Für Granit Xhaka gilt: Bloss weg hier!

Die Kritik an Granit Xhaka findet einen neuen Tiefpunkt, als er sich von Pfiffen der eigenen Fans provozieren lässt. Der Eklat zeigt, dass er Arsenal verlassen muss.

Granit Xhaka – unterwegs Richtung vorzeitigem Abschied von Arsenal? Foto: Paul Terry (Freshfocus)

Granit Xhaka – unterwegs Richtung vorzeitigem Abschied von Arsenal? Foto: Paul Terry (Freshfocus)

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Das Schlimmste hat Granit Xhaka gerade noch verhindert. Das Schlimmste wäre gewesen, wenn er sein Leibchen nicht nur ausgezogen, sondern auf den Boden geworfen hätte.

60'000 Zuschauer blicken am Sonntag auf ihn, als er nach einer Stunde ausgewechselt wird. 2:2 steht es zu diesem Zeitpunkt zwischen Arsenal und Crystal Palace, Arsenal hat im eigenen Stadion einen Vorsprung von zwei Toren verspielt und Xhaka nicht zwingend die beste Leistung seiner Karriere abgeliefert.

Granit Xhakas harter Gang vom Feld. (Quelle: SRF)

Jetzt muss er Platz machen,er lässt sich Zeit damit. Das Gegrummel auf der Tribüne hinter dem einen Tor beginnt, und es beginnt sich im mächtigen Rund auszubreiten und mit Buhs und Pfiffen zu mischen, er hört es, weil es so laut ist, dass er es hören muss, er verwirft die Arme so, als wolle er zeigen: Kommt nur, noch mehr! Noch mehr!

Mehr könnte der Trainer Xhaka nicht blossstellen als mit dieser Auswechslung.

«Fuck off!», sagt er, einmal, zweimal. Zumindest lässt sich das so von seinen Lippen ablesen. Verpisst euch! Unai Emery hilft ihm später auch nicht, als er sagt: «Das war falsch von ihm.» Emery ist der Trainer, der Xhaka vom Platz holt und durch Bukayo Saka ersetzt. Mehr könnte er Xhaka nicht blossstellen als mit dieser Massnahme. Saka ist ein Nachwuchsspieler von 18 Jahren.

Und die Frage ist nun: Was wird aus Xhaka bei Arsenal? Hat er noch eine reelle Chance bei diesem Verein und diesem Publikum? Kann er wirklich noch auf eine Zukunft hoffen? Die Grundsätzlichkeit dieser Fragen hat damit zu tun, dass Xhaka in England zum Opfer der Kritiker geworden ist, kaum hat er die Insel betreten.

Xhaka hat schon als Teenager eine «grosse Klappe», sagt er selbst.

Xhaka ist ein stolzer Mensch, aufrecht der Gang, durchgedrückt das Kreuz. Er hat schon früh, als 18-, 19-Jähriger eine «grosse Klappe», sagt er selbst, nicht aus bösem Willen, sondern weil er nichts fürchtet und selbstbewusst ist. Er eckt damit an, gerade zu Anfang seiner ersten Station im Ausland, Borussia Mönchengladbach.

Das sieht er mit der Zeit ein, er ändert sich, und als er im Sommer 2016 zu Arsenal wechselt, weint ihm die Borussia eine dicke Träne nach. Er geht als Spieler, der nach vier Jahren als Captain anerkannt ist.

Arsène Wenger holt ihn zu Arsenal. Xhaka kostet 49,5 Millionen Franken Ablöse. Zwei Monate ist Xhaka in der Premier League, als er für ein Foul erstmals die Rote Karte sieht. Zwei weitere Monate später, im Dezember, 2016, verschuldet er gegen Stoke einen Elfmeter, weil er einen Gegner mit dem Ellbogen im Gesicht trifft.

«Dumm», «dreckig», «undiszipliniert», «rücksichtslos» – das alles sagt er über Xhaka.

