Für den FCZ kommt die Pause keinen Tag zu früh

Zu viele Spieler und doch zu wenig Tiefe: Das Kader ist ein Paradoxon. 

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Nein, so möchte man sich nicht vom alten Jahr verabschieden. Der FC Zürich tat es gegen Lugano mit einem Zuschauer, der aus der Südkurve mit einer Glasflasche (!) nach einem Spieler des Gegners warf. Mit null Toren und einem tiefen Spassfaktor. Und mit einem Benjamin Kololli, den seine Auswechslung derart nervte, dass er so lange das Dach der Ersatzbank malträtierte, bis das Plexiglas nachgab.

So wurden in diesem 0:0 Dinge sichtbar, die den Verein über Weihnachten und Neujahr hinaus beschäftigen müssen. Da sind zum einen die eigenen Anhänger. Zuletzt konnte sich der FCZ mit einigem Recht auf den Standpunkt stellen, Gewalttaten wie der Überfall auf GC-Fans vor dem Prime Tower passierten weit ausserhalb des Stadions; an Orten, an denen der Club kaum Einfluss nehmen kann.

Viel Arbeit wartet auf Verein und Kurve

Aber nun sind in zwei aufeinanderfolgenden Spielen Gegenstände aus der Zürcher Kurve auf gegnerische Spieler geworfen worden. In Basel war es eine Banane als rassistische Beleidigung an die Adresse eines dunkelhäutigen Spielers. Gestern war es bemerkenswert, wie cool Alexander Gerndt blieb, als ihn eine Alkopop-Glasflasche knapp verfehlte. Das war einerseits nicht die Reaktion auf die Basler Banane, die von der stets auf Autonomie pochenden Südkurve erwartet werden durfte. Andererseits sind Vorfälle im Stadion auch immer Brüche des Vertrauensverhältnisses, ohne das ein vernünftiges Zusammenleben von Club und Anhang unmöglich ist. Da wartet – wieder einmal – viel Arbeit auf Verein und Kurve.

Aber nicht nur deswegen kommt die Winterpause für den FCZ keinen Tag zu früh. Während auf den Rängen bei einigen der moralische Kompass verloren ging, schleppte sich die Mannschaft auf dem Zahnfleisch auf Platz vier der Liga. Die Zürcher wirkten zuletzt so saft- und kraftlos, dass fast verdeckt wurde, dass das Team unter Ludovic Magnin eigentlich eine gute Entwicklung hinter sich hat. Es ist kein Zufall, steht der Trainer bereits bei einigen deutschen Clubs auf der Beobachtungsliste. Spieler wie Kololli, Rüegg, Khelifi oder auch Maxsø haben sich unter ihm verbessert. Die Mannschaft kann im Spiel ihr System nahtlos von drei auf vier Verteidiger und wieder zurück wechseln – und den Kontrahenten damit tatsächlich Probleme bereiten.

Bis Ende Oktober steigerte sich der FCZ kontinuierlich. Er tanzte durch die Europa League, er bezwang mit Leverkusen einen bestandenen Bundesligisten. Danach aber ging ihm die Luft aus. Das Kader ist ein Paradoxon. Einerseits ist es viel zu gross: 32 Profis werden auf der clubeigenen Website aufgelistet. Darunter ein Marco Schönbächler, mit dem im Sommer bis 2021 verlängert worden ist – und der seit dem 1. September kein Ligaspiel bestritten hat, obwohl er nicht verletzt war. Und andererseits hat diese ganze Fülle an Spielern nicht verhindert, dass drei Wettbewerbe eindeutig zu viel waren, um das Niveau konstant zu halten.

Magnin: Hitzkopf als Spieler – Hitzkopf als Trainer

Das entspricht auch einer Logik, der sich ein Club mit der jüngeren Geschichte des FCZ kaum entziehen kann. Zu gewissen Teilen ist das noch immer die Mannschaft, die zusammengestellt worden ist, um aus der Challenge League aufzusteigen. Allerdings war die Clubführung aber auch nicht genügend vorbereitet, als ihr im Sommer mit Frey und Dwamena gleich zwei Stürmer vom Hof galoppierten. Mindestens einen Abgang hätte sie antizipieren müssen. So blieb Magnin am Jahresende nichts anderes, als mit Odey den einzigen gesunden Stürmer durchspielen zu lassen, obwohl der nur noch ausgelaugt wirkte. Auch Sportchef Thomas Bickel also geht im Winter die Arbeit nicht aus.

Der Fall Kololli dagegen dürfte den FCZ nicht lange beschäftigen. Magnin war selbst als Spieler zu sehr ein Hitzkopf – und manchmal ist er es als Trainer des FCZ ja noch immer –, als dass er dem Flügel lange zürnen könnte. «Er war wütend auf sich, auf mich, auf alle, auf die man in der Situation wütend sein kann», so sah Magnin den Ausbruch. Und folgerte: «Er wird eine Strafe bekommen, keine allzu hohe.» Dazu eine Entschuldigung – dann dürfte die Sache gegessen sein.

Und dann ist heute ja noch die Auslosung des Gegners im Sechzehntelfinal der Europa League. Sie ist die Belohnung für den goldenen Herbst des FCZ, der durch den winterlichen Hochnebel beinahe überdeckt worden wäre.

Erstellt: 16.12.2018, 22:59 Uhr

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