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Ein Pfiff – die St. Galler Euphorie weicht der Wut

St. Gallen gegen YB ist Erster gegen Zweiter – vor allem ist es ein verrücktes Spiel, in dem die Berner dank des Videoschiedsrichters das 3:3 retten.

Die entscheidende Szene der Schlussphase. Video: SRF

Und dann packt Alain Bieri die fette Nadel aus und bringt den Ballon zum Platzen. Der Kybunpark ist in dem Moment ein Tollhaus, alle mit grün-weissem Herz sind am Durchdrehen und Jubeln, als wäre die Meisterschaft gewonnen, weil Lawrence Ati Zigi den Penalty von Guillaume Hoarau gehalten hat. Peter Zeidler rennt zur Cornerfahne, um mit seinen Spielern zu feiern, wobei: Der Trainer von St. Gallen rennt nicht, er fliegt.

Die 97. Minute läuft, dank Zigi liegt St. Gallen weiter 3:2 vorne gegen YB. «Da haben wir das Spiel zum zweiten Mal gewonnen», sagt Zeidler. Aber dann wird Bieri zum Spielverderber. Aus Volketswil hört er von Video Assistant Referee Sandro Schärer, dass Zigi zu früh die Torlinie gleich mit beiden Füssen verlassen hat. Schärer ist es schon gewesen, der mit seinem Eingreifen Bieri überhaupt erst dazu gebracht hat, auf Elfmeter zu entscheiden.

Als Schärer also zum zweiten Mal innert weniger Sekunden eingreift, amtet Bieri, wie es die Regel vorschreibt: Er lässt den Elfmeter wiederholen. Ungeschickt ist nur, dass er die Szene mit Zigi nicht selbst am Bildschirm kontrolliert. «Die Regel ist Schwachsinn», sagt Jörg Stiel, der frühere St. Galler Meistergoalie. Selbst Bieri gibt zu: Das «stinke» auch ihm. Sagt es und zuckt so mit den Schultern, dass ein Bedauern erkennbar ist.

Schiedsrichter Alain Bieri erklärt, warum der Penalty ungültig war. (Video: SRF)

Die Zuschauer sind aufgebracht. Alles ist mit einem Schlag weg: die ganze Euphorie, diese ausgelassene Freude, das Spiel gegen den Meister noch gedreht zu haben, dieses unterschwellige Gefühl, dass es vielleicht wirklich etwas werden kann mit dem Gewinn des Titels. «Zigi!», haben die rund 18 000 gerufen, die nicht für YB sind, und jetzt ist ­alles für nichts. Und bekommt Hoarau die zweite Chance, seiner Mannschaft wenigstens einen Punkt zu retten.

Das Brodeln bei Sutter

Hoarau steht erst seit der 85. Minute auf dem Platz, er ist nicht der Stürmer der grossen Tage, dafür ist er zu lange verletzt gewesen. Doch wenn es in der Super League einen Spieler gibt, der mental die Stärke hat, um in einem solchen Moment nochmals zu einem Elfmeter anzulaufen, dann ist er es. Er schiesst, Zigi fliegt, aber der Ball landet trotzdem im Tor. 3:3 steht es nach 98 Minuten und 8 Sekunden. Danach ist Schluss. St. Gallens Sportchef Alain Sutter drängt es auf den Platz zu Bieri. Öffentlich reden mag er nicht. Aber es brodelt so in ihm, wie es das bei Tausenden tut. Bieri ist das Feindbild der St. Galler. Sutter sucht später im Kabinengang das Gespräch mit dem Schiedsrichter, es dauert nur kurz, weil Bieri es abbricht. «Nicht auf diesem Niveau», erklärt er Sutter. Zumindest hört sich seine Begründung aus ein paar Metern Distanz so an.

Lukas Görtler versteht die Welt nicht mehr. (Video: Eva Tedesco/Tamedia)

Die Emotionen passen zu diesem Spiel, das ein grossartiges Erlebnis ist. Und das zeigt, was selbst die Super League an Aussergewöhnlichem zu bieten hat, wenn zwei Teams voller Adrenalin in einem ausverkauften Stadion aufeinanderprallen. St. Gallen beginnt furios und geht nach zehn Minuten durch Betim Fazliji, diesem nächsten besonderen Talent aus der Ostschweiz, in Führung. YB tut sich schwer, ins Rollen zu kommen. Captain Fabian Lustenberger hält sich damit auf, jeden Entscheid von Bieri zu kommentieren.

Aber YB ist nicht umsonst zweimal Meister geworden, Klasse steckt in dieser Mannschaft, und das zeigt sich in den letzten Sekunden vor der Pause. Zuerst Ngamaleu zu Nsame – 1:1, Zigi hat einen solchen Ball auch schon gehalten. Dann Mambimbi zu Ngamaleu – 1:2, der junge Stergiou trägt eine Mitschuld daran, weil er zuvor recht leicht den Zweikampf gegen Mambimbi verloren hat. Der St. Galler Trainer Zeidler hat am Freitag Nsame und Ngamaleu hoch gelobt, jetzt denkt er sich: «Das nächste Mal lasse ich das.»

