«Einen Aufstieg kann man nicht planen»

Der FCZ startet heute gegen Winterthur in die Challenge League. Der Sportliche Leiter Thomas Bickel fordert von der Mannschaft mutigen Tempofussball. Dem streitbaren Präsidenten Ancillo Canepa will er auf Augenhöhe begegnen.

Seine Überzeugungen vertrete er «hart und unnachgiebig», sagt Thomas Bickel. Foto: Reto Oeschger

Seine Überzeugungen vertrete er «hart und unnachgiebig», sagt Thomas Bickel. Foto: Reto Oeschger

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Wo liegt Baulmes?
Das ist ein Dorf in der Nähe von Yverdon. Mit rund 1000 Einwohnern ist es, so meine ich jedenfalls, eine der kleinsten Gemeinden im Kanton Waadt.

Das kleine Baulmes hat ein ­bemerkenswertes Fussballstadion mit 2500 Plätzen. Kennen Sie es?
Ja natürlich. Wir spielen dort in zwei Wochen gegen Le Mont.

Wie sehr schmerzt es, dass Ihr Club künftig in Provinzarenen wie in Baulmes statt in den grossen ­Schweizer Stadien antreten muss?
Der Abstieg hat viel Substanz gekostet. Es brauchte eine gewisse Zeit, um dies zu verarbeiten. Doch irgendwann muss diese Phase abgeschlossen sein. Das ist sie nun, die schlechten Gefühle sind überwunden. Und wir wissen, was auf uns zukommt. Es ist möglich, dass wir in der Europa League bei Manchester ­United im Old Trafford spielen und kurz darauf in der Schweizer Provinz. Für uns gilt: Die Meisterschaft hat Priorität.

Ist die Teilnahme an der Challenge League für den FCZ nur Frust oder auch Chance?
Der Club steht vor einem Neubeginn, der auch eine Chance sein kann. Aber Achtung! In der Abstiegssaison lief einiges nicht optimal, das ist in ein paar ­Wochen nicht zu korrigieren. Dazu ist ein wenig mehr Zeit nötig. Klar ist: Die Saison in der Challenge League wird für den FCZ kein Selbstläufer.

Wie schwierig wird denn die Saison?
Ein guter Saisonstart ist immer von Vorteil. Die Mannschaft, ja der ganze Club, muss sich Vertrauen und Sicherheit ­wieder erarbeiten. Und die Mannschaft muss einen positiven Fussball spielen. Das ist für mich entscheidend.

Der FCZ ist erster Aufstiegsanwärter.
Einen Aufstieg kann man nicht planen. Aber wir arbeiten jeden Tag hart, und wenn wir mit einem gesunden Mass an Bescheidenheit an die Aufgaben herangehen, dann kommt es gut mit dem FCZ. Ich glaube, wir haben unsere Hausauf-gaben gemacht, dass wir das Kader richtig zusammengestellt haben, wir eine gute Atmosphäre haben, dass wir wieder eine Mannschaft mit Eigenschaften auf dem Platz sehen werden . . .

. . . was meinen Sie damit?

Dass wir mutig und furchtlos spielen, mit Selbstvertrauen, mit Intensität und Tempo.

Der FCZ ist die Mannschaft, die jeder schlagen will. Für jeden ­Gegner ist das Heimspiel gegen den FCZ das Spiel des Jahres.
Das stimmt schon. Aber wir wollen auch jedes Spiel unbedingt gewinnen. Die Qualität wird letztlich entscheiden. Und wie ich es einschätze, hat unser Kader viel davon. Und genügend Erfahrung ist auch vorhanden.

Sie sagen, der Aufstieg sei nicht planbar. Und doch muss der ­sofortige Wiederaufstieg für den FCZ das Ziel sein.
Ja, das wurde klar definiert, das weiss ­jeder im Verein. Das Ziel ist der sofortige Wiederaufstieg. Und wir sind auch den Zuschauern etwas schuldig. Es wurden mehr Saisonkarten verkauft als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr. Der FCZ bewegt die Leute nach wie vor. Für mich ist wichtig, dass sie auf dem Platz eine Mannschaft sehen, die Spass macht.

