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Gedemütigt ins Schweigekloster

Der HSV beginnt nach der verpassten Rückkehr in die Bundesliga mit der schmerzhaften Analyse des Scheiterns.

Ratlose Spieler: Genau ein Jahr nach dem Abstieg hat der HSV die Gewissheit, noch eine Saison in der zweiten Liga zu verbringen. Foto: Reuters
Ratlose Spieler: Genau ein Jahr nach dem Abstieg hat der HSV die Gewissheit, noch eine Saison in der zweiten Liga zu verbringen. Foto: Reuters

«Sich in Ruhe zusammensetzen» wollte Ralf Becker nach dem 0:3 in der Vorwoche gegen Ingolstadt. «Sich in Ruhe zusammensetzen» wollte der Sportdirektor des Hamburger SV auch nach dem 1:4 am Sonntag in Paderborn. Wenn Beckers konsequenter Krisenplan akribisch umgesetzt wird, verbringen er und der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann die Sommermonate im Schweigekloster. Man darf gespannt sein, ob Becker dort als Sportdirektor wieder herauskommt.

Der Trainer Hannes Wolf wird sich vermutlich nicht mehr mit in Ruhe zusammensetzen dürfen. Am Sonntag beendet sein am Aufstieg gescheiterter HSV gegen den Absteiger Duisburg eine bittere Saison. Für Wolfs mögliches Abschiedsspiel sind nahezu alle Tickets verkauft, weil man in Hamburg einmal dachte, dass man an diesem Tag den Aufstieg feiern würde. Das klappt aber nicht mehr. Mal sehen, ob das Stadion nun trotzdem voll wird.

Der HSV war mit dem Ziel in die Saison gegangen, von August 2019 an nicht mehr gegen zweitklassige Clubs spielen zu müssen, gegen Clubs wie beispielsweise den SC Paderborn. Ein Teil dieses Zieles könnte ironischerweise sogar erreicht werden, weil die Paderborner am Sonntag nur in Dresden gewinnen müssen, damit die HSV-Fans in der nächsten Zweitliga-Saison nicht mehr mit der Bimmelbahn durch Ostwestfalen tingeln müssen. Denn von diesem SC Paderborn sind die Hamburger überfahren worden: Das 1:4, das auch ein 1:8 hätte werden können, war die ultimative Demütigung eines Clubs, der dachte, mit 28 Millionen Euro Spielergehältern ­könne man geschmeidig durch die zweite Liga surfen.

Acht Spiele, drei Punkte

Dass die Mannschaft zu verkrampfen begann, als es in die entscheidende Phase der Saison ging, war offenbar kein Zufall, sondern Nervensache. Am 23. Februar war der HSV letztmals Tabellenführer, und am 10. März war er nach dem ­emotional bedeutsamen 4:0-Triumph auf St. Pauli immerhin noch Tabellenzweiter. Er hatte damals drei Punkte Vorsprung auf den ­Dritten Union Berlin, sieben ­Punkte Vorsprung auf den Vierten FC St. Pauli und zwölf Punkte Vorsprung auf den Siebten Paderborn. Seither haben die Hamburger aus acht Spielen drei Punkte geholt und zuletzt dreimal in Serie verloren mit addierten 1:9 Toren.

«Die Mannschaft war dem Druck nicht gewachsen», sagte Aaron Hunt als erfahrenster Spieler mit ein bisschen Abstand nach dem Abpfiff in Paderborn. Noch auf dem Spielfeld hatte er geschimpft: «Heute haben sich alle nur verpisst.» Hunt meinte damit, dass niemand Verantwortung übernehmen wollte und dass sich niemand so richtig gezeigt habe auf dem Platz. Er selbst war erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt worden, reihte sich aber nahtlos ein in die ausdruckslose Elf.

Und so spricht schon jetzt ­niemand mehr über das finale Saisonspiel gegen Duisburg, ­sondern längst über die nächste Saison. Dabei geht es um Personal­entscheidungen vor dem Hintergrund eines deutlich reduzierten Saisonetats. Das wird massive Veränderungen im überteuerten Kader erfordern. Alle haben am Sonntag den SC Paderborn mit seinem Trainer Steffen Baumgart und seinem Sportchef Markus Krösche gelobt. Krösche hätten die Hamburger vor einem Jahr selbst gern verpflichtet, Paderborn hat ihn aber nicht hergegeben. Ein bisschen so wie er werden es die Hamburger künftig trotzdem machen müssen. Das Motto der klammen Paderborner bei der Spielerverpflichtung lautet stets: «Not macht erfinderisch».

Der verflixte 12. Mai

Am Sonntag war es exakt 365 Tage her, dass der HSV trotz eines 2:1-Heimsieges gegen Mönchengladbach aus der Bundesliga abgestiegen war. Der 12. Mai wird also kein Gedenktag in diesem Club, vielmehr ein Mahntag. Vor einem Jahr waren viele Tränen geflossen bei Spielern und Fans. Das war diesmal anders. Deprimiert haben die meisten geschaut, aber die ­Entwicklung der vergangenen Wochen hat ihre Emotionalität gedämpft. Viele Spieler wirkten bei ihrem rhetorischen Abgesang auf das gescheiterte Team ziemlich aufgeräumt.

Den HSV-Investor Klaus-­Michael Kühne wundert das nicht. Er sagte am Montag, der Niedergang habe sich für ihn längst abgezeichnet. Bereits «am 26. Februar» habe er den relevanten Gremien des Clubs empfohlen, sich vom Trainer Wolf zu trennen – also kurz nachdem der HSV zum letzten Mal Tabellenführer war. Nun konstatiert Kühne: «Die fehlende Handlungsbereitschaft der Gremien war aus meiner Sicht verhängnisvoll.» Er fordert «mutige Personalentscheidungen» für eine neue «Aufbruchstimmung».

Der neue Mut des HSV wird sich vor allem in preiswerten Entscheidungen zeigen müssen. Weniger Fernsehgeld und weniger Sponsorenmittel werden den Etat belasten, trotzdem lehnt sich der Sportchef Becker bereits wieder aus dem Fenster und sagt schon jetzt, dass das unbedingte Ziel dann eben der Aufstieg in der kommenden Saison sein müsse. Von solchem Wagemut haben im Club aber schon viele genug. Der Vereinsheld und ­Altersweise Uwe Seeler, mittlerweile 82-jährig, sagt: «Ich ­fürchte, dass der Aufstieg ­nächstes Jahr nicht einfacher wird – sondern schwieriger.»

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