Enttarnung eines Fussball-Hackers

Die Plattform Football Leaks veröffentlicht seit Jahren interne Verträge und Papiere aus dem Spitzensport. Dahinter soll ein 30-jähriger Portugiese stehen.

Tausende Mails enthüllten, wie Benfica Lissabon eine Struktur schuf, um Schiedsrichter und Spiele zu kaufen: Training für das morgige Champions-League-Spiel gegen den FC Bayern.

Tausende Mails enthüllten, wie Benfica Lissabon eine Struktur schuf, um Schiedsrichter und Spiele zu kaufen: Training für das morgige Champions-League-Spiel gegen den FC Bayern. Bild: Rafael Marchante/Reuters

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Ist das Hirn hinter der Enthüllungsplattform Football Leaks enttarnt, ist es nur ein Cyber-Krimineller? Ist der knapp 30-jährige Portugiese Rui Pinto, beheimatet seit einigen Jahren in Budapest, der Mann, der die Fussballindustrie seit Jahren mit Enthüllungen erschüttert?

Der Verdacht steht nun im Raum: Das portugiesische Nachrichtenmagazin «Sábado» bezichtigt Pinto, der Hacker zu sein, der Benfica Lissabon in die Bredouille gebracht und Portugals Fussball in einen Krieg der Grossklubs gestürzt hat. Das Blatt legt keine schlagenden Beweise vor. Aber es ist sich nach intensiven Recherchen sicher genug, Pinto «ein Genie der Informatik und des Verbrechens» zu nennen, das «enge Verbindungen zu Football Leaks hat». Mindestens.

Die Geschichte um den mutmasslichen Hacker liest sich wie ein Kriminalroman: Verfolgungsjagden, ehemalige Geheimagenten, dubiose Geldflüsse, eine hilflose Polizei – und viel Verwirrung. Auch um Rui Pinto, von dem kaum mehr bekannt ist, als dass er Geschichte studierte, über ein Erasmus-Programm nach Budapest kam, angeblich fünf Sprachen spricht – und ein Autodidakt in Sachen Informatik sein soll. Sein Vater versicherte der Zeitung «Jornal de Notícias», der Filius habe Angst, nach Portugal zurückzukehren: «Er würde festgenommen.» Portugiesische Medien vermuten, dass er Ungarn längst verlassen hat.

Spielergehälter, Transferdeals, Steuertricks

Die Geschichte begann 2015, als interne Dokumente aus dem Fussballgeschäft an die Öffentlichkeit drangen – über Football Leaks. Im Internet legte eine mysteriöse Organisation Verträge offen, nachzulesen waren plötzlich die exakten Gehälter berühmter Profis. Auch Zahlungen an Spielerberater und Präsidiumsmitglieder, Transferdeals, zweifelhafte Beteiligungsverhältnisse an Kickern, Steuermodelle, Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen. Prominente Namen fielen, darunter die der grössten Kicker der Gegenwart: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Aber auch Neymar, James Rodríguez, Radamel Falcao oder die deutschen Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil, Toni Kroos.

Der Urheber der Plattform agierte im Verborgenen, erreichbar nur per Mail. Aber er gab Interviews, und in denen betonte er stets, dass ihn ausschliesslich altruistische Motive antreiben: Man tue das für die Fans, man wolle die Verderbtheit der Branche aufzeigen. Football Leaks diente die Dokumente einem internationalen Mediensyndikat namens European Investigative Collaborations an, dem Publikationen aus vielen Ländern Europas angehören. Es wertete 18,6 Millionen Dokumente aus.

Hackerangriff auf den Cayman Islands

Sollte Rui Pinto wirklich der Anonymus sein, könnten Zweifel an seiner Selbstlosigkeit angebracht sein. 2011 soll er laut Recherchen des «Sábado» die Caledonian Bank auf den Cayman Islands um 270'000 Euro erleichtert haben – per Hackerangriff. Damals hätten sich die Parteien gütlich geeinigt: Das Geld sei zurückgeflossen, die Bank habe Stillschweigen gewahrt; sie wollte ihre Klienten nicht verunsichern.

