Eine neue Debatte ums politische Gewissen

Deutschlands Spiel in Estland lebt von zwei Protagonisten, deren Aussendarstellung den DFB ins Schwitzen bringt: Ilkay Gündogan und Emre Can.

Hand aufs Herz, Hand auf Deutschland: Ilkay Gündogan behauptet, er wollte kein politisches Statement absetzen.

Hand aufs Herz, Hand auf Deutschland: Ilkay Gündogan behauptet, er wollte kein politisches Statement absetzen. Bild: Keystone

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Auf diese Idee hätten sie beim DFB aber auch mal früher kommen können. Der Pressesprecher als Manndecker, damit wäre man schwupps um die ganzen Umstände herumgekommen. Im Grunde wäre es gar nicht nötig gewesen, Emre Can umzuschulen. Es hätte auch keine Dringlichkeit bestanden, Niklas Süle phasenweise hinten eine einsame Einserkette spielen zu lassen. Es hätte einzig und allein Jens Grittner gereicht, der Zuständige fürs Mediale, der in der Tallinner «A. Le Coq»-Arena beim Gedrängel zum Teambus nicht von Ilkay Gündogans Seite wich. Grittner war nah am Mann, er passte fürwahr gut auf, dass Gündogan, 28, in keine Zweikämpfe an den Mikrofonen verwickelt würde.

Er schleuste den sogenannten Mann des Abends durch ein Spalier aus Fragen, Kamera-Kabeln und kreischenden estnischen Fans. Und am Ende blieben von Gündogan keine verwerflichen Sätze hängen, nur Erklärungen für das, was sich wieder mal ausserhalb des Platzes abgespielt hatte. Im Internet nämlich, drüben bei Instagram. Dieser Auftritt in Tallinn, wo die deutsche Nationalelf ein mühsames 3:0 (0:0) ergatterte, hatte ja allerlei Kurioses geboten, mitunter auch Spannendes. Und er hatte mit Gündogan und Can zwei Protagonisten hervorgebracht, deren Aussendarstellung den Verband ganz schön ins Schwitzen brachte.

«Likes» für den Militärjubel der türkischen Nationalmannschaft

Sichtbar wurde das an Grittners ernster Miene, die sich erst entspannte, als er Gündogan schliesslich von zwei Selfie-Jägern loseiste und in den Bus lotste. Hängengeblieben war vor allem der erste Satz, den Gündogan sprach: «Krass, was heutzutage für Geschichten geschrieben werden,» sagte der zweifache Torschütze, der ganz nebenbei sein bisher bestes Länderspiel abgeliefert hatte. Wobei man sagen muss, dass er selbst schon ein wenig mitgeschrieben hat an der «Geschichte» um seinen «Like» für den Militärjubel der türkischen Nationalmannschaft beim Spiel gegen Albanien.

Kurz zusammengefasst hatten Gündogan und Can bei einem umstrittenen Foto des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun mit seinen Kollegen den digitalen Daumen hochgehoben. Die Nationalspieler der Türkei grüssten auf dem Spielfeld und auch später in der Kabine per Handgeste ihre Truppen, die gerade Krieg gegen Kurden in Nordsyrien führen. Mittlerweile sind die «Likes» der Deutschen annulliert, aber die Aufregung schwer einzufangen. Dürfen deutsche Nationalspieler einem alten Freund aus Jugendtagen (beide kennen den in Wetzlar geborenen Tosun aus diversen U-Mannschaften) beim Salutieren für türkische Militärs applaudieren? Lässt ein solches Bild eine andere Lesart zu als jene, dass der Kampf gefeiert wird und der Heldentod verherrlicht?

Türkische Spieler salutieren nach einem Tor von Cenk Tosun (Nummer 9). (Bild: Reuters)

Diese Fragen beschäftigen nun öffentliche Fussballgerichte. Und auch der DFB steckt erneut in einer Debatte um Zugehörigkeit und das politische Gewissen seiner Akteure.

