Er entscheidet über seinen eigenen Nachfolger

Jürgen Klinsmann coacht in Berlin jetzt hoch bezahlt Herthas Fussballer – und ist zugleich der Vertrauensmann des neuen Investors.

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Einen neugierigen Blick auf die Welt, die ihn umgibt, hat sich Jürgen Klinsmann bewahrt. Zumindest wirkt das so, wenn er am Freitagmittag im Medienraum seines neuen Arbeitgebers Hertha BSC im Berliner Westend sitzt. Wenn er davon spricht, wie sehr ihn die Geschichte der Stadt fasziniere, in der er zumindest vorübergehend zu Hause sein wird. «Für mich ist es enorm spannend, in diesen Gebäuden zu sein», sagt Klinsmann etwa.

Er meint die Geschäftsräume der Hertha, die nach dem Zweiten Weltkrieg die britischen Besatzungstruppen beherbergten. Er meint seine tägliche Reise zum Arbeitsplatz, die ihn auf seinem Weg von Berlin-Mitte in den fast äussersten Westen der Stadt nur deshalb nicht durchs Brandenburger Tor führt, weil das längst verkehrsberuhigt ist. Man weiss das inzwischen, aber man muss sich immer noch daran gewöhnen: Jürgen Klinsmann ist Trainer bei Hertha BSC - umgeben von einem prominenten Trainerteam, dem etwa Alexander Nouri (früher Werder Bremen) und der bei Jogi Löw entliehene Bundestorwarttrainer Andreas Köpke angehören.

Mit dem herkömmlichen Drang nach Ruhm und Ehre und dem im Berufsfussball gängigen Motiv der Profitmaximierung habe Klinsmanns Engagement nichts zu tun, heisst es in seiner Umgebung. Gleichwohl spielt Geld in dieser Geschichte selbstredend eine zentrale Rolle. Dass sich Klinsmann seinen Nothelferdienst ausserordentlich honorieren lässt - laut Bild-Zeitung fliessen bis Saisonende zwei Millionen Euro -, wird von seinen Fürsprechern nicht bestritten, aber im Sinne der Branchengepflogenheiten interpretiert. Ein Mann seiner Stellung könne sich nicht erlauben, wie ein Samariter zu erscheinen, das sei in diesem Gewerbe eine Frage von Glaubwürdigkeit und Geltung.

Klinsmann erinnerte daran, dass er als Bub sein erstes Spiel in einem Stadion mit einer Hertha-Fahne gesehen habe

Immer noch beschäftigt Klinsmann, wenn es um Verhandlungen und Verträge geht, den Schweizer Anwalt André Gross. Auch bei den Gesprächen im Haus des Hertha-Präsidenten Werner Gegenbauer war der Spezialist telefonisch zugeschaltet. Gross hatte vor mehr als 20 Jahren schon Uli Hoeness Ärger bereitet, als der Stürmer Klinsmann zum FC Bayern wechselte (Hoeness über Gross: «Der bietet dir nach fünf Minuten das Du an und nach zehn zieht er dich über den Tisch»), sogar von einem Hausverbot für den Juristen war die Rede. Das war wohl allenfalls als symbolischer Akt zu verstehen, aber dennoch vielsagend: Gross hat auf seine unbarmherzige Art zu Klinsmanns Image beigetragen, wonach es diesem am Ende halt doch vor allem ums Geld gehe.

«Nie, nie, nie über Geld gesprochen»

Letzteres wird nun auch beim VfB Stuttgart kolportiert, wo Klinsmann für verschiedene Managementtätigkeiten und Chefämter im Gespräch war, sowohl in den Zeiten des Präsidenten Wolfgang Dietrich als auch nach dessen Rücktritt. In Fussballkreisen auch jenseits von Stuttgart wird herumerzählt, er habe vier, fünf Millionen Euro pro Jahr verdienen wollen, daran sei die Zusammenarbeit gescheitert. In Klinsmanns Lager hingegen wird versichert, es sei ganz bewusst «nie, nie, nie über Geld gesprochen worden» mit dem VfB, gerade weil man das Image des habgierigen Schwaben nicht habe bedienen wollen. Immerhin weiss Klinsmann nun eines: Das Thema VfB, sein Heimatverein und erster Arbeitgeber in der Bundesliga, ist für ihn gestorben.

