Frankreichs neue, gnadenlose Bescheidenheit

Die Baisse des französischen Fussballs ist kein Wunder. Eher war es das lange Hoch.

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Man sagt den Franzosen ja keine sonderlich ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkritik nach, geschweige denn zur Bescheidenheit. Schon gar nicht in sportlichen Angelegenheiten, wo sich der Nationalismus gerne mit einer gehörigen Portion Chauvinismus vermählt. Umso erstaunlicher ist es, mit welch offener und ehrlicher Strenge sie nun mit dem eigenen Fussball ins Gereicht gehen – bereits nach dem ersten Pflichtspiel in der neuen Ära unter Trainer Laurent Blanc, den sie «Le Président» nennen und der jenem glorreichen Ensemble der «Bleus» angehört hatte, das einst alles gewann.

Die Mannschaft ohne Stars

Das 0:1 gegen Weissrussland am Freitag im Pariser Stade de France bewegte «L’ Equipe» zum Titel «Catastrophique» – schwarz hinterlegt, als wärs eine Todesanzeige. «Le Parisien» wählte die Schlagzeile «Der Albtraum geht weiter» und vermisste jedes Anzeichen für eine Wende nach der pitoyablen Aufführung an der WM in Südafrika. Andere Zeitungen klagten, das Ende des Tunnels sei nicht in Sicht. Das Spiel gegen Bosnien morgen gilt bereits als Schicksalsspiel. Ein Katzenjammer.

Dabei hatte man dieser jungen Mannschaft fast ohne Stars viel Sympathie entgegengebracht. Man wollte ihr Zeit geben, der neuen Generation. Nur wenige Spieler, die in Südafrika dabei gewesen waren, liefen auf. Neben den verbandsintern gesperrten Franck Ribéry, Nicolas Anelka und Patrice Evra fehlte unter anderem auch der Spielmacher Yoann Gourcuff, der so langsam zum ewigen Talent verkommt.

Blanc wollte zeigen, dass es auch ohne die verwöhnten, süffisant agierenden Prominenten geht, dass Wille und Kampfgeist, wenn sie denn stimuliert werden, Klasse und Talent ersetzen können. Er trug allen auf, die Hymne zu lernen, die «Marseillaise», und sie vor dem Spiel aus voller Kehle zu singen, was zuletzt nicht mehr oft der Fall gewesen war. Blanc lud gar Zinédine Zidane nach Clairefontaine ein, damit der seinen Spielern im Trainingslager gut zurede. Alles sollte neu werden. Und gut. Die Stadionränge waren voll, die Herzen der Franzosen auch - voller Hoffnung. 90 Minuten lang, nur 90 Minuten.

Gehen hart ins Gericht

Am ehrlichsten gab sich Florent Malouda, der neue Captain der «Bleus», einer der wenigen Begnadigten nach Südafrika: «Es ist kein Geheimnis», sagte der Stürmer von Chelsea nach der Niederlage, «dass das Niveau der französischen Nationalmannschaft gesunken ist. Die Rangliste der Fifa spricht Bände: Wir fallen immer tiefer.» Rang 21.

Am Freitag stand keiner auf dem Platz, von dem man annehmen könnte, dass er das Erbe von Platini, Tigana oder Giresse antreten könnte. Oder jenes, eine Generation später, von Zidane, Deschamps oder Blanc. In der französischen Presse ist nun von einer «zerbrechlichen Generation» die Rede – vom definitiven Ende eines Zyklus.

Doch vielleicht gehen die Franzosen für einmal etwas gar hart ins Gericht mit sich selbst. Die Baisse erstaunt nicht. Viel mehr überraschte das lange Hoch. Frankreichs internationaler Fussball lebte zwei Zyklen lang, über seinen bestenfalls durchschnittlichen Verhältnissen in der nationalen Meisterschaft. Er wurde befeuert von seinen «monstres sacrés», den Ausnahmetalenten mit den grossen Namen. Getragen von einer Euphorie im Volk, das in der multikulturellen «Equipe tricolore» mehr sah als nur eine Sportmannschaft: ein Gesellschaftsmodell nämlich, ein stolzes Abbild einer durchmischten Nation. Diese Euphorie ist weg. Nicht nur im Sport.

Erstellt: 06.09.2010, 08:58 Uhr

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