Diese Mannschaft wurde nach dem Abstieg ziemlich stark verändert, es gab gewichtige Abgänge wie Bua, Grgic, Kerschakow, Sanchez . . .
. . . die Veränderungen waren die logische Folge des Abstiegs – und nötig. Und wir haben ja auch einige Zuzüge zu verzeichnen. Wir haben dabei vorzugsweise auf Schweizer Spieler oder Spieler aus der Schweizer Liga gesetzt, auf Leute mit Qualität, einer guten Mentalität und einem starken Charakter.

Drohen weitere Abgänge? Buff? Sadiku? Etoundi?
Es ist ein laufender Prozess. Ich denke, dass es weitere Abgänge geben wird, ­sicher aber auch noch den einen oder anderen Zuzug.

Trainer Uli Forte sagt, er wolle nur Spieler im Kader haben, die sich vorbehaltlos zum FCZ bekennen. Er werde keinen überreden, beim Club zu bleiben, falls er gehen wolle.
Das kann ich bestätigen. Es macht keinen Sinn, einen abwanderungswilligen Spieler zu halten. Ein trotziger Fussballer ist immer schlecht für die Stimmung in einer Mannschaft.

Sie sprachen von den guten Spielern, die der FCZ verpflichtet hat. Wie beurteilen Sie die einzelnen, zum Beispiel Andris Vanins?
Er ist unsere neue Nummer 1 im Tor. Er hat viel Routine, er strahlt Ruhe und ­Sicherheit aus, er ist eine Persönlichkeit.

Genügt das, um ihn mit 36 mit einem Dreijahresvertrag auszustatten?
Wir haben ihn aufgrund seiner Qualitäten und seiner Fitness verpflichtet.

Kay Voser?
Ein erfahrener Schweizer Spieler, sehr intelligente Spielweise und technisch versiert, er wird sich oft in die Offensive einschalten.

Adrian Winter?
Er bringt uns, wie auch Roberto Rodriguez, viel Tempo auf der Seite und ist torgefährlich. Nebst der Spielweise passen beide auch menschlich zum FCZ.

Dzengis Cavusevic?
Er war schon länger auf unserem Radar. Wir sehen ihn klar als eine unserer Sturmspitzen im Zentrum.

Alle diese Zuzüge sind bereits in einem reiferen Alter. Revidiert der FCZ seine langjährige Strategie, auf die vereinseigene Jugend zu setzen?
Nein. Wir verpflichten momentan nur in absoluten Ausnahmefällen junge Spieler aus dem Ausland, wir ziehen ihnen unsere eigenen Fussballer aus der FCZ-Academy vor . . .

. . . und stellen ihnen erfahrene Spieler mit einem Schweizer ­Background zur Seite?
Wenn möglich, ja. Und diese erfahrenen Spieler sollten mindestens tauglich für die Super League sein und auch in der Europa League eine gute Rolle spielen.

Welchen Stellenwert hat für den FCZ die Europa League?
Der Spagat zwischen der Challenge League und der Europa League wird nicht einfach werden. Und es gibt ja auch noch den Schweizer Cup – wir brauchen deshalb ein grosses Kader.

Sind 27 Spieler nicht zu viel? Es wird rasch Unzufriedene geben, weil sie nicht zum Einsatz kommen.
Das definitive Kader ist noch nicht ­bestimmt. Es ist die Aufgabe des Trainers und von mir, keine Unzufriedenheit aufkommen zu lassen. Wir wollen eine Einheit sein, eine Mannschaft. Und zu einer intakten Mannschaft gehören ­Ersatzspieler, die nicht sofort aufbegehren, wenn sie einmal nicht spielen. Das Schweizer Nationalteam an der EM in Frankreich hat dafür ein gutes Beispiel geliefert.

Es gibt im Moment verletzte Spieler. Klar ist, dass Brecher und Kleiber nach Kreuzbandrissen noch ­geraume Zeit ausfallen. Wie aber steht es um Chiumiento, Etoundi und Yapi?
Chiumiento und Etoundi sind beim Start sicher nicht dabei, Yapi ist fit und sollte spielen können.

Und der Dauerpatient Marco Schönbächler?
Er trainiert voll mit und ist in den Testspielen auch zum Einsatz gekommen, wir freuen uns alle über diese Entwicklung. Aber man darf von ihm noch nicht zu viel erwarten: Er hat 15 Monate nicht gespielt.

