Er liebt es, wenn es knifflig wird

Sandro Schärer ist der beste Schweizer Schiedsrichter. Dabei schien seine Karriere beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Zu 60 Prozent Profi, zu 100 Prozent Schiedsrichter: Aufsteiger Sandro Schärer. Foto: Raisa Durandi

Zu 60 Prozent Profi, zu 100 Prozent Schiedsrichter: Aufsteiger Sandro Schärer. Foto: Raisa Durandi

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Er rennt viel, meistens kommen zwölf Kilometer pro Spiel zusammen. Immer wieder muss er das Tempo verschärfen. Aber diese Momente, in denen er herausgefordert wird, liebt er. Wenn er knifflige Situationen beurteilen muss. Wenn das Stadion voll und er mittendrin ist. Wenn er spürt, dass er respektiert wird, weil er alles unter Kontrolle hat. Wenn nicht nur der Fussballer ein Wettkämpfer ist, sondern eben auch er. Er, der Schiedsrichter. Sandro Schärer sagt: «Mein Hobby ist mein Beruf, dafür bin ich mega dankbar.»

Seine Geschichte ist die eines 31-Jährigen aus Buttikon SZ, der als Junior ein Rebell auf dem Fussballplatz war, «ein Talent im ‹Schnurre›», sagt er selber. Und: «Ich war ein Schwieriger, ganz schlimm.» Er regte sich auf, reklamierte oft und glaubte, den Spielleiter belehren zu müssen. Der Vater schämte sich für ihn, wenn er seinem Sohn zuschaute, der Mühe hatte, Regeln im Sport zu akzeptieren. Dabei berief sich dieser auf seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit: «Ich hatte das Gefühl, ich könne und müsse dem ‹Schiri› helfen.»

Als er überfordert war

Die Eltern rieten ihm: «Zeig doch, dass du es besser kannst.» An einem Herbstsonntag blätterte Schärer beim Nachbarn, dem Vater seines besten Freundes und als Schiedsrichter aktiv, das Regelbuch durch. Fasziniert war er vor allem von der Gelben und der Roten Karte. Er war 16, als er den ersten Kurs besuchte, aber er kickte auch noch liebend gern bei den B-Junioren.

Seine Motivation, in die Rolle des Unparteiischen zu wechseln, hielt sich in engsten Grenzen. Sein Vater aber dachte, es würde dem Jungen nicht schaden, es wenigstens einmal zu probieren. Also willigte dieser ein. Und erlebte etwas, das ihn komplett überforderte: 3.-Liga-Spiel der Frauen, Trashtalk – «ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand». Die Karriere schien zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Eine letzte, allerletzte Chance gab er sich noch. Würde es nochmals schiefgehen, wäre es endgültig vorbei mit ihm als Schiedsrichter. Er erhielt einen Match auf Juniorenstufe, Oberrieden - Seebach, und war wahnsinnig aufgeregt, «so nervös wie danach nie mehr», sagt er. Ein Trainer rief nach zwei Minuten seinen Spielern zu: «Seid ruhig, dieser Schiri hört und sieht alles!»

Ganz schnell nach oben

Dieser Satz löste viel aus. Schärer wusste: Doch, ich kann es. Ein Inspizient war auch da, er kritisierte zwar den Unparteiischen, weil dieser einen Stulpen hochgezogen hatte und den anderen nur knöchelhoch trug – und weil er übersehen hatte, dass ein Teil eines Tornetzes zerrissen war. Aber vor allem gab es Lob. Der Beobachter stellte Schärer ein sehr gutes Zeugnis für das Wesentliche aus, für die Leitung der Partie. Auf dem Heimweg rief Schärer seinen besten Freund an und sagte ihm: «Ich will Profischiedsrichter werden.»

Fortan zweifelte er nicht mehr, er fand Gefallen am Job, der ihn als Gymnasiasten auf allerlei Plätze führte und ihm ein regelmässiges Sackgeld eintrug. Schärer kam rassig voran und war noch keine 20, als er die 1. Liga erreichte. In Basel studierte er Sport und Geografie, unterrichtete aushilfsweise am Gymnasium, gab im Winter als Skilehrer Lektionen – aber seine grösste Leidenschaft, die war das Leiten von Fussballspielen.

