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Erinnerung an das grosse Ajax

Ein berauschender Sieg gegen Lyon lässt nostalgische Gefühle aufkommen. Die Holländer brillieren mit wilder Offensivkraft.

Wie junge Hunde tollen sie auf dem Feld herum: Die Spieler von Ajax Amsterdam berauschen ihre Fans.
Wie junge Hunde tollen sie auf dem Feld herum: Die Spieler von Ajax Amsterdam berauschen ihre Fans.
Keystone

Es gab Zeiten, da war Ajax Amsterdam eine europäische Grösse. Die frühen 70er-Jahre dominierte die Mannschaft um Johan Cruyff, die dreimal den Europacup der Meister gewann. In den 80er-Jahren wuchs die Generation mit Van Basten, Bergkamp und Rijkaard heran, sie gewann 1987 den Europacup der Cupsieger. Das nächste Jahrzehnt brachte den Aufstieg der Kluivert, Seedorf, Davids und Overmars und den Triumph in der Champions League 1995. Ajax Amsterdam hatte einen Hauch Grandezza im Namen. Amsterdam wurde zum Wallfahrtsort für viele Fussballtrainer und Ajax zu ihrem Studienobjekt. Alle wollten herausfinden: Wie macht es dieser Verein bloss?

Dann wurde es für Jahre still, Ajax war in der breiten öffentlichen Wahrnehmung lange mehr Waschmittel als Fussballclub. Der Verein schied regelmässig in der Gruppenphase europäischer Wettbewerbe aus, man musste sich in der heimischen Liga selbst Vereinen wie Alkmaar beugen. Der Glanz der alten Tage verschwand.

Diese Saison aber lebt die Nostalgie in der Wirklichkeit auf. Ajax ist eine Mannschaft mit jungen Spielern, von den 29 eingesetzten Akteuren sind 20 unter 23 Jahre alt. Diese Jugendlichkeit hat sich am Mittwoch in aller Pracht entfaltet, Ajax demontierte im Halbfinal der Europa League in einem berauschenden Spiel Lyon und gewann 4:1. Es war ein Spektakel, ein Feuerwerk der Offensivkunst, ein stetes Hin und Her. Chancen gab es im 40-Sekunden-Takt, defensives Denken war den Spielern ein Fremdwort, sie tollten herum wie junge Hunde – es war erfrischend, es war grossartig anzuschauen.

Analogien zur Schweiz

Der Sieg ist auch darum besonders, weil er ein Stück Glauben an ehrliche Fussballarbeit zurückgibt. Denn Amsterdam liegt in Holland. Das mag auf den ersten Blick nicht überraschen. Doch Holland ist ein Fussballland – ganz ähnlich wie die Schweiz –, das keinen direkten Zugang zum feudalen Geldteich der TV-Verträge hat. Lediglich 8 Millionen an Fernsehgeldern wird Ajax voraussichtlich für die Saison 2016/17 erhalten. Das ist wenig. Zum Vergleich: Ein anderer Halbfinalist der Europa League, Manchester United, erhielt 2015 nur schon von der heimischen Liga 126 Millionen Euro.

Also besinnt sich Ajax erst recht auf das, was es früher gross gemacht hat: das Scouting und die Nachwuchsarbeit. Das Scouting zahlt sich für einen Verein wie Amsterdam nur dann aus, wenn man Spieler holt, die man nicht überzahlen muss und die für Grossclubs noch uninteressant sind. Beispiel ist der 23-jährige Amin Younes, der von Gladbach kam und sich dort über zu wenig Spielzeit unter Lucien Favre beklagte. Heute ist der 1,68-Meter-Mann auf der linken Seite mit seinen Dribblings nicht wegzudenken. Oder Hakim Zyiech. Der Marrokaner ist das Herz der Mannschaft, gegen Lyon hat er drei Tore vorbereitet. Ajax holte den 24-Jährigen 2016 von Twente Enschede. Oder Bertrand Traoré (21), eine kluge Ausleihe von Chelsea.

Der junge Kluivert weckt Fantasien

Die Amsterdamer Mannschaft erinnert ein wenig an Monaco, diese Schaufensterfussballer von der Côte d’Azur. Junge Fussballer, die unbeschwert für einen Platz in den grossen Ligen vorspielen. Mit dem Unterschied, dass kein milliardenschwerer Besitzer dem Club vorsteht und dass die Nachwuchsabteilung in Amsterdam prächtig funktioniert.

Spricht man von den Jungen, dann fällt erst der Name des jungen Dänen Kasper Dolberg. Er hat vor zwei Jahren in die Nachwuchsakademie gewechselt; heute ist er 19 Jahre alt, ein Vollblutstürmer, Torschütze gegen Lyon. In der Liga hat er 14 Treffer erzielt, in der Europa League 5. Der zweite Name ist jener von Matthijs de Ligt, ein 17-jähriger Innenverteidiger: Der Holländer ist gross gewachsen, abgeklärt und torgefährlich. Insgesamt hatte die Verteidigung im Halbfinal ein Durchschnittsalter von 19. Und da ist Kluivert. Nicht Patrick, sondern Justin. Der 17-jährige Sohn des früheren Stars belebt wilde Fantasien vom Jahrtzehnttalent. Seine Bewegungen und Dribblings sind geschmeidig, seine Technik ist vorzüglich. «Er strahlt Gefahr aus, das sieht man an allem», sagt Trainer Peter Bosz, der dem jungen Stürmer immer wieder Pausen gönnt und Zeit zum Entwickeln lässt.

Bosz wird auch immer hervorgehoben, wenn es darum geht, den Aufschwung zu beschreiben. Nun wusste er nicht so recht, was sagen: «Es hätte auch 12:6 ausgehen können - oder 8:4 oder 7:3.» Die grosse Frage für viele ist jetzt, wie gross diese Mannschaft werden kann.

Doch für den Erfolg der alten Tage müsste das Kader zusammenbleiben. Etwas, das den Ajax-Anhängern Sorgen bereitet. Denn der Fussballimperialismus setzt ihnen seit den 80er-Jahren zugesetzt. Zuletzt waren es Talente wie Eriksen, Sneijder, Vertonghen, Alderweireld oder Blind, die von Clubs aus den grossen Ligen aufgekauft wurden. Sportdirektor Marc Overmars ist gefordert. Eine positive Nachricht gibt es: Stürmer Dolberg will trotz Offerten aus Manchester bleiben. Vorerst.

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