Favres Tor-Wahnsinn und Xhakas Siegesserie

Nach zwei Wochen Pause nehmen die nationalen Meisterschaften den Betrieb wieder auf - eine Rundschau.

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Unai Emery ist ein mutiger Trainer. Wie hätte er es sonst gewagt, die Nachfolge von Arsène Wenger anzutreten, dem ewigen Coach von Arsenal, der den englischen Fussball verändert hat? Emery kam und verlor gegen Manchester City, er verlor auch bei Chelsea - und er? Der Spanier erklärte in holprigem Englisch, dass er nicht ratlos ist, sondern ruhig bleibt. Und arbeitete weiter an seiner Revolution.

Inzwischen eilt Arsenal mit Granit Xhaka im Mittelfeld von Sieg zu Sieg, neun in Folge sind es: zwei in der Europa League, einer im Ligacup und vor allem sechs in der Premier League, zuletzt beim begeisternden 5:1 gegen Fulham. Zwei Punkte nur steht Leader Manchester City besser da. Petr Cech, der Altmeister im Tor, sagt: «Es fühlt sich wie ein neuer Club an.»

Dortmund: Tore schiessen mit Favre

Als sich Dortmund Ende August in Hannover mit einem 0:0 begnügen muss, schlägt die «Bild»-Zeitung Alarm: «Ist Favre schon entzaubert?» Und: «Beim BVB wirkt Lucien Favre nach drei Pflichtspielen ratlos.»

Einen Monat später jubelt das Blatt über den Dortmunder «Tor-Wahnsinn» beim 4:3 gegen Augsburg, attestiert Favre ein «Glücks-Händchen» bei seinen Einwechslungen und schreibt: «Die Fans träumen vom Titel-Comeback.» So schnell kann der Wind drehen.

Dortmund ist spektakulär, davon zeugen 23 erzielte Tore in nur 7 Spielen. Das Team führt die Tabelle an, hat mit dem Spanier Paco Alcacer den Stürmer der Stunde, der erst auf drei Kurzeinsätze kommt, aber bereits auf sechs Tore. Und aus Mönchengladbach meldet Max Eberl, Sportdirektor und Favre-Kenner: «Wenn Lucien neben seiner grossen fachlichen Kompetenz auch noch Gelassenheit zeigt, ist das eine Facette mehr, die dazu führen kann, dass der BVB auch nach 34 Spieltagen an der Spitze steht. Dann gibt es nicht viele Grenzen für Dortmund.»


Video: Dortmund auch in der Champions Leauge nicht zu stoppen

Der BVB schlägt Monaco 3:0. Video: Tamedia/Teleclub


Und was sagt Favre, bevor es in der Bundesliga in Stuttgart weitergeht? «Es ist schön, Erster zu sein. Aber es gibt noch viel zu verbessern.»

Barcelona: Shanghai und Sevilla

Gerard Piqué trieb in der Länderspielpause seine Aktivitäten im Zweitjob voran. Der Verteidiger von Barcelona jettete nach Shanghai, um Novak Djokovic von den Vorzügen des neuen Davis-Cup-Formats zu überzeugen, und stellte in Madrid die erste Austragung des Anlasses vor, der in Tenniskreisen abschätzig als «Piqué Cup» bezeichnet wird.

Auch im Umfeld des FC Barcelona sehen nicht alle die zunehmende Diversifizierung gerne, aber bislang bestritt der 33-Jährige in dieser Saison in allen elf Spielen jede Minute. Morgen gastiert der FC Sevilla für den Spitzenkampf unter umgekehrten Vorzeichen im Camp Nou. Der andalusische Club, der sich trotz stetigem Aderlass regelmässig in der Spitzengruppe hält, führt die Tabelle einen Punkt vor den Katalanen an. Der bei Milan gescheiterte André Silva traf in acht Spielen schon sieben Mal. Des portugiesischen Stürmers dürfte sich Gerard Piqué annehmen, und der Routinier steht unter erhöhter Beobachtung: Barcelona hat zwar wie so oft die stärkste Offensive der spanischen Liga, zehn von zwanzig Mannschaften haben aber weniger Tore erhalten.

Juventus: Das Triple im Visier

Jüngste Gerüchte aus Italien besagen, James Rodriguez stehe auf dem Wunschzettel von Juventus Turin. Bayerns Edelfuss mit dem 80-Millionen-Preisschild wäre eine weitere Verstärkung. Die Fans würde es freuen, noch mehr Spektakel wäre garantiert. Und das Selbstwertgefühl würde weiter ansteigen: Seit der Ankunft von Cristiano Ronaldo visiert man unverhohlen das Triple an. Der Champions League wird alles untergeordnet, sie fehlt der «vecchia signora» seit 1996.

