Jetzt gibt es keine Ausrede mehr

Heute in Belfast, am Sonntag in Basel – zwei Spiele gegen Nordirland bleiben der Schweiz, um zu beweisen, dass sie bereit ist für eine unangenehme Aufgabe.

Von Vladimir Petkovic und seinem Team wird im Wind von Belfast vor allem eines erwartet: Widerstandskraft. Foto: Reto Oeschger

Von Vladimir Petkovic und seinem Team wird im Wind von Belfast vor allem eines erwartet: Widerstandskraft. Foto: Reto Oeschger

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Es ist der Gang durch die Hintertür. Wenn es für die Schweizer gut geht, erleben sie pure Glücksgefühle. Dann reisen sie nächsten Sommer nach Russland.

Wenn es aber schiefgeht, ist dahinter nichts mehr – keine WM, kein Ausweg, keine Ausrede. Nur der frustvolle, tiefe Sturz in den Keller.

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Alles oder nichts – heisst die Losung heute in Belfast und am Sonntag in Basel. Eine Barrage ist kein normales Gruppenspiel mehr, es geht um die Beweisführung, für eine ausser­gewöhnliche Situation bereit zu sein. Es ist der mentale Test schlechthin.

Die Schweizer reden schon lange davon, dass sie den nächsten Schritt machen müssen in ihrer Entwicklung. Dass sie an einem Turnier einen Viertelfinal erreichen, endlich einmal. So sehr ist ihr Selbstvertrauen mit den Jahren gewachsen, ihr Anspruch an sich selbst, ihr Denken, sie seien zu mehr fähig. Das ist nicht mehr typisch schweizerisch, es hat vielmehr mit einer Generation zu tun, die einen besonderen Hintergrund und für die eine Karriere im Fussball viel mit sozialem Aufstieg zu tun hat. Diese Generation der Behramis, Xhakas, Shaqiris und Rodriguez.

Die Spiele in Belfast und Basel fordern sie. Es geht nicht mehr ums Schöne im Fussball, wie sie das gerne pflegen wollen. Nationalcoach Vladimir Petkovic hat es Anfang Woche ganz banal gesagt: «Wir dürfen die Beine nicht zurückziehen.»

Die Nordiren haben keine Mannschaft, die gross auf Ballbesitz aus ist. Sie sind sehr stark, ohne den Ball zu haben. Sie rennen fürs Leben gern, weil sie wissen, dass das wegen ihres begrenzten spielerischen Talents die beste Möglichkeit ist, um Erfolg zu haben. Sie glauben an ihre Mittel, den Zusammenhalt, die Leidenschaft, das einfache, direkte Spiel, die Stärke bei stehenden Bällen. Sie sind gar beseelt davon. Darum geben sie einen richtig mühsamen Gegner ab. «Wir sind nicht leicht zu besiegen», sagt ihr Trainer Michael O’Neill. Ein einfacher Satz, aber deutlich in der Aussage.

Selbstbewusst bleiben

Das alles müssen die Schweizer im Kopf haben, wenn sie heute Abend im Windsor Park einlaufen, diesem kleinen, engen Stadion, in dem es laut sein wird. Sie können sich nicht mehr gehen lassen, wie sie das vor einem Monat in Portugal taten, als sie 0:2 verloren und die direkte Qualifikation für die WM verpassten. Sie waren munter vorher. Doch dann liess ihnen der Europameister die Luft aus der aufgeblasenen Brust. Sie waren nicht mehr mutig, sondern verloren. Die siegessicheren Schweizer waren auf einmal wieder klein.

Die neun Siege in den neun Spielen zuvor waren nicht mehr viel wert, sondern nur noch die Erinnerung an vermeintliche Grösse. Die 27 Punkte in der Qualifikation sind eine stolze Ausbeute, nur Deutschland (30) und Spanien (28) haben mehr Punkte geholt, und trotzdem müssen die Schweizer um die WM-Teilnahme zittern. Der Nordire O’Neill wäre «leicht verärgert», wenn er in ihrer «unerfreulichen» Situation wäre.

Das hat nichts mit Mitgefühl zu tun, nein, O’Neill will lieber in ihren ­Wunden wühlen. Für die Schweizer ist eine Barrage eine unwillkommene Zusatzaufgabe – für die Nordiren hingegen ist sie ein Erfolg, weil sie von Anfang an gewusst haben, dass für sie in einer Gruppe mit Deutschland nicht mehr möglich ist.

Petkovic versucht, das Beste aus dem Moment zu machen, sie bräuchten sich für das Erreichte nicht zu schämen, sagt er, sie sollten selbstbewusst auftreten. Dabei weiss er genau, was in diesen zweimal 90 Minuten auf dem Spiel steht. Zum einen ist das die Teilnahme an einem Turnier, die siebte schon seit 2004, was auf verblüffende Art immerhin zum Ausdruck bringt, wie weit sie in den letzten Jahren gekommen sind.

Zum anderen geht es um die Wertung dieser Mannschaft, von Trainer und Spielern. Um die Antwort auf die Frage: Wie gut sind sie alle wirklich?

Das Frustpotenzial

Die WM zu verpassen, wäre ein Rückschlag, ein massiver sogar bei dieser Vorgeschichte. In einer Barrage zu scheitern, ist anders, als bei einer WM oder EM einen Achtelfinal zu verlieren.

Das Frustpotenzial ist um einiges grösser. Ohne Reise nach Russland würden neun lange Monate anstehen, bevor im kommenden Herbst die nächste Qualifikation beginnt. Die eine oder andere Karriere eines Nationalspielers, von Stephan Lichtsteiner etwa oder von Valon Behrami, könnte ein unerfreuliches Ende finden.

Wind und Wetter von Belfast sind die äusseren Zeichen, was heute und drei Tage später gefragt ist: Widerstandskraft. Es wird spannend sein, zu sehen, wie gut die Schweizer die Lektion von Lissabon gelernt haben, wie gut es Petkovic in nur drei Tagen gelungen ist, ihnen seine Botschaft zu vermitteln.

Ums Spielen geht es nicht mehr, oder nicht in erster Linie. Ums Kämpfen geht es, «wir müssen mehr laufen als der Gegner», sagt Petkovic. Das ist eine anspruchsvolle Vorgabe gegen diesen Widersacher. Aber die Worte des Trainers verdeutlichen nochmals, was die Basis zum Erfolg sein wird. Es hilft in dieser Beziehung nicht, dass mit dem angeschlagenen Behrami der Vorzeigekämpfer ausfällt.

Dauernd zu lamentieren, wie Lichtsteiner das gerne tut, bringt nichts. Xherdan Shaqiri muss sich die Marotte abgewöhnen, nach einem verlorenen Zweikampf liegen zu bleiben, als könnte er so den Schiedsrichter für seine Sache gewinnen. Granit Xhaka muss einen anderen Einfluss aufs Geschehen nehmen als in Lissabon. Oder Haris Seferovic muss zeigen, dass er auf der Bank von Benfica nichts von seinen läuferischen Fähigkeiten eingebüsst hat.

Viele müssen ganz vieles. Es gibt nichts anderes.

Erstellt: 08.11.2017, 23:50 Uhr

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