Haben Sie das Kader allein ­zusammengestellt?
Ich habe den Lead in der Sportkommission, aber jeder Transfer war Teamarbeit. Ein externer Berater war ­begrenzt involviert. Er nimmt seine Arbeit im September auf. (Anmerkung: Es soll sich um Peter Knäbel handeln, der zuvor für den FC Basel, den Schweizer Verband und zuletzt für den HSV arbeitete.)

Letztlich entscheidet aber nach wie vor Präsident Ancillo Canepa, ob ein Transfer vollzogen wird? Ob er finanziell machbar ist?
Ob er finanziell machbar ist, ja. Aber das ist in fast allen erfolgreichen Vereinen der Fall. In Basel sagt in letzter Instanz auch Präsident Bernhard Heusler zu einem Transfer Ja oder Nein. Der Austausch zwischen Canepa, Forte und mir funktioniert gut.

Gibt Ihnen Canepa genügend ­Freiraum und Kompetenzen, damit Sie Ihre Aufgabe optimal erfüllen können?
Ja. Aber eine nachhaltige Entwicklung im Verein ist ein Prozess, und der braucht Zeit.

Gibt er Ihnen diese Zeit? Bis anhin hat er ja vieles allein entschieden.
Wir sind verschiedene Charaktere. Er ist ein charismatischer und intelligenter Typ, mit Ecken und Kanten. Damit habe ich kein Problem.

Hat er die Lehren aus dem Abstieg gezogen, indem er die Verantwortung nun auf mehrere Schultern verteilt?
Er hat die vergangene Saison reflektiert und die Schlüsse daraus gezogen.

Sie gelten als zuvorkommende und höfliche Person. Viele Leute im Umfeld des FCZ bezweifeln, dass der nette Herr Bickel dem impulsiven Präsidenten auf Augenhöhe ­begegnen kann.
(lächelt) Ich denke nicht, dass mich diese Leute wirklich kennen. Ich bin vielleicht ein besonnener und ausgeglichener Mensch, aber ich kann meine Ideen und Überzeugungen hart und ­unnachgiebig vertreten.

War es denn Ihre Idee, dass Forte trotz des Abstiegs Trainer bleibt? Sie sollen Ciriaco Sforza favorisiert haben.
Letzteres stimmt nicht. Ich stehe voll und ganz hinter Uli Forte.

Sie sind seit drei Jahren zurück beim FCZ und wirkten zunächst als Scout und Talentmanager. Vorher aber waren Sie 15 Jahre weg vom Fussball und arbeiteten in der Gastronomie. Besitzen Sie genügend Know-how und ein ausreichendes Netzwerk von Beziehungen und Kontakten für die sportliche Leitung des Clubs?
Ganz weg vom Fussball war ich ja nie. Ich habe immer bei den Swiss Legends Fussball gespielt. Das ist eine Mannschaft von ehemaligen Schweizer Nationalspielern, von denen ein beträchtlicher Teil im Fussball arbeitet. Glauben Sie mir: Ich habe überall die nötigen Kontakte. Ich lerne schnell, ich weiss, dass neben dem Spiel auf dem Platz auch ein Spiel neben dem Platz stattfindet.

Was soll sich denn beim FCZ unter dem Sportlichen Leiter Thomas Bickel konkret ändern?
Im Moment konzentriere ich mich auf die erste Mannschaft, auf die sportlichen Abläufe. Ich will den Trainer entlasten, er soll sich ganz auf die erste Mannschaft fokussieren können, auf die Spieler, das Training, die Aufstellung und die Spiele. In absehbarer Zeit werde ich mich auch wieder intensiver um die Entwicklung in den Bereichen Academy, Talentmanagement und Scouting kümmern können.

Vieles davon hat vorher Ancillo Canepa erledigt. Kann er überhaupt loslassen?
Ja. (lächelt) Er weilte ja während des ­Endes der Vorbereitung auf die neue ­Saison in den Ferien. Ich denke, allein schon dies ist ein Vertrauensbeweis an seine Angestellten. Er lässt uns arbeiten. Eines ist für mich klar: Der FCZ braucht einen Präsidenten an der Front. Er braucht die Canepas.

Erstellt: 24.07.2016, 19:39 Uhr

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