Eine stolze Fussballnation steht vor dem Umbruch

Verlorene Talente, abtretende Altstars und zum zweiten Mal in Folge ein grosses Turnier verpasst – immerhin Letzteres könnte für Holland ein gutes Omen bedeuten.

Der Abschied eines Grossen: Arjen Robben wird nicht mehr für Holland spielen.

Der Abschied eines Grossen: Arjen Robben wird nicht mehr für Holland spielen. Bild: Reuters

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Das Spiel hatte noch gar nicht begonnen, da war abzusehen, wie dieser Abend enden würde, zumindest für einen. Gerade lief die niederländische Nationalhymne vor dem Spiel gegen Schweden, die Kamera fuhr an den Spielern vorbei. Sie war jetzt am Ende angekommen, ganz ausen, beim Kapitän, und zoomte auf dessen Gesicht. Man sah: den singenden Arjen Robben. Und unter seinem Auge glitzerte eine Träne.

«Dat was het dan» – das Algemeen Dagblad fasste den Dienstagabend wahrscheinlich am treffendsten zusammen – das war es dann. Genauer gesagt war es ein Abend, der für den niederländischen Fussball gleich zwei grössere Brüche mit sich brachte. Der eine war das 2:0 gegen Schweden, das nicht mehr reichte, um noch in die Playoffs für die WM 2018 zu rutschen. Der andere Bruch, das war der Rücktritt des besten Spielers, den die Elftal in den vergangen Jahren hatte; des Spielers, der auch den Dienstagabend bestimmt hatte. Es war der Nationalmannschafts-Rücktritt von Arjen Robben.

«Ein guter Moment, um den Stab zu übergeben»

«Ich habe da schon lange drüber nachgedacht», sagte er hinterher dem Fernsehsender NOS, die Fans hatten ihn kurz zuvor minutenlang besungen. Er sei jetzt 33 Jahre alt, bei der EM 2020 wäre er 36. Er spiele bei einem Top-Klub, dem FC Bayern, und da müsse er nun mal Entscheidungen treffen. «Meine Entscheidung ist, dass ich mich voll auf den Klub konzentrieren möchte. Und ich glaube, es ist ein guter Moment, um den Stab zu übergeben.»

Ob es wirklich so ein guter Moment ist, zumindest für die Niederlande, das ist eine der ungeklärten Fragen. Der Dienstag zeigte ja, wie abhängig Oranje von Robben ist beziehungsweise: war. Mit sieben Toren Unterschied hätten die Niederländer gegen Schweden gewinnen müssen, um den Gegner noch in der Tabelle zu überholen, um doch noch die Playoffs zu erreichen; Frankreich sicherte sich überlegen Platz eins. Ernsthaft damit gerechnet hatte niemand mehr, aber in der ersten Halbzeit durften die Niederländer zumindest ein wenig hoffen. Das lag an Robben.

Robben übernimmt Verantwortung

Erst schnappte er sich einen Elfmeter nach Handspiel von Victor Lindelöf. Er versuchte den sogenannten Panenka, er wollte den Ball ins Tor lupfen, wobei sein Schuss unterwegs die Höhe verlor – glücklich flog der Ball mittig, schwach und flach ins Tor. Kurz vor der Halbzeit rehabilierte Robben sich aber, indem er einen Pass von Ryan Babel derart wuchtig, derart platziert ins Tor schoss, dass dieser lässig getretene Elfmeter niemanden mehr interessierte. Robben klatschte, er ermunterte seine Mitspieler auffallend oft, er zeigte so viel Einsatz, dass er womöglich eine Bachelor-Arbeit zum Thema «Willen» schreiben könnte. Andererseits: Zu sieben Toren reichte es nicht mehr, nicht mal zu drei Toren.

Robbens starker Auftritt konnte eines der Probleme im niederländischen Fussball kaum überstrahlen. In den Niederlanden gebe es «zu wenig Toptalent», hatte die Zeitung De Volkskrant schon nach dem 3:1 gegen Weissrussland am Wochenende notiert. Zu viele eigentlich gute Spieler schwächelten im Ausland, wo sie meist auf der Bank sässen. Als Beispiel diente dem Blatt Vincent Janssen, der 2016 für 22,1 Millionen Euro von Alkmaar zu Tottenham ging – von dort aber schon in diesem Sommer zu Fenerbahce Istanbul verliehen wurde. Gegen Schweden wurde er nach 45 Minuten ausgewechselt. Auch Memphis Depay, einst als grosses Versprechen gehandelt, schaffte es bei Manchester United nicht zum tragenden Profi, er spielt inzwischen bei Olympique Lyon.

Die die vergangenen Jahre prägenden Spieler haben hingegen ein Alter erreicht, mit dem sie der Elf beim Turnier 2020 eher nicht werden helfen können: Wesley Sneijder ist 33, Robin van Persie 34. Und jetzt hört auch noch Arjen Robben auf.

Doch ein gutes Omen?

Das alles wird nur bedingt durch den Umstand gemildert, dass das Glück die Niederländer in der Qualifikation nicht ausschliesslich begünstigt hatte. Hätte das so überlegene Frankreich wirklich dieses eine Spiel gegen Schweden verlieren müssen? Waren die Niederländer in zwei Duellen gegen Schweden nicht eigentlich besser (1:1, 2:0)? Bondscoach Dick Advocaat, angetreten nach dem fünften Spieltag als Nachfolger von Danny Blind, glaubte diese WM-Qualifikation jedenfalls schon «verloren, als ich begann». Ihm gelangen trotzdem vier Siege in fünf Spielen. Dass der 70-Jährige Nationaltrainer bleibt, gilt als unwahrscheinlich.

Viele reden jetzt über die Strukturen in den Niederlanden, die verbessert werden müssen. Die Debatte ist nicht ganz neu, schon die EM 2016 hatte Oranje verpasst. Es geht um die Ausbildung der Spieler, um Taktik, um Mentalität, so was. Aber wer weiss? In den 80er Jahren verpassten die Niederlande gar drei Turniere in Folge, die WM 1982, die EM 1984 und die WM 1986. Doch beim nächsten Turnier, der EM 1988, hiess der Europameister: Oranje. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.10.2017, 10:40 Uhr

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