Nun ist Hertha BSC sein Dienstherr, wenngleich - was zu unterscheiden ist - der eigentliche Auftraggeber der Investor Lars Windhorst ist. Er hat 224 Millionen Euro in die Profiabteilung des Vereins investiert, Klinsmann zunächst als Aufsichtsrat installiert, dann wohl auch als Trainer durchgesetzt. Hertha-Manager Michael Preetz suggerierte zwar eine intime Nähe Klinsmanns zum Club, als er am Dienstag darauf hinwies, schon früher bei Klinsmann angefragt zu haben, ob er als Trainer aushelfen könne. Und Klinsmann erinnerte daran, dass er selbst als Bub sein erstes Spiel in einem Stadion mit einer Hertha-Fahne in der Hand gesehen habe, in Stuttgart; sein verstorbener Vater Siegfried war Hertha-Fan. Preetz wiederum liess offen, wann und unter welchen Umständen die Kontaktaufnahme zu Klinsmann geschehen sein sollte (letztmals offenbar in der Schlussphase von Pal Dardais Engagement, am Ende der vergangenen Spielzeit). Doch so ernst, wie es bei Preetz jetzt klingt, ist es wohl nicht gewesen. Über Erkundungen ging der Kontakt nicht hinaus.

Bei Hertha BSC ändert sich gerade eine ganze Menge, nicht nur dadurch, dass jetzt ein ehemaliger Bundestrainer die Elf beaufsichtigt und dass sich der Pressekonferenzraum nun allein schon mit der Präsenz Klinsmanns füllt. Am Freitag wurde Preetz, der bislang immer so etwas wie die letzte Instanz bei der Hertha war, kaum gefragt, und das hatte nicht nur damit zu tun, dass bei Klinsmann der Neuigkeitsfaktor grösser ist. Vor allem das Kapital des Finanzunternehmers Windhorst zeigt inzwischen Wirkung. Alteingesessene Herthaner mögen geglaubt haben, man könne mehr oder weniger weitermachen wie bisher, nur eben mit viel mehr Geld. Doch das geht schon deswegen nicht, weil Windhorst die Hälfte des Ladens gehört - und der Handlungsbedarf aufgrund der sportlichen Krise nicht mehr zu übersehen ist.

Mourinho wäre es nicht gewesen

Windhorst ist nun logischerweise ein Akteur im Club, bei seiner ersten Pressekonferenz nannte Klinsmann seinen Namen gleich 15 Mal. Und das nicht, um beispielsweise zu betonen, dass er selbst unter anderem dazu da sei, dem im Fussballgeschäft unerfahrenen Unternehmer einen millionenschweren Irrtum wie José Mourinho zu ersparen. Menschen, die mit ihrem Geld in den Fussball drängen, stellen sich ja oft vor, sie könnten Erfolg mit grossen Namen herbeikaufen. Das stimmt aber nur dann, wenn es die richtigen Leute sind - Mourinho (inzwischen für aberwitzig viel Geld bei Tottenham Hotspur untergekommen) wäre es nicht gewesen, abgesehen davon, dass er mutmasslich niemals zu Hertha BSC gewechselt wäre.

Aber Investoren denken halt traditionell gross.

Bei der Wahl des nächsten Trainers soll Klinsmann mitentscheiden, das gehört zu seinen Pflichten, allerdings wird das nun schwieriger, weil er jetzt selber wieder als Trainer firmiert, was nicht der ursprünglichen Absicht entspricht. Dem Verein verschaffe er durch sein Einspringen Zeit, um den Markt zu sondieren und einen tauglichen Nachfolger auszusuchen, hat Klinsmann gesagt. Länger als bis zum Saisonende möchte er den Job nicht machen.

Die Wunschvorstellung der Hertha-Fangemeinde, wonach der gebürtige Berliner und ehemalige Hertha-Profi Niko Kovac im Sommer übernimmt, dürfte aber genau das bleiben: eine Wunschvorstellung. Derzeit schliesst Kovac ein Engagement in Berlin nach SZ-Informationen aus. Er tendiert zu einer Beschäftigung im Ausland. Wer dann kommen könnte? Gute Frage. Sicher ist nur: Wer Klinsmann kennt, der weiss, dass nun auch Optionen durchdacht werden müssen, über die bislang nicht mal fantasiert worden wäre. Und die allein schon durch Klinsmann einen Startbonus erhalten - wie Nouri, der an seinen Vorgängerstationen Bremen und Ingolstadt nicht mehr sonderlich wohlgelitten war.

«Wir brauchen Punkte. Egal wie»Jürgen Klinsmann vor seinem Debüt als Hertha-Trainer – gegen Dortmund gab es keine Punkte.

Diese Zukunft schiebt Klinsmann aber noch sehr weit weg. «Wir brauchen Punkte. Egal wie», sagte er am Freitag; Fragen der Ästhetik sind bis auf Weiteres hinten angestellt. «Wir müssen uns über viel Engagement, Energie, Laufbereitschaft und Kampfbereitschaft Selbstvertrauen holen», sagt Jürgen Klinsmann. Und klingt wie ein Trainer.

Erstellt: 01.12.2019, 10:27 Uhr

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