2011 Debüt in der Challenge League, 2013 Einstand in der Super League bei Lausanne - Thun, 2015 erstes Fifa-Aufgebot für ein U-17-Turnier in Russland, Ende 2016 Premiere in der Europa League, 2017 in der WM-Qualifikation – und nun die Beförderung in die Gruppe 1 der Uefa. Er darf damit rechnen, dass er im Herbst Top-Spiele in der EM-Qualifikation leitet und regelmässig in der Europa-League-Gruppenphase eingesetzt wird.

Schärer, der auch aus jedem Gesellschaftsspiel einen Wettkampf macht, ist getrieben vom Ehrgeiz, mittelfristig für die Champions League nominiert zu werden. Das war eine Normalität zu den Zeiten, als die Besten des Landes noch Urs Meier und Massimo Busacca hiessen. Nun sieht es aus, als würde Schärer diese Lücke schliessen können. Er hat offiziell ein 60-Prozent-Pensum als Schiedsrichter, daneben ist er als Ausbildner von talentierten Nachwuchsleuten beim Verband tätig. In der Vorbereitung auf diese Saison fuhr er mit einem seiner Assistenten für eine Woche nach Davos, um streng nach Plan intensiv Ausdauer zu trainieren.

Noch ausgeglichener werden

Geht es um die Einschätzung der eigenen Leistung, zählt sich Schärer zu den besonders Selbstkritischen. In jüngeren Jahren ging das so weit, dass er sich vorwurfsvoll fragte: «Liegt es an mir, dass die Partie so schwach ist? Was kann ich tun, um das Niveau anzuheben?» Die Antwort gab er sich selber: «Ich muss meinen Job gut machen, auf alles andere habe ich keinen Einfluss.»

Er weiss, dass er noch ausgeglichener werden kann, ruhiger. Neulich wies ihn jemand darauf hin, dass er zuweilen übertrieben gestikuliere. Er schaute sich die Bilder an und musste zugeben: «Es stimmt. Ich bin oft sehr lange ruhig, aber wenn es mir den Hut lupft, sieht man das. Ich arbeite an der emotionalen Selbstkontrolle.»

Gute Kommunikation mit den Beteiligten ist für ihn oft der Schlüssel. Körperliche Defizite, unsichere Körpersprache in heiklen Momenten – solche Schwächen lassen sich nicht mit autoritärem Auftreten kompensieren. Schärer signalisiert mit seinem Laufvermögen: Ich bin auf der Höhe. Und er kann streng sein: «Ich mache einem Spieler nach einer Verfehlung klar, welche Konsequenzen drohen. Wenn er sich nicht bessert, ziehe ich meine Linie durch.»

Kein Handy in der Pause

Schärer ist in der Zeit ohne Video Assistant Referee (VAR) gross geworden. Es kam schon vor, dass er nach einer Partie in der Kabine mit seinen Assistenten abklatschte im Glauben, eine tadellose Leistung abgeliefert zu haben – bevor er auf seinem Handy SMS las wie: «Kopf hoch, ist ja nur Fussball.» Da wusste er: Er hatte einen Fehler gemacht. Und das beschäftigte ihn.

«Ein paar Sekunden nach einem Entscheid wissen die Zuschauer im Stadion schon, ob ich richtig oder falsch lag, weil sie auf ihrem Handy die Bilder sehen», sagt Schärer, «nur ich weiss es noch nicht.» Er hat sich angewöhnt, in der Pause eines Spiels das Telefon beiseite zu lassen und sich auch keine Wiederholungen im Fernsehen anzuschauen.

Jetzt hat er die Hilfe des VAR, «ein Fortschritt», sagt er und hat davon ein erstes Mal profitiert, als er bei Sion - Basel nach Konsultation der Bilder einen bereits gepfiffenen Penalty für die Walliser zurücknahm. Trotzdem betont er: «Auch mit dem VAR ist nicht alles messbar. Vor Einführung dieses Systems lag die Fehlertoleranz uns Schiedsrichtern gegenüber bei null, jetzt ist sie bei unter null. Viele Leute können nicht verstehen, dass es weiterhin unterschiedliche Ansichten gibt und nicht alles kategorisierbar ist.»

Schärer sieht das als nächsten Wettkampf an: noch mehr investieren, noch genauer arbeiten, um noch besser zu werden. Die Gefahr, dass er kapituliert, ist überschaubar. Auf jeden Fall überschaubarer als damals, nach jenem 3.-Liga-Match der Frauen.

Diese fünf Regeln sind neu: Sandro Schärer erklärt, was sich auf diese Saison hin geändert hat in der Super League. (Video: Tamedia)

Erstellt: 06.08.2019, 21:01 Uhr

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