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GC kommt vom Seuchen- ins Schicksalsjahr

Die Grasshoppers sind unter Stephan Anliker ein beliebiger Club geworden. Sie haben kein Geld und keinen Erfolg, dafür eine schwere Zukunft vor sich.

GC-Trainer Thorsten Fink (links) und GC-Präsident Stephan Anliker – nahe bei den Spielern, fernab von der Tabellenspitze. Foto: Christian Merz (Keystone)
GC-Trainer Thorsten Fink (links) und GC-Präsident Stephan Anliker – nahe bei den Spielern, fernab von der Tabellenspitze. Foto: Christian Merz (Keystone)

Manchmal ist Thorsten Fink zu bewundern. Da verliert er mit GC ein Spiel, schon wieder eines, das elfte allein in diesem Herbst, und der Trainer findet trotzdem noch immer einen Grund, um zu lächeln und das Gute zu erahnen. Nur Maske? Nur Schauspielerei? Kaum, Fink ist noch einer, der an das glaubt, was er sagt. Er ist im Positiven überdreht.

Fink trainiert seit dem April nicht irgendeinen Club im Schweizer Fussball, sondern GC, eine alte Grösse, den ­Rekordmeister und Rekordcupsieger. Das Problem ist, dass die guten Zeiten längst vorbei sind, GC ist unter Präsident Stephan Anliker ein ganz beliebiger Verein geworden: Seit Anliker im Februar 2014 das Amt offiziell übernommen hat, endeten die Saisons mit den Rängen 2, 8, 4, 8 und 9. Und jetzt geht GC als Neunter in die Winterpause, mit so vielen Niederlagen wie niemand sonst in der Liga.

Am Samstag gibt es zum ­Abschied von 2018 ein 0:1 in Thun, unglücklich, ja, durch ein halbes Eigentor des jungen Diani kurz vor Schluss. Danach hält Anliker eine Rede in der Kabine, «er hat gesagt, es sei gut, dass das Scheissjahr vorbei sei», berichtet Fink in seinem Ruhrpott-Deutsch später und korrigiert sich: «Er hat nicht Scheissjahr gesagt, sondern Seuchenjahr oder so ähnlich.»

Fink trägt wesentlich zur Bilanz des Kalenderjahres 2018 bei.

Im Frühjahr ging es in der Führung drunter und drüber wegen des intriganten Kampfs um die Hausmacht. Erich Vogel, der alte Strippenzieher, bezeich-nete Anliker als «schlechtesten Präsidenten seit 1949». Die Mannschaft erhielt mit Fink den dritten Cheftrainer innert neun Monaten und verlor insgesamt 11 von 18 Spielen. Das zweite halbe Jahr begann mit einer Aufbruchstimmung und einer klaren Zielsetzung: Europa League! Unvergessen ist der Satz von Sportchef Mathias Walther: «Ich habe einen Top-Trainer, und ich habe eine Top-Mannschaft.»

Der Blick auf die Tabelle fünf Monate später widerlegt ihn. Fink trägt wesentlich zur Bilanz des Kalenderjahres 2018 bei. GC verliert total 22 von 36 Spielen und gewinnt nur 32 Punkte. Lausanne stieg zuletzt mit ­­35 Punkten ab.

Plötzlich ist Thun ein Vorbild

Natürlich haben die Zürcher Pech gehabt mit den vielen Verletzten, acht sind es gleich in Thun. Aber viele Verletzte sind auch immer der Ausdruck von vielen Problemen. Und selbst wenn Fink immer und immer wieder als Erklärung für fehlende Punkte darauf hinweist: Auch mit den Holzhausers, Djuricins und Sigurjonssons ist GC diesen Herbst nie über Platz 8 hinausgekommen.

Fink ist ein freundlicher Mann, keine Frage, er bedankt sich am Samstag bei den Medien für die Zusammenarbeit. «Für mich war sie angenehm», sagt er, «und für die Medien war es nicht so einfach, etwas Positives zu finden.» Da hat er wohl mehr recht als beabsichtigt. Fink nutzt die Gelegenheit auch noch, den FC Thun zu loben, «den kleinen FC Thun», wie er sagt, und er nimmt ihn als Vorbild für Kontinuität und dafür, was zu erreichen ist, wenn man den Trainer in Ruhe arbeiten lässt. Spätestens da ist klar, wie weit es mit GC gekommen ist.

Die Winterpause soll genutzt werden, um Retuschen am Kader vorzunehmen. Ein, zwei, drei Wechsel soll es geben. Fragt sich nur: wie, womit finanzieren? Geld ist keines vorhanden. GC ist ein klammer Verein. Die drei Grossaktionäre Anliker, Spross und Stüber bilden mehr ein Zweckbündnis. Was sie an Geld für die drei Jahre bis Ende 2020 einschiessen wollten, insgesamt 9 Millionen, ist bereits nach den ersten Monaten des Jahres verbraucht, um Kosten zu decken. 8 Millionen Franken beträgt das strukturelle Defizit von GC, jährlich. Das muss durch Aktionäre und Transfers gedeckt werden. Daran ändert sich nichts, solange die Führung nicht willens ist, das Naheliegende zu tun: an der überteuerten Struktur etwas zu ändern. CEO Manuel Huber musste dem Verwaltungsrat einmal aufzeigen, wie gross das Sparpotenzial ist. Er kam angeblich auf 67'000 Franken.

Finks gezielter Zug

Anliker setzt auf Huber und hat ihn mit einem schönen Vertrag ausgestattet. Huber aber hat in seiner Funktion nicht die bessere Bilanz als Anliker, vielmehr stösst er an die Grenzen seiner Jugendlichkeit von 31 Jahren. Walther wiederum war im August 2017 als Sportchef durch die Anstellung von Murat Yakin blossgestellt worden, weil Yakin nicht ihm untergeordnet war, sondern dem Präsidenten. Jetzt kann er sich nicht gegen Fink stellen, weil Fink sein Trainer ist. Fink schliesslich spielt immer wieder geschickt und gezielt die Karte, wonach die Probleme bei den Grasshoppers doch nicht immer mit dem Trainer zu tun haben könnten. Dazu lobt er die Chefs für das Vertrauen, das er von ihnen spüre.

2018 war für GC ein Seuchen- oder sonst ein Jahr. 2019 wird ein Schicksalsjahr. Es ist leicht vorstellbar, was passieren würde, wenn dieser Club im Frühling nicht nachhaltig die Kurve kriegte. Er drohte zu zerbrechen.

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