hat er seine Position auch mit regelmässigen Toren. Und wichtigen Toren. Wie an der WM, als ihm gegen Brasilien das 1:1 gelang. Oder jetzt in Tiflis mit dem 1:0, das für die Schweiz wie ein «Dosenöffner» (Zuber) wirkte.

Es ist für Zuber der 6. Treffer im 22. Einsatz für die Schweiz, im Schnitt erzielt er 0,27 Tore pro Match. Damit erreicht er fast das Niveau von Haris Seferovic (0,29) oder Xherdan Shaqiri (0,28). Jetzt noch ein Treffer gegen Dänemark, dann hätte er die beiden überholt.

Erstellt: 24.03.2019, 23:25 Uhr

Artikel zum Thema

Erst schwach, dann souverän

SonntagsZeitung Der Schweizer Sieg gegen Georgien könnte der Mannschaft den Druck nehmen im kommenden Spiel gegen Dänemark. Mehr...

Wie vernünftig war es, dass Fabian Schär weiterspielte?

Video Mediziner warnen vor Hirnerschütterungen. Fabian Schär spielte trotz beunruhigenden Symptomen weiter. Die Gründe. Mehr...

Die Einzelkritiken – von Strumpfhosen und Dosenöffnern

So gut waren die Schweizer Nationalspieler beim 2:0-Sieg in Georgien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht Gastfreundschaft

Geldblog Vifor bleibt eine Wachstumsgeschichte

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...