Die Verhandlungen mit der Bank soll damals für Rui Pinto ein Anwalt, Aníbal Pinto, geführt haben. Aníbal Pinto bestätigt, dass er für Rui Pinto tätig war. Später kam er wieder ins Spiel: Und zwar, nachdem eine Sportmarketingfirma namens Doyen ein Informationsleck bemerkt hatte. Doyen vertrat Spieler wie Neymar oder Xavi, am 4. Oktober 2015 stellte die Agentur in Portugal Strafanzeige gegen Unbekannt. Am 7. Oktober legte sie nach.

«Zweifel an der Legalität der Dienstleistung»

Doyen-Manager Nélio Lucas hatte Tage zuvor eine E-Mail von einer Domain in Kasachstan erhalten, gezeichnet von einem gewissen «Artem Lobuzov» – dem Anschein nach ein Tarnname. Jener Lobuzov behauptete, vertrauliche Informationen über Doyen zu haben. Aber gegen eine «grosszügige Spende» würde er sie nicht öffentlich machen und die Dokumente sogar aus dem Netz nehmen, die schon über Football Leaks geteilt worden waren. Die grosszügige Spende sei laut Manager Lucas mit 500'000 bis einer Million Euro beziffert worden. Lobuzov habe versprochen, nach Zahlung die Dokumente zurückzugeben – und angeregt, alles über einen Anwalt laufen zu lassen. In Absprache mit den Ermittlern ging Doyen auf das Angebot an. Zum Schein.

Noch im Oktober 2015 soll es zu einem Treffen von einem Doyen-Vertreter und besagtem Anwalt in Oeiras gekommen sein, an einer Autobahnraststätte der A5 – unter den Augen einer Spezialeinheit der portugiesischen Kriminalpolizei. Name des Advokaten: Aníbal Pinto. Die Polizei zeichnete das Treffen in Bild und Ton auf, verfolgte ihn durch Lissabon bis zum Flughafen, in der Hoffnung, auf den Auftraggeber zu stossen. Ohne Erfolg. Anwalt Pinto bestätigte nun dieses Treffen: Doyen habe seinem Klienten einen Arbeitsvertrag angeboten, er habe abgeraten. Als ihm, Aníbal Pinto, aber «Zweifel an der Legalität der Dienstleistung» kamen, die er für Rui Pinto leisten sollte, sei er «ausgestiegen».

Laut Sábado bekamen die Ermittler nach dem Treffen des Anwalts Pinto mit Doyen ein Problem: Die Justiz erklärte die Abhörmassnahmen für unrechtmässig. Trotzdem seien drei Amtshilfeersuchen an Ungarn ergangen, zur Ergreifung Rui Pintos und seiner Rechner. Ohne Erfolg. Zeitgleich baten spanische Ermittler die Portugiesen um Amtshilfe. Denn in Madrid war die Kanzlei des Wirtschaftsanwalts Julio Senn attackiert worden, die auf die Beratung von Sportlern und Künstlern spezialisiert ist. Reihenweise flogen Fussballer auf, die Einnahmen über Steuerparadiese kanalisiert hatten – vor allem von Real Madrid.

Ermittelt wird gegen Klubs und Justizbeamte.

Doyen-Manager Lucas habe darauf gedrängt, die Ermittlungen am Laufen zu halten. Er selbst schaltete einen englischen Sicherheitsdienstleister ein, der von Ex-Geheimdienstlern betrieben wird. Die erstellten ein Dossier, das der Polizei übergeben worden sein soll. Im Frühjahr 2016 tauchte ein anonymer Blog namens Football Leaks Revealed auf, der den Namen des angeblichen Hauptverantwortlichen nannte: Rui Pinto. Gepostet wurde auch das Selfie eines jungen Mannes, die Seite dann aber rasch stillgelegt.

