Für Olympia gesperrt, bei der Fifa am Drücker

Witali Mutko wurde von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, organisiert aber die Fussball-WM. Kann die Fifa sich das leisten?

Witali Mutko und Gianni Infantino. Der stellvertretende russische Ministerpräsident und der Fifa-Präsident haben es lustig.

Witali Mutko und Gianni Infantino. Der stellvertretende russische Ministerpräsident und der Fifa-Präsident haben es lustig. Bild: Keystone

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Samuel Schmid trat vor die Medien, sein Schnauz ist in den Jahren als Alt-Bundesrat grau geworden, sein Nuschel-Singsang ist der gleiche geblieben, weich und schleppend. Doch was er am Dienstag in Lausanne der Welt mitteilte, hatte ordentlich Tobak. Russland hat systematisch gedopt. Russland wird bestraft (hier zum Strafenkatalog).

Einer der brisantesten Strafpunkte: Witali Mutko, als Sportminister während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi die höchste politische Figur innerhalb des Dopingkonstrukts, wird auf Lebzeiten von Olympia ausgeschlossen.

Nun ist es aber so, dass der gleiche Witali Mutko die Fussball-WM in Russland vom kommenden Sommer organisieren soll. Er ist Chef des russischen WM-Organisationskomitees, Präsident des russischen Fussballverbandes – und er sieht die Dinge etwas anders. An der WM-Auslosung in Moskau redete er sich in einem neunminutigen Monolog den Furor vom Leib: «Es hat nie und wird niemals ein staatlich ­gelenktes Dopingsystem in Russland geben.» Fifa-Präsident Gianni Infantino sass daneben, schwieg erst und sagte dann, er wolle nur über Fussball sprechen.

Die Fifa weicht aus

Das ist in diesen Tagen nicht anders, Mutkos Position scheint innerhalb der Fifa unerschütterlich, der Weltverband verkündete, das Urteil des IOK habe «keinen Einfluss» auf die Vorbereitungen für die WM in Russland. Die Fifa kann sich diese Haltung erlauben. Einerseits, weil sie reich und mächtig ist – das IOK kann ihr nichts vorschreiben. Andererseits, weil das Urteil Schwächen hat.

Zum Beispiel: Witali Mutko kann trotz starken Verdachtsmomenten kein persönliches Mitwirken nachgewiesen werden, er wird aber als Verantwortliche des ganzen Systems bestraft.

Das verdächtige E-Mail

Im 30-seitigen Schmid-Bericht ist Mutko nur in einem Dopingfall erwähnt, dies in einem E-Mail-Austausch zwischen dem ehemaligen Chef ­des russischen Antidoping-Labors und einem Berater des Sportministeriums. Es ging darin um einen Dopingfall eines Fussballers. In der E-Mail kann man lesen: «Die Entscheidung liegt bei WL zur Prüfung und Genehmigung.» WL steht wohl für Witali Leonid Mutko.

Schmid und seine fünf Ermittler finden, dass diese eine Bemerkung nicht reiche, um Mutko persönliches Mittun nachzuweisen.


Video: Russland von Olympiade ausgeschlossen

Russische Athleten dürften in Südkorea nur unter neutraler Flagge antreten. Video: Tamedia, Reuters


Der gelernte Schiffsmechaniker Mutko hat eine steile Politkarriere hinter sich. In St. Petersburg kam er im Schatten von Putin Anfang der neunziger Jahre zu politischem Einfluss. Er war zwischen 1997 und 2003 Präsident des Fussballclubs Zenit Sankt Petersburg und zog dann als Politiker weiter Richtung Moskau.

Lange war er Sportminister, heute ist er stellvertretender Ministerpräsident. Und er pflegt eine Nähe zu Infantino, die Fifa-intern auch schon als heikel bezeichnet wurde. Nach Infantinos Kür zum Präsidenten 2016 hat Mutko diesen in seinem Privatjet von Genf nach Moskau mitgenommen. Die Ethikkommission ermittelte damals, der Walliser kam abgesehen von ein paar Schrammen an seiner Reputation glimpflich davon. Seither hat sich nicht viel geändert, Infantino und Mutko treten in der Öffentlichkeit brüderlich auf und setzen sich hinter den Kulissen füreinander ein.

«Infantinos Präsidentschaft gefährdet»

Das war auch der Fall, als die Wiederwahl Mutkos in den Fifa-Rat zur Debatte stand. Miguel Maduro, damals oberster Regelhüter der Fifa, beanstandete einen Interessenskonflikt und wollte Mutkos Wahl nicht zulassen – was ihm schliesslich auch gelang. Mit Folgen: Der Portugiese wurde mittlerweile als Governance-Chef abgesetzt. Auf Infantinos Betreiben.

Im September dieses Jahres erzählte Maduro vor einem Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments, dass Infantino seine Meinung dazu «sehr klar» geäussert habe. Die Argumentation des Walliser ging so: Wenn Mutko nicht in den Rat gewählt werde, hätte das negative Folgen für die WM 2018. Und: Es würden keine Beweise existieren, dass Mutko beim Staatsdoping mitgemacht habe. Später bedrängte auch Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura Maduro. Sie sagte, er müsse eine Lösung finden, sonst sei Infantinos Präsidentschaft gefährdet. Die Russen gelten als Wahlhelfer des Schweizers.

Was macht Mutko nun? Er ist angeschlagen, er schweigt. Die NZZ schreibt über ihn: «Er ist die Schachfigur, die kippt.» Das mag im olympischen Milieu stimmen, in den Fussballerkreisen jedoch steht die Figur noch.

Die starken Verdachtsmomente

So bleiben die starken Verdachtsmomente bestehen, die bereits seit Monaten kursieren. Es gibt 155 verdächtige russische Fussballerproben, es existiert eine Liste mit 34 russischen, stark unter Dopingverdacht stehenden Fussballern – darunter das ganze WM-Team von 2014. Der vom IOK als glaubwürdig eingestufte Whistleblower Grigori Rodschenkow sagt zudem, er habe Beweise für staatlich organisiertes Doping bei russischen Fussballern.

Diese Informationen und das jüngste Urteil des IOK verlangen dringlich, dass María Claudia Rojas, die neue Chefermittlerin der Fifa-Ethikkommission, aktiv würde. Doch die Fifa liess das in ihrer Stellungnahme offen. Seit die Kolumbianerin im Frühling ihr Amt aufgenommen hat, ist die Transparenz der Ethikkommission gleich null. Niemand weiss, was die Anwältin macht.

Das war anders unter ihrem Vorgänger, dem Zürcher Cornel Borbély. Wie ein Besen fegte der Anwalt durch die Fifa. Sanktion folgte auf Sanktion. Bis auch Borbély von Infantino und dessen Verbündeten nicht wiedergewählt wurde.

Geschehen ist in der Dopingsache wenig, der Fussballweltverband scheint die Sache auszusitzen. Wie sagte Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura vor ein paar Tagen in Moskau: Nach ­ihren Informationen sei Doping im russischen Fussball «nicht weitverbreitet». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2017, 21:41 Uhr

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