Nationale Auftritte wie der morgen zu Hause gegen Genoa sind eher Pflichterfüllung. Alles andere als ein achter Meistertitel in Serie wäre eine Sensation, für die letzten sieben brauchte Juve ja Ronaldo auch nicht. Konkurrenz ist erneut nicht in Sicht: Juventus gewann alle acht bisherigen Spiele, Napoli als erster Verfolger liegt schon sechs Punkte zurück und ist zu wenig konstant. Bei Inter fabuliert Luciano Spalletti weiter von Visionen, derweil beträgt das Defizit schon acht Zähler. Und die AS Roma schwenkte die weisse Fahne schon vor Saisonstart. Dass nach zuletzt vier Siegen in Serie der Rückstand von zehn Punkten noch aufgeholt werden kann, das glauben nicht einmal die allergrössten Optimisten.

Union Berlin: Wachsen mit Fischer

Im Sommer gab Urs Fischer nach einem Jahr Pause sein Comeback. Jetzt ist der Zürcher Trainer mit Union Berlin in der 2. Bundesliga ähnlich gut unterwegs wie Lucien Favre mit Dortmund. Die «Eisernen» haben keines ihrer neun bisherigen Spiele verloren, vom 1. FC Köln an der Spitze sind sie nur zwei Punkte entfernt. Nur sieben Gegentore bedeuten Bestwert in der Liga. Die Bilanz steigert den Beliebtheitsgrad Fischers, den die «Berliner Zeitung» als «ehrlichen Malocher» mit einer «unaufgeregten Art» beschreibt.

Der Verein aus Köpenick und Fischer, das passt. Findet Fischer selber. Die Fans schätzen, dass sie wieder einen Trainer haben, der sich nicht zu schade ist, sich mit ihnen zu unterhalten. Und jedes positive Resultat nährt die Hoffnung, dass die Ostberliner es bald zum ersten Mal in die Bundesliga schaffen. Nur lässt Fischer zu viel Euphorie gar nicht an sich heran. «Das ist nur eine Momentaufnahme!», ruft er.

Dabei ist die Zukunft durchaus ein Thema bei Union. Der Club, der 2020 seinen 100. Geburtstag feiert, plant einen Stadionausbau: Die Kapazität der Alten Försterei soll für 38 Millionen Euro von 22 000 auf 37 000 Plätze erhöht werden. Läuft alles nach Plan, wird 2019 mit dem Ausbau gestartet.

Rapid Wien: Der Druck der Fans

Fredy Bickel hat gerade ein paar wunderbare Ferientage in Ägypten hinter sich. Morgen hat ihn der Alltag als Sportchef von Rapid Wien wieder: Es geht nach Hartberg, zum Aufsteiger aus einem Dorf in der Steiermark. Ein Sieg täte den Rapidlern ganz gut: Nach zehn Runden liegen sie auf Platz 7, nur 4 Punkte vor dem Tabellenletzten, dafür schon 18 hinter der Übermannschaft aus Salzburg.

Im Moment zahlen sie den Preis dafür, dass sie unbedingt in die Gruppenphase in der Europa League wollten und diesem Ziel alles unterordneten. Sie spielten darum in der Meisterschaft nicht immer in Bestbesetzung und verloren, so rechnet Bickel, «fünf bis acht Punkte». Ihr Problem ist zudem, dass sie seit Saisonbeginn immer fünf, sechs Verletzte gehabt haben.

Goran Djuricin trug den Kurs des Vereins als Trainer mit, er klagte nicht, dass im Sommer gleich sieben Stammspieler weiterzogen. Darum versuchte Bickel alles, um dem Druck aus der mächtigen Fankurve zu widerstehen. «Gogo raus!», rief die selbst bei Siegen in der Europa-League-Qualifikation oder im nationalen Cup.

Nach der Heimniederlage gegen St. Pölten Ende September musste Bickel einsehen, dass er Djuricin nicht mehr halten konnte. «Die Fans drehten durch», sagt er. Dietmar Kühbauer istseit Anfang Monat im Amt. Der Auftrag an ihn ist klar: Jetzt zählt nur noch die Meisterschaft. (pmb/mke/ths)

Erstellt: 19.10.2018, 09:57 Uhr

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