Heute heisst es dort, es sei eine Beschwerde über die Veröffentlichung persönlicher Daten eingegangen. Die Ermittler in Portugal hegen laut Sábado einen anderen Verdacht: dass es hinter ihrem Rücken zu einer Einigung zwischen dem mutmasslichen Hacker und der Firma Doyen gekommen sei. Rui Pinto indes beteuerte, nichts mit Football Leaks zu tun zu haben – und beklagt seinerseits, Opfer eine Diffamierungskampagne zu sein.

Wie Benfica Schiedsrichter und Spiele kaufte

Sábado bezeichnet ihn trotzdem als «eng verbunden mit Football Leaks». Rui Pintos Name tauche als «Verdächtiger» in drei Untersuchungen auf, die Portugal beschäftigen und nun bei der Untersuchungsbehörde DCIAP zusammenlaufen. Denn neben Doyen wandten sich Sporting Lissabon und Benfica wegen Infolecks an die Untersuchungsbehörden. Auch sie waren Opfer von Indiskretionen geworden, die diesmal aber nicht bei Football Leaks veröffentlicht wurden. Sondern über den TV-Kanal des Benfica-Rivalen FC Porto und in Blogs, die Sporting Lissabon nahestehen. Nun wird Portos Kommunikationschef Francisco Marques von der Staatsanwaltschaft als «Beschuldigter» geführt – wegen der möglicherweise illegalen Veröffentlichung von Betriebsgeheimnissen Dritter. Kurios: Porto zählte zu den ersten Opfern von Football Leaks – und kam 2017 an die interne Kommunikation Benficas.

Sie hatte es in sich: Tausende Mails enthüllten, wie Benfica eine Struktur schuf, um Schiedsrichter und Spiele zu kaufen und auch die Justiz ausgespäht hatte. Gegen Gefälligkeiten wie Stadionbesuche sollen Justizbeamte Benfica Zugang zu Gerichtsakten gewährt haben, die Benfica, aber auch Porto und Sporting betrafen. Die Affäre sorgt seit Wochen für Schlagzeilen, unter dem Stichwort «E-Toupeira»: E-Maulwurf. Die Staatsanwaltschaft hat die Profiabteilung von Benfica angeklagt, ermittelt wird auch gegen Justizbeamte.

«Benfica ist die einzige Sport-AG, die jemals wegen Korruption angeklagt wurde.»Ex-Sprecher des FC Porto auf Twitter

Laut «Sábado» ist Rui Pinto «der einzige Verdächtige, Benficas Korrespondenz gestohlen zu haben». Das Blatt will sich dabei auf mehrere Quellen und Ermittlungsakten stützen. Auch bei Benfica sind sie davon überzeugt, dass er es war, obschon man betont, keine Beweise zu haben.

Jüngst attackierte Benfica-Vize Varandas Fernandes den FC Porto direkt. «Glaubt jemand, ein Hacker würde seine Informationen gratis anbieten, aus rein sportlichen Gründen?» Der frühere Porto-Sprecher Marques antwortete via Twitter: «Natürlich fällt es ihnen (Benfica) schwer, zu glauben, dass Porto nichts für die Mails bezahlt hat. Sie haben es im Blut, schliesslich ist es (Benfica) die einzige Sport-AG, die jemals wegen Korruption angeklagt wurde», höhnte er.

Neue, digitale Fussballwelt: Das Problem mit Netzangriffen droht europaweite Dimensionen anzunehmen. Eingedenk der jüngsten Turbulenzen in Portugal meldete sich übrigens Football Leaks auf seiner Facebook-Seite zu Wort, zum ersten Mal nach 2016. «Du suchst mich, Kriminalpolizei? LOL. #Catchmeifyoucan.» Fang mich, wenn du kannst.

Erstellt: 18.09.2018, 20:30 Uhr

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