Gritty ist jetzt «Stoff für Albträume» von Donald Trump

Das Maskottchen der Philadelphia Flyers entwickelte sich in Rekordzeit von Amerikas grösster Lachnummer zum politischen Symbol.

Gritty wie er leibt und lebt, auch mal mit einem skurrilen Tänzchen. Video: Twitter/NHLFlyers

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Und dann rutscht es tatsächlich aus. Zum allerersten Mal läuft das neue Maskottchen der Philadelphia Flyers aufs Eis – und fällt hin. Rumms. Voll auf den Hintern. Zuerst lachen die Leute in der Halle und am Fernseher. Dann lachen die Leute vor ihren Mobiltelefonen und Computern, während sich das Video rasant und in Endlosschlaufe verbreitet. Rumms. Immer wieder.

Die Geschichte dieser orangen Kreatur hätte da zu Ende sein können. Doch dieser ungeschickte Einstand war der Anfang der Geschichte, wie das Maskottchen einer Sportmannschaft innert weniger Monate zur kultigen Ikone wurde, deren Wirkung weit über den Sport hinaus reicht.

«It me. #Gritty»

Angefangen hat alles mit dem Tod. Im April 2016 starb Ed Snider, der Besitzer der Philadelphia Flyers. Snider war ein Mann alter Schule und mit ein Grund, warum die Flyers eines der wenigen NHL-Teams waren, die kein Maskottchen hatten. Als in Philadelphia ein neues Zeitalter anbrach, legte das Marketingteam den neuen Besitzern ans Herz, sich doch die Sache mit dem Maskottchen nochmals zu überlegen. Die flauschigen Jubelmonster sind aus Marketingsicht oft Goldgruben.

Am 24. September erblickte die Welt Gritty zum ersten Mal. Das Bild war im Stil einer alten Eishockey-Sammelkarte gestaltet. «It’s me. #Gritty» stand im ersten Tweet. Und oh, wie das Internet antwortete. «Fürchterlicher Stoff für deine Albträume.» «Entsetzlich.» «Verstörend.» Am Tag seiner Vorstellung war «Gritty» das meistgegoogelte Wort in ganz Nordamerika. Und es ­wirkte, als ob ganz Nordamerika lachte.

«Unser Marketingberater sagte uns, es werde wohl gemischte Reaktionen geben. Wir hatten auch einen Plan vorbereitet, um damit umzugehen», sagt Sarah Schwab, Marketingleiterin der Flyers. Den Plan brauchten sie nicht. Die Pittsburg Penguins machten den Job.

«lol, ok», schrieben diese zu Grittys Bild auf Twitter. Übersetzt etwa: «Ist das euer Ernst?» Gritty schrieb zurück: «Schlaf heute mit einem offenen Auge, Vogel.» Und so einfach hatte er gewonnen. Wie wenn der kleine Bruder auf dem Pausenplatz angerempelt wird, standen die Flyers-Fans auf – und hinter Gritty. Sie merkten, dass sie hier etwas hatten, das alle anderen nicht mochten. Und begannen es zu lieben.

In einer Stadt, deren Identität sich zusammensetzt aus einer Mischung von Arbeiterstolz, einer langen Geschichte sportlicher Niederlagen und einer Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Mentalität, wurde Gritty der beste Schutzheilige. Ende Oktober erliess die Stadtverwaltung einen Beschluss, um Gritty offiziell willkommen zu heissen: «Gritty mag ein hässliches Monster sein», steht da drin, «aber er ist unser hässliches Monster.»

Und Gritty? Der machte einfach weiter. Mit jeder nächsten Aktion wurde er noch mehr zur Ikone. Er wurde in Popkultur-Anspielungen inszeniert, kam wie Miley Cyrus auf einer Abrissbirne in die Halle geflogen oder veröffentlichte ein Foto im Stile von Kim Kardashians berühmtem Po-Bild. Und er war auch nicht immer so nett, wie man es sonst von Maskottchen kennt. Kürzlich lieferte er sich in einer Drittelspause eine Schlacht mit drei Weihnachtsmännern.

Doch dadurch identifizierten sich nur noch mehr Leute mit ihm. Schon am dritten Tag seines Daseins twitterte das sozialistische US-Magazin «Jacobin»: «Gritty ist ein Arbeiter.» Am neunten Tag der neuen Zeitrechnung ging der Twitter-Account «Fellow Worker Gritty» online, der tagein, tagaus Bilder veröffentlicht, die Gritty als sozialistische Antifa-Ikone darstellen.

Als Anfang Oktober Donald Trump nach Philadelphia kam, gingen Menschen mit selbst gebastelten Plakaten auf die Strasse. «Gritty hasst Trump», stand da drauf. Und: «Gritty sagt: Verpiss dich aus unserer Stadt.»

Dass Gritty als Plüsch gewordener Inbegriff einer Marketingstrategie zum Sozialisten-Symbol wurde, ist eine weitere skurrile Facette seiner Geschichte. Für die Flyers ist er ein Vollerfolg. Über 200’000 Leute folgen ihm auf Twitter. Renommierte amerikanische Publikationen widmeten ihm lange Artikel. Joe Heller, der Co-Leiter des Marketings, sagt: «Es war der perfekte Sturm.»

Gritty hat kein Geschlecht, keine sexuelle Orientierung, gehört keiner Ethnie an. Eigentlich kann sich keiner so richtig mit ihm identifizieren, aber alle irgendwie ein bisschen. Gritty ist ein wenig Sesamstrasse und ein wenig Horrorfilm und dadurch irgendwie das beste Wesen für die Welt, in der wir leben, die manchmal überrascht, aber oft auch einfach nur Angst macht.

Weil er selbst so seltsam ist, bietet er keine Angriffsfläche. Auch darum funktioniert er so gut im Internet.

Als Reaktion auf sein Premieren-Malheur twitterte er: «Warum hat mir keiner gesagt, dass das Eis rutschig ist?»

Erstellt: 04.01.2019, 11:41 Uhr

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