Fischer ist einer von ihnen

Urs Fischer steht mit Union Berlin vor der ersten Bundesliga-Saison. Der 53-jährige Trainer kommt bei Fans sehr gut an.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Urs Fischer posiert im Stadtion An der Alten Försterei vor einem Bild, das die Mannschaft von 1923 zeigt.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Urs Fischer posiert im Stadtion An der Alten Försterei vor einem Bild, das die Mannschaft von 1923 zeigt. Bild: Norman Konrad

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Im Zeughaus wächst die Schlange vor der Kasse. Bald tut sie sich auf, diese aufregende Welt, und wer will dafür nicht gerüstet sein? «Erstklassiger Stoff» wird im Laden angeboten, der anderswo Fanshop heisst, und die neuen Trikots von Union Berlin sind ein Renner. Der Verein aus Köpenick im Berliner Südosten vermeldet einen rasanten Anstieg der Mitgliederzahl, es geht auf die Marke von 30 000 zu. Über 6000 Neuanmeldungen sind seit Ende Mai eingegangen – seit jenem historischen Ereignis, als Union in der Barrage gegen den VfB Stuttgart erstmals in die Bundesliga aufgestiegen ist.

Im Stadion An der Alten Försterei erledigen Handwerker letzte Arbeiten, die Wände des Foyers sind frisch gestrichen. Zur Mittagsstunde stellt sich im Medienraum ein Mann mit Brille, grauem Haar und gefalteten Händen an ein Rednerpult. Ein bisschen erinnert das Bild an einen Politiker, der eine Erklärung abgibt. Aber Urs Fischer ist Trainer, das Thema ist das Pokalspiel vom Sonntag beim Regionalligisten Germania Halberstadt. «Das ist eine heikle Aufgabe.» – «Unsere Einstellung muss stimmen.» – «Ich sehe die Favoritenrolle bei uns.» Schnörkellos. Danach verabschiedet er sich von jedem Anwesenden per Handschlag.

Fischer ist 53, in seinem ersten Jahr hat er Union in die Erstklassigkeit geführt, und wem Aussergewöhnliches gelingt, der macht sich zum Helden. Jetzt sitzt er oben in einer Loge, und als er das mit dem Helden hört, winkt er ab: «Nein, nein», sagt er. Ihm ist das zu hoch gegriffen, Antiheld passt da eher: «Ganz viele haben zu diesem Erfolg ihren Beitrag geleistet. Ich bin nur ein Teil des Ganzen.» Es hätte erstaunt, wenn gerade er sich selber auf die Schulter klopfen würde.

Aufstiegsabend noch immer präsent

Unbezahlbar sind für ihn die Erinnerungen an den Aufstiegsabend. Sie lassen sich kaum in Worte fassen, aber die Bilder sind abgespeichert. Er hat den Schlusspfiff präsent, das Glücksgefühl, die Bierdusche, seinen gewaltigen Jubelschrei, die Umarmung mit seiner Frau und den Töchtern auf der Tribüne, die Feier danach – «ich bin schon stolz, aber wenn ich das nach einem solchen Erfolg nicht sein dürfte, wann dann?»

Wobei man das nicht mit Genugtuung verwechseln sollte, die er gerade gegenüber dem FC Basel haben könnte, der sich 2017 von ihm trennte. Trotz zwei Meistertiteln und einem Cupsieg in zwei Saisons. «Die neue Führung wollte einen neuen Trainer. Das konnte ich nachvollziehen.» Und: «Ich bin dem FCB dankbar, dass ich meinen Rucksack füllen konnte. Davon profitiere ich jetzt.»

Urs Fischer ist kein Blender. Er ist in einer Branche tätig, in der mancher Trainer voreilig zum Erklärer, Versteher, Taktikfuchs oder Philosophen erhoben wird. Aber niemand käme auf die Idee, ihm einen solchen Titel zu geben. Er hat den Ruf des seriösen Schaffers, der nicht aus allem eine Wissenschaft macht, um Eindruck zu schinden. «Ja», sagt er, «ich bin ein Arbeiter, aber das ist doch gut so.» Oft wird ihm auch das Adjektiv «bodenständig» angehängt, was ihn anfänglich störte, er nahm einen negativen Touch wahr. Inzwischen sagt er: «Ich bin ich.» Das heisst? «Kein Schauspieler. Ich verstelle mich nicht, um anderen zu gefallen.» Die Unioner mögen solche Menschen. Fischer ist einer von ihnen.

«Ich verstelle mich nicht, um anderen zu gefallen»Urs Fischer

Fischer hat sich an die imposanten Dimensionen der Weltstadt gewöhnt, «dagegen ist Zürich ein Dorf». Die Mentalität der Leute schätzt er, dieses Offene, Direkte, das er auch bevorzugt: «Ein Problem wird mit klaren Worten ausdiskutiert. Da wird nicht jeder Satz mit Blumen geschmückt.»

