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Es sind gute Zeiten für Trainer wie ihn

Der frühere Winterthurer Mittelfeldspieler Thomas Stamm ist im Halbfinal des deutschen U-19-Pokals. Und will dereinst Profis trainieren.

Eigentlich war er schon auf dem Weg raus aus dem Fussball. Knorpelschaden mit 27 Jahren, eine Ausbildung im Marketingbereich beendet, den Blick fest in Richtung bürgerliche Existenz gerichtet. Aber jetzt sitzt Thomas Stamm da in einem dieser merkwürdig schweren Stühle, mit denen die Besprechungsräume des Möslestadions möbliert sind. Drüben, auf der anderen Seite des Kunstrasenfeldes der Freiburger Fussballschule, wiegen sich dunkle Tannen im Frühlingswind.

«Fast alle Teams, die gegen uns antreten, bemerken, dass es hier aussieht wie in den Ferien», sagt Stamm. Und hat soeben eine Stunde lang keinen Zweifel daran gelassen, dass er selbst an diesem lauschigen Ort am Rand des Schwarzwalds vieles machen will – aber sicher keinen Urlaub. Schliesslich hat der Mann mit seinen 35 Jahren grosse Ziele.

Seit Sommer 2015 ist Stamm Trainer der U-19 des SC Freiburg. Das allein ist schon bemerkenswert für einen jungen Schweizer. Immerhin gehört der Nachwuchs zu den tragenden Säulen des Bundesligisten. Und jetzt steht ein Spiel an, mit dem Stamm weiter auf sich aufmerksam machen kann. Morgen trifft sein Team im Halbfinal des deutschen Pokals auf Mönchengladbach.

Profiteur des Generationenwechsels

Er weiss, dass seine weitere Karriere nicht von dieser Begegnung abhängt. Aber Stamm ist auch bewusst, dass er durch solche Partien «in den Fokus» gerät, wie er das nennt. Und den will er nutzen. Noch sagt er: «Der Nachwuchsbereich – gerade hier in Freiburg – ist ein tolles Arbeitsfeld, weil eine gute Philosophie dahintersteht.» Aber er verschweigt nicht, dass er sich damit auseinandersetzt, dereinst einen weiteren Schritt zu nehmen: «Dass man als Trainer das Ziel hat, irgendwann auch einmal im Profibereich zu arbeiten, ist legitim.»

Es sind gerade gute Zeiten für Trainer wie Stamm, die nicht auf eine beeindruckende Karriere als Profi verweisen können, wenn es darum geht, sich für höhere Aufgaben aufzudrängen. «Es findet ein gewisser Generationenwechsel statt», stellt er selbst fest, «immer mehr Clubs haben eine generelle Idee davon, welchen Fussball sie spielen lassen wollen. Und dazu gehört es auch, eigene Trainer auszubilden.»

In der deutschen Bundesliga liegt es gerade voll im Trend, dass Vereine Ausbildner aus dem eigenen Nachwuchs zum Cheftrainer der ersten Mannschaft befördern. Und vielleicht genau weil der SC auf vielen Ebenen anders tickt als die meisten anderen deutschen Proficlubs, war Freiburg so etwas wie ein Trendsetter: Seit 2011 trainiert Stamms Vorvorgänger Christian Streich die erste Mannschaft.

Weilers Erinnerungen

Dieses Umfeld eröffnet für jemanden wie Stamm eine Welt voller neuer Möglichkeiten. Als Profi kam er nie über die Challenge League hinaus, 125 Partien hat er als Mittelfeldspieler für den FC Winterthur und den FC Schaffhausen in der zweithöchsten Schweizer Liga absolviert. Dann hat sein Körper über den Moment entschieden, in dem die Karriere vorbei war.

René Weiler, unter dem Stamm seine letzten Monate als aktiver Fussballer erlebte, erinnert sich an einen jungen Mann, den er mit den Attributen «zuverlässig, umtriebig und ehrgeizig» verbindet. Die Beschreibung scheint auch heute noch zu passen. Wie viele andere Schweizer Trainer, die im Nachwuchsbereich tätig sind, werden wohl einen Berater haben, der sich um ihre Karriere kümmert?

Stamm wirkt wie einer, der feststellt, dass ihm das Leben eine zweite Chance geschenkt hat, im Fussball vielleicht doch noch die höchste Ebene zu erklimmen. Und die will er auf keinen Fall an sich vorbeiziehen lassen. Mit diesem Bewusstsein geht er jeweils auf den Platz: «Es geht darum, dass ich mich weiterentwickle, dazu muss ich täglich alles investieren.» So spricht er an diesem regnerischen Nachmittag: klar, strukturiert, überlegt; lieber auf einer fachlichen als auf der persönlichen Ebene.

Er hat sich konsequent hochgearbeitet von der U-15 in Schaffhausen über die Winterthurer U-18 bis in den Freiburger Nachwuchs. Dessen Verantwortliche hat er bei Testspielen zwischen seinen Winterthurer Junioren und jenen des SC auf sich aufmerksam gemacht. «Es war zu sehen, dass wir einen ähnlichen Fussball spielen liessen», erzählt Stamm, «ich mag es, wenn man die Handschrift eines Trainers erkennen kann.»

Gutes Leben in der Sonnenstube

Kurz musste er in sich gehen, ehe er das Angebot annahm, nach Deutschland zu gehen. Doch dann wagte er den Sprung über die Grenze in eine andere Mentalität. Seine Freundin ist mitgezogen, sie arbeitet inzwischen in Basel, mit dem Zug sind das bloss 35 Minuten.

Stamm nimmt, wenn es nicht regnet, auch einmal das Velo zur Arbeit. Das gehört in der Radstadt Freiburg einfach dazu. Der Ort gilt als Sonnenstube Deutschlands; die Rentner ziehen wegen des milden Klimas hierher. Und doch wirkt die Stadt jung, rund zehn Prozent ihrer 230 000 Bewohner sind Studenten. Dazu kommen Einheimische, die kaum einmal zu unnötiger Hektik neigen. Etwas, das Stamm auch der Nähe zum Schwarzwald zuschreibt: «Er strahlt eine gewisse Ruhe aus.» Keine Frage, hier lässt es sich ganz gut leben.

Doch wie er so dasitzt mit seinem Trainingsanzug in Anthrazit und dem wachen Blick hinter Brillengläsern, wirkt er nicht wie einer, der sich einen Ort gesucht hat, an dem er es sich gemütlich einrichten kann. Thomas Stamm sieht einen Weg vor sich, der ihn noch weit führen soll. Vielleicht nicht sofort. Aber irgendwann dann schon einmal.

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