Die Beteiligten gaben sich Mühe, die Sache kleinzureden. So fand zum Beispiel Delegationsleiter und DFB-Direktor Oliver Bierhoff «dass es schon schwer ist für die Jungen, es war ein Like, der einem ehemaligen Kollegen galt» und vielen anderen Spielern gefiel das Posting schliesslich auch. Aber Bierhoff sagte auch etwas nebulös: «Natürlich macht man sich Gedanken.» Gündogan und Can hatten sich derlei offenbar eher weniger gemacht, sie drückten halt aufs Knöpfchen, ohne um die Wucht einer solchen Meinungsäusserung in aller Öffentlichkeit zu wissen. «Es hatte absolut keine politische Bedeutung, ich wollte nur meinen Freund zu seinem Tor beglückwünschen», erklärte Gündogan, in dessen Blick tatsächlich so etwas wie aufrichtiges Unverständnis zu erkennen war.

Vergangenheit mit dem Erdogan-Foto schwirrt durch den Raum

Es sei immer eine Sache der Interpretation, wie so etwas gemeint sein könnte und er könne es jetzt nicht mehr ändern. Gündogans Vergangenheit mit dem ikonisch gewordenen Erdogan-Foto an der Seite von Mesut Özil und Tosun vor der WM 2018 schwirrte sofort wieder durch den Raum – auch wenn Gündogan gut daran tat, diesmal gleich Aufklärung zu betreiben. Etwas weniger Offenheit zeigte Can, 25, der in der Interviewzone zwar angab, sein Like für Tosuns Soldatenpose sei rein «sportlich gemeint» gewesen, gleichzeitig aber den Vorwurf erhob «die Medien interpretieren immer alles». Auf Nachfragen zog er irritiert die Augenbrauen zusammen und verschwand mitten im Gespräch – ihm fehlte sichtlich die Souveränität.

Ein Bild, das für viele Diskussionen sorgte: Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Bild: Keystone)

Ironischerweise waren Gündogan und Can auch in sportlicher Hinsicht prägend für diesen am Ende erfolgreichen Ausflug an die Ostsee. Schliesslich hatte Can wie schon im Test gegen Argentinien als Aushilfs-Innenverteidiger angefangen – er hatte sogar «gut angefangen», wie er fand. Doch dann erreichte ihn ein fehlerhaft adressierter Querpass von Niklas Süle zu spät und er musste gegen einen Menschen namens Frank Liivak ins Bodenduell. Can grätschte, es sah alles saublöd aus, irgendwie. Der Schiedsrichter gab ihm die früheste Rote Karte beim DFB seit den heiligen Tagen von Robert Huth 2005 – und Löws Männer mussten plötzlich alles auf links krempeln.

Dass Löws zerrupfte und arg ersatzgeschwächte Elf sich trotzdem noch erholte und in der zweiten Hälfte zu zehnt klar dominierte, lag auch an Gündogan. Der Mann, den Pep Guardiola bei ManCity mittlerweile unersetzlich findet, war der «Taktgeber, er war heute Gold wert», wie Manuel Neuer lobte. Der Kapitän führte auch gleich noch eine passende Vokabel für Gündogans Expertise ein: «Er hatte das richtige Balltempo.» Tatsächlich kann kaum ein Deutscher ausser Toni Kroos Balance und Rhythmus der Nationalelf so wohl dosieren wie Gündogan. Gegen Estland wirkte sein strategisches Gespür wie ein Wohlfühlbad für die teils hektischen Kollegen.

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Hinzu kamen seine Tore. Jene Szenen zum 1:0 und 2:0, ein Dropkick (51. Minute) und ein Direktschuss (57. Minute), ähnelten sich derart, dass die Esten nun wohl erst einmal genug Gündogan erlebt haben dürften. So war es nach Timo Werners 3:0 (71.) ausgerechnet Löw, der mit seiner eigenen Weltsicht eine, nun ja, erstaunliche Analyse der Gesamtlage lieferte. «Ilkay hat das beste Statement auf dem Platz gegeben, man darf die Spieler nicht an den Pranger stellen», sagte der Bundestrainer – dabei hatte Gündogans Qualitäten als Fussballer doch gar niemand bezweifelt.

Erstellt: 14.10.2019, 10:01 Uhr

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