Emotionen statt Schweinebraten

Alain Sutter ist keiner aus der breiten Masse. Als Sportchef des FC St. Gallen will er nun trotzdem auf seine Art daran arbeiten, dass die Massen ins Stadion kommen.

Alain Sutter ist zu dem Mann geworden, der sagt: «Keiner ist so viel zusammen mit mir wie ich. Ich kann gut allein mit mir sein.» Foto: Toto Marti (Blick/Freshfocus)

Alain Sutter ist zu dem Mann geworden, der sagt: «Keiner ist so viel zusammen mit mir wie ich. Ich kann gut allein mit mir sein.» Foto: Toto Marti (Blick/Freshfocus)

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Für die einen hiess er «Susi», wegen seiner Feinfühligkeit, wegen seiner wehenden blonden Locken. Für die anderen war er ein Rebell, weil er einmal, 1995, an vorderster Front der Nationalspieler gegen französische Atomtests protestierte. Die einen liebten früher seine ­Individualität auf dem Fussballplatz, die anderen störten sich später an seinen psychologisch angehauchten Analysen am Fernsehen, wenn die Nationalmannschaft spielte.

Zu seinen Zeiten bei GC hatte er sich einen Oberkörper wie ein V antrainiert, voller Muskeln. Später in München donnerte Uli Hoeness, der damals der Manager war: «Sutter muss nur mal ab und zu auf sein Müsli verzichten und sich einen ordentlichen Schweinebraten einverleiben.» Alain Sutter, inzwischen wieder ohne Muskelberge, konterte: «Wie man aussieht, wenn man zu viel Schweinebraten isst, sieht man an Herrn Hoeness.»

Er galt als Jahrhunderttalent, zumindest für Schweizer Begriffe, er war wohl nie besser als an der WM 1994, als er einmal sogar mit einem gebrochenen Zeh spielte. Er hat aber die Erwartungen nie ganz ­erfüllen können, zumindest nicht die öffentlichen. Er wurde nie zum Jahrhundertspieler. Dafür ist er zum Menschen ­geworden, der mit sich im Reinen ist.

Matthias Hüppi und Sutter während der WM 1994 in den USA.

Alain Sutter sitzt in seiner Coaching­praxis, untergebracht in einer Seitenstrasse in Wettingen. Hier hat er in den letzten fünf Jahren Menschen geholfen, mit Krisen, Stress und Druck umzugehen. «Stressfrei glücklich sein» heisst das erste Buch, das er als Anleitung zum ­Leben verfasst hat, «Herzensangelegenheit» das zweite. Die Botschaft heisst: Wenn die Freude und nicht das Resultat im Mittelpunkt des Handelns steht, ist man zwangsläufig erfolgreich.

Jetzt tritt er an, sich in dem Metier durchzusetzen, das sich wie kaum ein anderes zuerst einmal übers Resultat ­definiert: im Fussball. Am 3. Januar wurde er, der einmal vier Monate Vizepräsident von GC gewesen war, als Sportchef des FC St. Gallen vorgestellt.

Für drei Jahre mit Option auf eine ­Verlängerung unterschrieb er. So lange muss der Vertrag schon laufen, damit es Sinn macht für ihn, zum grossen Teil das aufzugeben, was er sich aufgebaut und was sein Leben ausgefüllt hat. Dazu ­gehörte auch die Arbeit als Fussball­experte beim Fernsehen.

Yogakurse auf Mallorca wird er mit ­seiner Frau weiterhin anbieten, er wird auch einzelne Klienten in seiner Freizeit weiterhin betreuen, weil er sich gelegentlich aus dem Tagesgeschäft in St. Gallen ausklinken will, um nicht ­betriebsblind zu werden. Das hat er sich an seinem neuen Arbeitsort ausbedungen. Und es sagt viel über ihn aus, über sein Denken und seine Art, darüber, dass er keiner für den Mainstream ist und keiner aus der Masse.

Spät geschlafen, früh erwacht

Als St. Gallens neuer Präsident Matthias Hüppi ihn Ende Dezember anrief und ihm das Amt als Sportchef antrug, hatte Sutter zwar nicht gleich schlaflose Nächte, aber er schlief später ein und wachte früher auf, weil «der Denkmotor» lief. Dann fuhr er nach St. Gallen und stellte sich während zweier Stunden dem Verwaltungsrat vor, er hielt einen Monolog darüber, wie er funktioniert, wie er sich die Arbeit vorstellt, welche Werte er pflegt. Das war ihm ganz wichtig: über Werte zu reden und die Kultur des respektvollen Umgangs miteinander.

Wie die Leute mit ihm sind, steht für ihn dabei nicht an erster Stelle. «Ich bin der Chef, mit mir sind alle nett», sagt er. Ihm geht es zum Beispiel darum, wie ein Spieler die Putzfrau behandelt, den ­Materialwart, den Physiotherapeut, und das ist ihm wichtig, weil er dem Grundsatz folgt, dass kein Mensch ­besser ist als der andere. Wer das denkt, hat schnell Schwierigkeiten mit ihm. «Lämpen», sagt er.

