Einst war er ihr Trottel der Alpen

Christian Constantins Ohrfeigen sind das grosse Thema im Wallis. Auch ein Transparent gibt zu reden.

Auf der Tribüne wie immer: Christian Constantin. Bild: Keystone

Auf der Tribüne wie immer: Christian Constantin. Bild: Keystone

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Vieles ist an diesem Sonntag so, wie es immer ist, an einem Spieltag in Sitten. Die Sonne lacht. In der Luft liegt Raclette-Duft. Und bevor der Hauptgang, die Partie, ansteht, führt sich der eine oder andere ein Gläschen Weisswein zu Gemüte. Dabei wird jeweils natürlich auch abgewogen, wie das heute kommt mit ihrem FC Sion. Sieg oder Niederlage? Rausch oder Kater? An diesem Sonntag ist diese Frage für einmal nicht prioritär. Alles dreht sich um Constantin, den Prügelpräsidenten, wie ihn die deutsche «Bild» jüngst taufte. Am Donnerstagabend hatte er TV-Experte Rolf Fringer in Lugano mehrfach geohrfeigt und in den Rücken getreten. Das ist Thema. Jeder äussert sich dazu.

Zum Beispiel dieser Sion-Anhänger, der auf die Frage seines Kumpans, ob er mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden sei, pietätlos antwortet: «Wir sind zumindest länger ungeschlagen als Rolf Fringer.» Später wird der Sion-Fanblock ein Transparent mit derselben Botschaft ausrollen.

Auf der Tribüne wie immer: Christian Constantin. Foto: Keystone

Wer sich vor dem Tourbillon umhört, der vernimmt so einiges. Da ist ein Fan, der Constantins Ohrfeigen «ziemlich gut verstehen» kann. Weil er findet, dass sich der Präsident nicht alles gefallen lassen müsse. Dass Fringers Voten mehrmals nur auf Constantins Person und nicht auf dessen Arbeit zielten. Und dass das sowieso einfach nicht gehe. Gleich nebenan findet einer: «Constantin hat doch verbal schon viel härter ausgeteilt, wegen ein paar Klapsen nun solch einen Aufstand zu machen, verstehe ich nicht.»

«Das ist nun mal Constantin»

So tönt das in Sion. Es gibt hier weit mehr als nur diese eine Ansicht, dass Constantin ein Schläger ist und für lange Zeit oder vielleicht für immer gesperrt gehört. «Das ist nun mal Constantin», sagt einer im Schneuwly-Trikot. Weil er weiss, dass das als Rechtfertigung nicht reicht, schiebt er nach: «Klar, die Aktion war nicht gut.»

In Brasilien, in Indien, in Kroatien – an so manchen Orten auf dem Globus konnte man über diesen Fall lesen. Weiter schlimm finden sie das in Sion nicht. Einzig über diese eine Aussage, die Constantin nach dem Vorfall machte, ist man nicht glücklich: da nämlich, als der Präsident sagte, dass er auf die Walliserart gehandelt habe. «Damit hat er einen ganzen Kanton in Geiselhaft genommen», schrieb der Chefredaktor des Walliser «Nouvelliste».

«Wir sind zivilisiert»

«Das wirft ein schlechtes Licht auf unseren Kanton», findet auch ein Fan. «Wir sind nicht im Wilden Westen, wir sind zivilisiert. Bei uns gilt kein Faustrecht.» Während er diesen Satz formuliert, schlendert Sion-Trainer Paolo Tramezzani mit seiner Aktentasche vorbei. Einige wünschen ihm Glück fürs Spiel. Ihm, dem temperamentvollen Trainer, der im Sommer aus Lugano geholt worden war, um den FC Sion spektakulärer werden zu lassen.

Als Trottel der Alpen haben die Sion-Fans ihren Präsidenten auch schon besungen. Nun halten sie zu ihm.