Der Druck des Publikums

In der zweiten Halbzeit bestätigen die St. Galler den Eindruck, was sie diese Saison alles gelernt haben, welchen Mut sie inzwischen besitzen. Sie drängen den Gegner zurück, und auch wenn sie lange nicht zu einer grossen Chance kommen, geben sie nicht auf. Sie werden vom Publikum angetrieben. Lukas Görtler flankt, Ermedin Demirovic trifft mit seinem Kopfball zum 2:2, das ist in der 73. Minute.

Fussball verrückt: Das Spitzenspiel erfüllt alle Erwartungen. Nach einer aufwühlenden Schlussphase endet die Partie zwischen St. Gallen und YB Remis.
Fussball verrückt: Das Spitzenspiel erfüllt alle Erwartungen. Nach einer aufwühlenden Schlussphase endet die Partie zwischen St. Gallen und YB Remis.
Claudio Thoma/freshfocus
Die St. Galler starten furios und gehen früh dank Betim Fazliji (im Bild) in Führung.
Die St. Galler starten furios und gehen früh dank Betim Fazliji (im Bild) in Führung.
Ennio Leanza, Keystone
Im weiteren Spiel trennen sich Lugano und Sion 0:0 unentschieden. Im torlosen Unentschieden sind Offensivaktionen Mangelware.
Im weiteren Spiel trennen sich Lugano und Sion 0:0 unentschieden. Im torlosen Unentschieden sind Offensivaktionen Mangelware.
Francesca Agosta, Keystone
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Und die St. Galler geben nicht auf, das Publikum feiert jeden Eckball wie ein Tor, in der 85., 86. oder 90. Minute. Das ist das Zeichen, dass alle an den Sieg glauben. In der 91. Minute schlägt Jordi Quintillà den nächsten Corner, Quintillà ist dieser Spielmacher mit einem linken Fuss, wie ihn wenige in der Super League haben. Sein Ball fliegt hoch in den Strafraum, und dann steht Görtler da und trifft zum 3:2.

«Gedanklich haben wir da gewonnen», sagt Zeidler. Bieri hat etwas dagegen. Oder besser: die Regel.

Telegramme:

St. Gallen - Young Boys 3:3 (1:2)

19'024 (ausverkauft). - SR Bieri. Tore:10. Fazliji (Görtler) 1:0. 44. Nsame (Ngamaleu) 1:1. 45. Ngamaleu (Mambimbi) 1:2. 73. Demirovic (Görtler) 2:2. 91. Görtler (Ribeiro) 3:2. 97. Hoarau (Handspenalty) 3:3.St. Gallen: Zigi; Hefti, Stergiou, Letard (34. Staubli), Muheim; Görtler (93. Bakayoko), Quintillà, Fazliji; Guillemenot (89. Ribeiro); Itten, Demirovic. Young Boys: Von Ballmoos; Janko, Bürgy, Lefort, Garcia; Fassnacht, Lustenberger, Martins, Ngamaleu (77. Zesiger); Mambimbi (83. Elia), Nsame (87. Hoarau).Bemerkungen: St. Gallen ohne Ruiz (gesperrt), Babic, Costanzo, Adonis Ajeti, Nuhu, Lüchinger und Strübi (alle verletzt), Gonzalez, Campos und Vilotic (alle nicht im Aufgebot). YB ohne Aebischer, Camara, Lotomba, Sierro, Sörensen und Sulejmani (alle verletzt). 4. Pfostenschuss von Itten. 28. Pfostenschuss von Fassnacht. Rote Karte: 98. Guillemenot (Reklamieren/nach Schlusspfiff). Verwarnungen: 15. Janko, 31. Lustenberger, 33. Letard, 39. Ngamaleu, 46. Demirovic, 70. Guillemenot (alle Foul). 94.Muheim (Handspiel). 95. Zigi (Unsportlichkeit).

Lugano - Sion 0:0

2872 Zuschauer. - SR Schnyder.Lugano: Baumann; Yao, Sulmoni, Daprelà, Lavanchy; Lovric, Selasi (45. Covilo), Custodio; Holender (90. Lungoyi), Janga, Bottani (46. Aratore).Sion: Fickentscher; Bamert, Abdellaoui, Ruiz, Lenjani; Kasami, Zock, Song, Itaitinga (78. Grgic); Doumbia (85. Uldrikis), Luan (70. Stojilkovic).Bemerkungen: Lugano ohne Gerndt (gesperrt), Sabbatini, Guidotti und Maric (alle verletzt). Sion ohne Facchinetti, Fortune, Kouassi (alle gesperrt), Toma, Djourou, Maçeiras, Ndoye und Raphael (alle verletzt). Verwarnungen: 8. Bottani (Foul), 17. Abdellaoui (Foul), 32. Lavanchy (Foul), 42. Song (Foul), 91. Stojilkovic (Foul).

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