«Sie mussten Matthias überzeugen, mich anzurufen.»Alain Sutter über die Anfrage von Präsident Hüppi

Der Verwaltungsrat war von seinem Vortrag so begeistert, dass er Sutter mit 5:0 Stimmen zum Sportchef wählte und ihn umgehend der Öffentlichkeit vorstellte. Hüppi war diese Einstimmigkeit besonders wichtig. Er wollte nicht im Verdacht stehen, dass Sutter nur deshalb ins Amt kommt, weil er ein alter Freund aus gemeinsamen Fernsehtagen ist. Sutter war nicht einmal seine Idee gewesen, sondern die seiner Kollegen im VR. «Sie mussten Matthias überzeugen, mich anzurufen», sagt Sutter, «er wollte nicht, dass man von einem ­Klüngel redet, von ‹best buddies›.»

Sutter, das ist der Mann mit der ­Erkenntnis, dass er zufrieden damit ist, wie er ist. Er hält sich nicht mehr darüber auf, was andere über ihn denken und sagen. Früher versuchte er noch, es allen recht zu machen. «Das war ein solcher Stress!», sagt er heute. Er weiss, trotzdem haben ihn nicht alle «lässig» gefunden. Er ist kein Roger Federer geworden, er ist der Alain Sutter geworden, der sagt: «Keiner ist so viel zusammen mit mir wie ich. Ich kann gut allein mit mir sein. Da bin ich in guter Gesellschaft.»

Wer ein Problem mit ihm hat, der hat das dann halt. Sutter sagt: «Ein Problem habe ich damit doch nur, wenn ich mich ärgere, dass andere sich über mich ­ärgern. Und wenn sich jemand ärgert, ist das völlig okay. Das hat nichts mit mir zu tun. Jeder kann sagen, was er will.»

In St. Gallen wird er Härte zeigen müssen

Nur er weiss, ob das wirklich so ist. Nur glaubt er auch, dass seine Akzeptanz als TV-Analytiker gestiegen ist, je mehr er sich dieses Denken verinnerlicht hat, je stabiler er als Mensch geworden ist. Er denkt, die Wahrnehmung von ihm sei eine andere geworden.

Wenn er beim Fernsehen kritisierte, tat er das mit feinen Worten. In St. Gallen wird er Härte zeigen müssen, wo es nötig ist. Dass er das kann, hat er bereits bewiesen. Dank seiner Expertise, verfasst nach Beobachtungen im Trainingslager, sah sich die Führung in ihren Urteilen bestätigt und trennte sich von Nachwuchschef, Konditionstrainer und Physiotherapeut. Sutter traut sich Urteile über Menschen zu, weil er tagtäglich Menschen beobachtet hat, weil er ihnen zugehört hat, weil er gelernt hat, wie sie, wie Teams und Gebilde funktionieren. Er hat «null Probleme» damit, sich von jemandem zu trennen. Nur eines will er dann sein: «Respektvoll und anständig im Umgang.»

Die Entscheide gegen die drei Angestellten sind in der Ostschweiz schon fast zum Politikum geworden, weil es sich bei ihnen um Vertraute von Trainer Giorgio Contini handelt. Und haben ­darum zur Frage geführt, ob nun auch Continis Position trotz eines Vertrages bis 2019 in Gefahr ist. Sutter sagt, dass Contini einst in Vaduz und bis jetzt in St. Gallen einen «super Job» gemacht habe. Das ist sein Urteil als Beobachter aus der Ferne. Nun jedoch ist er viel ­näher dran, er ist auch bei den Trainings dabei, weil er kein Sportchef sein wird, der seine Zeit im Büro verschwenden will. Er sieht fortan, wie der Trainer wirklich arbeitet. Sein Bild wird fundierter. So berichtet das Sutter. So lässt er das als Aussage auch stehen, wenn es um Continis Zukunft geht.

«Wir brauchen Bravehearts»

Zusammen mit Hüppi ist Sutter das ­Gesicht des Aufbruchs, der in St. Gallen ausgerufen worden ist. Es ist ein Aufbruch mit Hindernissen, weil sich die Erkenntnisse verdichten, dass zuletzt in St. Gallen finanziell ein gutes Stück über den Verhältnissen gelebt wurde. Die neue Führung lässt die Bücher prüfen. Im Februar will sie orientieren, was sie alles an Altlasten ausgegraben hat.

Das ist Hüppis Baustelle. Sutter erzählt lieber davon, wie wichtig die Emotionen in St. Gallen sind, wie wichtig es ist, ein Produkt zu haben, das die Leute begeistert und Spiel für Spiel ins Stadion lockt, wie wichtig die Leidenschaft ist und starke Persönlichkeiten, die auch den Mut haben, einmal zu scheitern. «Wir brauchen Bravehearts», sagt er. In St. Gallen brauchen sie ja nicht gleich so zu enden wie William Wallace im Film. Der wird enthauptet.

Erstellt: 30.01.2018, 23:02 Uhr

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