Weil der FC Sion aber nicht so elegant spielt, wie sich Tramezzani kleidet, ist das Ganze bisher ein ziemliches Missverständnis. Dem 47-Jährigen fehlt ein mitreissender Offensivspieler. Einer, der mit seiner Genialität die Leistung des Kollektivs auch mal kaschieren kann. Einer, wie er ihn mit Ezgjan Alioski letzte Saison in Lugano hatte. Oder einer wie Chadrac Akolo, der bis zum Sommer im Wallis unter Vertrag stand. Marco Schneuwly, der neue Stürmer aus Luzern, trifft nicht so regelmässig wie erhofft. Und Pajtim Kasami, der zwölffache Nationalspieler, der aus Athen kam, sucht noch seine Bestform. Sion ist Durchschnitt. Und das mag Constantin nicht.Deshalb war der Coach kurzfristig auch der grösste Profiteur der ganzen Affäre. Er geriet aus dem Fokus. Aber Tramezzani weiss: Im Wallis ist niemand zufrieden mit ihm.

Es kam zu diesem peinlichen Aus gegen einen litauischen Nobody in der Europa-League-Qualifikation und dem noch peinlicheren Ausscheiden gegen Drittligist Lausanne-Ouchy im Cup. Präsident Constantin hat seinem neuen Trainer auch schon ein Ultimatum gesetzt. Drei Spiele sollte Tramezzani Zeit haben, um seine Ideen so zu vermitteln, dass der Club wieder Freude macht. Das Spiel am Sonntagnachmittag gegen die Young Boys ist das zweite in diesem ­Rahmen.

Sein Ultimatum läuft nur noch ein Spiel: Paolo Tramezzani. Foto: Keystone

Weil die Liga es unterlässt, eine superprovisorische Sperre gegen Constantin auszusprechen, ist auch der Präsident im Stadion. Er kommt knapp. Aber er kommt. Und eines ist bald offenkundig: Constantin ist um einen dezenten Auftritt bemüht. Gespielte Normalität nennt sich das. Nur das eingangs erwähnte Plakat erinnert an die turbulenten letzten Tage. Als Trottel der Alpen haben die Sion-Fans ihren Präsidenten auch schon besungen. Am Sonntagnachmittag halten sie zu ihm. Auch wenn sie wissen, dass es eigentlich keine zwei Meinungen zu dieser Angelegenheit gibt. Sie wissen aber auch, dass es ihren FC Sion so, wie sie ihn heute kennen, nicht mehr geben würde ohne Constantins Millionen.

Triste Fussballkost

Die erste Halbzeit ist dann ziemlich trist. Beiden Mannschaften fehlen Spieler. Das sieht man. Beim FC Sion sind es Carlitos, Cümart, Mveng, Adryan und einige mehr. Chancen gibt es wenige, Tore gar keine. Das erste und einzige fällt dann gleich nach der Pause.

Nach einem Eckball für Sion schalten die Berner schnell um. Den Konter initiiert Jean-Pierre Nsamé mit einem Steilpass auf Roger Assalé. Dieser tanzt Sions Zverotic aus und schiebt den Ball an Goalie Mitryushkin vorbei. 1:0. Das Tourbillon verstummt – Constantin bleibt ruhig. Und obwohl die Young Boys bei weitem nicht unwiderstehlich spielen, gewinnen sie am Ende. Dank Assalés individuellem Können. Und dank Goalie von Ballmoos, der dem Walliser Schlussspurt standhält.

Und so steht Christian Constantin am Ende dieses Nachmittags vor der Kamera des Westschweizer Fernsehens und sagt vieles, was man schon weiss. Dass die Berner stark sind. Dass seine Aktion am Donnerstag nicht gut war. Und dass er keine Angst vor dem hat, was ihn erwartet. Derweil will Trainer Tramezzani erst gar nicht mit den Medien sprechen. Er schwänzt die Pressekonferenz. Manchmal sagen keine Worte mehr als tausende.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2017, 23:28 Uhr

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