«Danny», sagt Gary Lineker darum spätnachts zu Danny Murphy in «Match of the Day» von BBC, «Danny, du interessierst dich für Xhaka.» Was ganz harmlos beginnt, wird zur Generalabrechnung des früheren Premier-League-Spielers und heutigen BBC-Experten. «Dumm», «dreckig», «undiszipliniert», «rücksichtslos» – das alles sagt er über Xhaka.

Es sind die Ausdrücke, die Xhaka seither verfolgen. Andere Alt-Nationalspieler, die nun für viel Geld den Fussball in den Medien analysieren, legen über die Jahre immer wieder nach. Zeitungen ziehen mit, Fans auch.

Einer dieser TV-Experten ist Ian Wright. Bis heute ist er die Nummer 2 der ewigen Torschützenliste der Gunners von Arsenal. Als er am Sonntag bei BBC das Verhalten von Xhaka beurteilt, überschlägt sich seine Stimme fast: Er ist der Captain! Er schuldet den Fans für seine Leistungen mehr als das, was er jetzt gemacht hat! Er ist doch der Captain!

Lucas Torreira kommen am Sonntag die Tränen, als Xhaka vom Publikum abgestraft wird.

Das ist ein wunder Punkt für Xhaka. Seit dieser Saison ist er der Spielführer bei Arsenal und muss spezielle Erwartungen erfüllen. Die Mitspieler mögen und schätzen ihn. Lucas Torreira kommen am Sonntag die Tränen, als Xhaka vom Publikum abgestraft wird. Die Zuschauer fragen sich nicht, wie sich einer dabei fühlen muss. Wright tut das ebenso wenig.

Natürlich ist Xhakas Reaktion sehr unglücklich. Er heizt damit die Stimmung gegen sich nur an. Nur ist sie auch menschlich. Und sie verrät eines: dass seine Schale nicht so hart ist, wie er gerne vorgibt.

Doch wer kennt Xhaka schon in England? Das Problem ist, dass die Clubs ihre Spieler vor der Öffentlichkeit am liebsten abschotten. Einmal hat Xhaka dem «Guardian» ein persönliches Interview gegeben. Das ist zu wenig, um sich besser darzustellen. Dafür müsste er mehr reden, denn das kann er.

Im Moment kann der Trainer nur falsch entscheiden.

Am Montag schweigt er. Der Club macht das auch. Es gibt keine Reaktion auf den Sonntag, kein einziges Wort. Das Problem schwelt. Am Mittwoch hat Arsenal seinen nächsten Match, im Ligacup bei Liverpool. Xhaka würde da auch ohne den Eklat kaum spielen, weil dieser Wettbewerb von der Reserve bestritten wird.

Der Knackpunkt für Emery kommt am Samstag beim Heimspiel gegen Wolverhampton. Was macht der Trainer, der so schlecht Englisch spricht, mit seinem Captain? Setzt er ihn ein? Schützt er ihn und lässt ihn draussen? Im Moment kann Emery nur falsch entscheiden.

Zumindest solange sich Xhaka nicht öffentlich erklärt und entschuldigt. Und das muss er, wenn er nur schon die kleinste Chance haben will, sich mit dem Publikum zu versöhnen. Denn die Chance, dass seine Gegner von ihrer Kritik lassen, ist verschwindend klein.

Sein Weg muss wegführen aus dem Norden Londons, weg aus der Premier League.

Xhakas Vertrag mit Arsenal läuft bis 2023, er ist hoch ­dotiert, mit rund 10 Millionen, jährlich. Die Frage ist trotzdem, ob er bei diesem Club eine Zukunft hat. Die Zweifel sind gross. Die Antwort heisst darum: Sein Weg muss wegführen aus dem Norden Londons, weg aus der Premier League, wenn er seinen Seelenfrieden wiederfinden will.

Mit seinen 27 Jahren ist er längst nicht zu alt für einen Neuanfang. Und mit seinem taktisch gescheiten Spiel passt er vielleicht besser nach Italien oder Spanien als in die englische Hochgeschwindigkeits­liga. Inter Mailand hat sich jedenfalls schon öfter um ihn bemüht.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 28.10.2019, 21:14 Uhr

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