Das erste Jahr in Deutschland hat ihn noch etwas gelassener werden lassen. Sagt er. Als er noch in Basel war, reagierte er einmal dünnhäutig auf kritische Zeilen in einer Zeitung. In Berlin ist die mediale Begleitung um ein x-Faches grösser, «da empfiehlt es sich, nicht alles an sich heranzulassen». Er registriert es einfach. Genauso hält er es, wenn ihm manchmal vorgehalten wird, er zähle zur «Old School»: «Old School, New School – ich stehe für Werte ein, die alte Schule sein mögen, aber zeitlos sind. Und ich bin offen für Neues.»

Neue Gegner, gleiches Ziel:Die Aufgaben lösen

Fortan wird alles, was er tut, noch aufmerksamer beobachtet. Die Gegner heissen nicht mehr Aue, Sandhausen oder Fürth, sondern Bayern, Dortmund oder Leipzig. Man könnte meinen, dass er sich in einem schönen Traum wähnt. «Traum?», fragt Fischer, «nein, es ist die Realität.» Er ist nicht wie ein Kind mit leuchtenden Augen vor dem Weihnachtsbaum, weil in der Bundesliga alles eine Nummer grösser ist und die Liga-Prominenz im Kleinstadion vorbeischauen wird. «Das sind neue Aufgaben, die wir lösen wollen», sagt er, «an meiner Einstellung ändert sich nichts: Wenn wir träumen, kommt das nicht gut.»

Dazu passt das Votum von Präsident Dirk Zingler: «Ich lasse die Haltung nicht zu, dass man denkt: Jetzt sind wir mal oben, geniessen das schön, und wenn wir wieder absteigen, ist das nicht so schlimm.»

Bislang hat Fischer bei Union nur den Erfolg gekannt. Birgt für ihn der Aufstieg die Gefahr eines Absturzes, also: einer Entlassung? «Überhaupt nicht!», versichert er mit kräftiger Stimme. Als er 2012 beim FC Zürich zum ersten Mal eine Freistellung erlebte, wagte er sich eine Zeitlang kaum mehr aus dem Haus. Ihn plagten Zukunftsängste und das Gefühl, versagt zu haben. Sorgen macht er sich deswegen keine mehr. Das Geschäft lehrt ihn, dass es jeden treffen kann und irgendwann treffen wird.

Beim Fischen ist kein Platz für Freistossvarianten

Sicher ist, dass er seinen Wohnsitz in der Schweiz niemals aufgeben würde. In Berlin lebt er unweit des Stadions an der Spree, «alles wunderbar, ruhig und grün». Aber Zürich-Affoltern ist und bleibt sein Rückzugsort, «meine Festung», wie er sagt. Seine Frau lebt weiterhin da, er fliegt ein- bis zweimal pro Monat in die Schweiz. Abschalten vom Alltag, das schafft er gut. Etwa, wenn er mit der Familie Ferien in den USA verbringt wie in diesem Juni und dort – wie mehrmals schon – den Westen bereist. Oder wenn er sich in Berlin eine Auszeit beim Fischen gönnt, an der Nuthe, der Dosse oder auf dem Scharmützelsee. Dann taucht er ab in eine Welt, in der kein Platz ist für Freistossvarianten und Laufwege. «Ich vergesse alles rund um mich herum in diesen zwei, drei Stunden», sagt er, «ich finde zur Ruhe und tanke so Energie.»

Heute also beginnt für Fischer die Saison bei Union mit dem Cupspiel in Halberstadt, in einer Woche kommt Leipzig zum Bundesligastart. 22 000 Zuschauer werden da sein, mehr lässt das Stadion nicht zu. Ausbaupläne sehen eine Erhöhung der Kapazität auf 37 000 Plätze vor. Präsident Zingler hofft auf die Baubewilligung im nächsten Jahr. Sein Verein steht so oder so vor einem Spagat – weil er gerne als Gegenentwurf zu den hoch kommerzialisierten Konkurrenten dargestellt wird und Fussball nicht als Produkt verkauft, sondern als Spiel sieht, jetzt aber eben deutlich mehr Mittel benötigt, um im Wettbewerb mithalten zu können.

Der Clubchef will für Union keinen Heiligenschein

Geld erhält Union nun von einem neuen Hauptsponsor, einem Immobilienunternehmen. Teile des Anhangs reagieren darauf mit heftiger Kritik. Berlins Bevölkerung wächst, die Wohnungsnot nimmt zu, die Preise steigen. Es ist ein sensibles Thema. Der Club aber verteidigt seine Strategie. «Wir können uns nicht im Profi-Fussball behaupten, indem wir nur Bratwurst und Bier verkaufen», sagt Pressesprecher Christian Arbeit. Präsident Zingler erklärte neulich in einem Interview: «Wir sollten darauf achten, dass uns von aussen kein Heiligenschein aufgesetzt wird. Wir versuchen, unseren Spieltag anders zu organisieren – konzentrierter auf den Fussball. Aber wir sollten nicht zwingend versuchen, permanent anders zu sein.»

Elf neue Spieler holte Union. Fischer glaubt, dass genügend Substanz vorhanden ist, um den Ligaerhalt zu erreichen: «Wir tun, was wir tun können. Und dann kommt es, wie es kommen muss.» Sagts und muss schmunzeln: «Ist das jetzt bodenständig?»



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Erstellt: 11.08.2019, 13:18 Uhr

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