«Granit scheut sich nicht, einen Konflikt offen auszutragen»

Nationalmannschafts-Experte Benjamin Huggel über die schwierige Situation seines ­ehemaligen Teamkollegen Granit Xhaka.

Am vergangenen Wochenende wurde Granit Xhaka mit einem Buhruf-Konzert der eigenen Fans vom Platz verabschiedet. Video: Twitter

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Was war Ihre Reaktion, als Sie gesehen haben, wie Granit Xhaka von den eigenen Fans ausgepfiffen wird und danach sein Trikot auszieht?
Ich habe es in der Zusammenfassung auf BBC gesehen. Dort war ein grosses Thema, dass er Captain ist. Da habe ich mich schon gefragt, ob seine Reaktion weniger schlimm wäre, wenn er nicht Captain wäre. Ich glaube eher, dass viele der ehemaligen Arsenal-Spieler es nicht so gerne sehen, dass Granit Captain ist. Und dass dies das tieferliegende Problem ist.

Dabei wurde er ja vom Team gewählt.
Er war schon immer ein natürlicher Leader, schon als ganz junger Spieler.

Er wollte also schon immer Captain sein?
Nein, er will nicht Captain sein – er ist es. Er will Erfolg haben mit der Mannschaft. Darum übernimmt er die Führung, darum integriert er Spieler, darum redet er mit allen. Er hat keine Berührungsängste, geht auf alle offen zu, ist geradeaus. Das hat er schon als Junger gemacht. Klar war er zurückhaltend, als er in die erste Mannschaft des FC Basel gekommen ist. Aber wir Älteren haben schnell gemerkt, dass er auf und neben dem Platz selbstbewusst ist.

Woran sieht man das?
Er verlangt in vielen Situationen den Ball, in denen er potenziell schlecht aussehen könnte. Auch dann, wenn es der Mannschaft nicht läuft. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Mittelfeldspielern, die sich dann eher hinter dem Gegner verstecken.

Xhaka wird praktisch seit seinem ersten Tag bei Arsenal von Journalisten und Experten kritisiert. Wie fühlt es sich an, wenn man als Spieler merkt:Ich habe keine Lobby, die öffentliche Meinung wird negativ beeinflusst?
Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung …

… Sie wurden einmal in Ihrer Zeit bei Frankfurt von einer Zeitung als «Traber des Jahres» bezeichnet. Und das war nicht als Kompliment gemeint.
Dass Sie das noch wissen (lacht). Schwierig ist es, wenn die interne und die externe Beurteilung so extrem unterschiedlich sind. Das war bei mir in Frankfurt so, wo ich im Team ein hohes Standing hatte, in der Öffentlichkeit aber nicht. Bei Granit stelle ich jetzt dasselbe fest. Er wurde zum Captain gewählt, der Trainer setzt zu Recht auf ihn – Medien und Fans sehen ihn aber sehr kritisch. Beides auf die Reihe zu bekommen, ist nicht einfach. Und vielleicht ziehst du dich dann halt in die eigene Filterblase zurück.

Wie beurteilen Sie seine Reaktion auf die Pfiffe, seine Gesten, das ausgezogene Leibchen?
Es ist gut, hat er inzwischen für seine provokante Reaktion um Entschuldigung gebeten. Er darf enttäuscht reagieren, wenn er ausgepfiffen wird. Mit Kopfschütteln, vielleicht sogar mit Weinen. Das wäre sogar gut. Aber in die Offensive zu gehen …

Ist das typisch für ihn?
So ist er als Typ. So ist sein Bruder Taulant übrigens auch. Beide scheuen sich nicht, einen Konflikt offen auszutragen. Das ist auch eine Stärke. Aber in jenem ­Moment war es keine gute Reaktion, das Publikum mit Gesten noch herauszufordern. Und das Leibchen ausziehen … Da bot er halt ganz viele Interpretationsmöglichkeiten.

«Er darf enttäuscht reagieren. Mit Kopfschütteln, mit Weinen. Das wäre sogar gut. Aber in die Offensive zu gehen ...»

Vier Tage vergingen bis zu seiner Entschuldigung.
Wissen Sie, als Spieler hätte ich mich auch gefragt: «Wofür, bitte, soll ich mich entschuldigen?» Es ist ja nicht so, dass er sich nicht für ­Arsenal einsetzen würde. Er pflegt seinen Körper, er spielt fast jeden dritten Tag. Und natürlich ist das sein Job, und er verdient viel Geld. Aber deinem Körper ist es egal, wie hoch der Kontostand ist. Und wenn du weisst, dass du alles gibst, und trotzdem vom eigenen Publikum ausgepfiffen wirst, dann ist das hart zu akzeptieren. Dann stirbt etwas in dir.

Kann er in dieser Situation eigentlich noch bei Arsenal bleiben?
Ich würde das Gespräch mit den Verantwortlichen suchen. Er hat ja bislang nur zögerlich Rückendeckung erhalten. Aber wenn der Verein mit ihm weitermachen will, dann sehe ich nicht, warum es nicht möglich sein sollte. Er hat ja noch einen Vertrag bis 2023.

Seit nun fast zwei Jahren verfolgt der ehemalige FCB-Spieler Benjamin Huggel die Schweizer Nationalmannschaft als SRF-Experte. (Foto: SRF)

Aber wenn er weiter ausgepfiffen wird, kann er den kaum erfüllen?
Natürlich wäre es hart für ihn, wenn er im nächsten Heimspiel wieder ausgepfiffen würde. Aber auch daran gewöhnst du dich.

Auch daran, von 60 000 ausgebuht zu werden?
Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen. Und vielleicht pfeifen sie auch irgendwann nicht mehr, weil seine Leistungen top sind.

«Natürlich wäre es hart für ihn, wenn er im nächsten Heimspiel wieder ausgepfiffen würde. Aber auch daran gewöhnst du dich.»

Könnte es auch an seiner Position im defensiven Mittelfeld liegen, dass Xhaka so stark kritisiert wird?
Alles, was du im zentralen Mittelfeld gut machst, gilt als selbstverständlich. Was habe ich früher mit Journalisten darüber gestritten! Wenn Granit einen scheinbar einfachen Seitenwechsel spielt, wird das nicht wahrgenommen. Auch wenn es vielleicht nur einfach aussieht, weil er so gut ist. Verliert er aber den Ball, wird es wegen seiner Position auf dem Feld meist sofort gefährlich – und es fällt allen auf. Kommt dazu: Du triffst im defensiven Mittelfeld meist auf extrem gute Gegenspieler. Kreative Zehner, schnell, technisch gut. Du musst auch verteidigen können.

Gerade da steht Xhaka stark in der Kritik. Ist er vielleicht schlicht kein Sechser?
Natürlich ist er das. Er ging in seiner ersten Saison in England im Zweikampf etwas schnell auf den Boden. Das hat er inzwischen abgestellt. Trotzdem geht er vielleicht manchmal zu sehr auf alles oder nichts. Er verteidigt risikofreudig. Aber sein Niveau ist einfach so hoch, dass uns gar nicht mehr auffällt, welche Qualität er in seinen Pässen hat. Weil es so einfach aussieht. Es ist doch kein Zufall, dass er in jedem Team die klare Nummer 1 unter den zentralen Mittelfeldspielern ist!

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Ab und zu. Ich habe ihm geschrieben, dass ich verstehe, dass er in einer schwierigen Situation ist. Und ich habe ihm Mut zugesprochen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 03.11.2019, 12:32 Uhr

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