Roger Federer im TV nur noch mit Abo?

Was die No-Billag-Initiative für das Schweizer Sportfernsehen bedeutet.

Nicht nur Fussball: Roger Federer und SRF-Tennisexperte Heinz Günthardt beim Swiss Indoors in der St. Jakobshalle in Basel. (27. Oktober 2017)

Nicht nur Fussball: Roger Federer und SRF-Tennisexperte Heinz Günthardt beim Swiss Indoors in der St. Jakobshalle in Basel. (27. Oktober 2017) Bild: Kurt Schorrer/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schweizer sind begeisterte Sofasportler. Zumindest wenn hiesige Athleten wie Beat Feuz, Roger Federer oder Xherdan Shaqiri zu erleben sind: Nie sind die Zahlen im Schweizer Fernsehen besser als bei Liveübertragungen im Sport. Zwei Beispiele: Die zehn meistgeschauten Sendungen seit dem neuen Erhebungsverfahren von 2013 sind Sportübertragungen. Die Nummer 1 nach neuer Messmethode ist das EM-Spiel der Fussballer 2016 gegen Frankreich. 1,567 Millionen sahen im Schnitt zu. Von den Top 100 der Quoten bei SRF stammt fast jede zweite aus dem Sport.

Dass das Schweizer Fernsehen den Sport da als Quotentreiber einsetzt, ist wenig überraschend. In den letzten Jahren nahm seine Präsenz primär auf SRF 2 massiv zu. Nur: Stimmt das Schweizer Volk im kommenden Frühling der No-Billag-Initiative zu, werden die Alpinen, die Fussballer oder Roger Federer bei den Öffentlich-Recht­lichen kaum mehr in dieser Breite zu sehen sein.

Schliesslich verlangt die Initiative, dass der SRG kein einziger Gebührenfranken mehr zugutekommt. Bei einem Budget von 1,6 Milliarden Franken würden ab 2019 1,2 Milliarden wegfallen. Einzig Sponsoring- und Werbegelder blieben. Faktisch würde die SRG in ihrer jetzigen Form nicht mehr existieren. Darum die Frage: Was passiert, wenn «No Billag» durchkommt – schaut der Schweizer Sportkonsument dann in die Röhre?

Video: Welche SRF-Sendung würden Sie vermissen?

Die Umfrage zu den möglichen Folgen von «No Billag» am TV.

Gemäss der SRG ist klar: Das Schweizer Fernsehen bietet ein Sportprogramm für die ganze Schweiz. Darum rechnet Roland Mägerle, ihr Sportchef, vor: «Pro Jahr übertragen wir 20 bis 25 Sportarten regelmässig live. In Grossanlass-Jahren sind es über 30. Insgesamt berichteten wir in den letzten Jahren von ca. 100 Sportarten – einmalig bis wiederholt. Diese Vielfalt ist nur dank der Gebühren möglich.»

Natürlich ist Mägerle Partei und seine Aussage damit mit Drall versehen. Er kann allerdings auf eine Zahl verweisen, die selbst Kritiker der SRG schlecht wegreden können: 13,1 Prozent. Im Schnitt decken kommerzielle Einnahmen 13,1 Prozent der Vollkosten für Rechte, ­Produktion und Umsetzung des Sports in seinem Haus ab. Liveübertragungen im Sport rechnen sich nur in wenigen ­Fällen. Wenn ein Anbieter etwa in einem relativ grossen Markt die wichtigsten Sportarten präsentieren kann – und seine Zuschauer dafür bezahlen lässt.

Was daraus für die Konsumenten entstehen kann, zeigt sich in Deutschland. Wer ab nächstem Sommer sowohl die Fussballspiele der Bundesliga, der Champions League und der Europa League sehen will, muss dafür drei Abos lösen. Kosten: bis zu 500 Euro.

Umfrage

Gehören Sportübertragungen ins SRF-Programm?





Natürlich ist die Schweiz nicht Deutschland und ein Vergleich darum mit viel Unschärfe behaftet. Die Tendenz bei einer Annahme der Initiative aber wäre offensichtlich, wie ­Manuel Puppis sagt, Professor für Mediensysteme und -strukturen an der Uni Freiburg: Bloss wenig grosse Sportarten wie Fussball oder Eishockey könnten sich breit an den Bildschirmen behaupten – bei relativ ­hohen Ausgaben für die Interessierten.

Denn Rechte an grossen Ligen oder Anlässen sind teuer. Die SRG gibt für Sportrechte 51,2 Millionen Franken pro Jahr aus (Mittelwert über vier Jahre). Zwar sind darin über 200 Verträge enthalten. Den Hauptblock aber bilden ­Ausgaben für Grossanlässe und die Sportarten Fussball, Eishockey und Ski. Darum ist im Sport die Schlüsselfrage bezüglich Gesamt-SRG wenig hilfreich. Sie lautet: Was darf bzw. soll eine öffentliche Institution alles ausstrahlen? Wenig dienlich ist die Frage, weil ein Sender die hohen Kosten für Rechte und Produktion, die primär der ­Livesport verursacht, erst einmal muss bezahlen können.

Zudem mag die ­Kompetenz für die Produktion einer Meisterschaft reichen. Grossanlässe aber erfordern andere Dimensionen. Bei den Winterspielen 2018 werden bei der SRG beispielsweise rund 160 Personen involviert sein. 125 kommen hinzu, um das Weltsignal der Ski-alpin- Übertragungen zu liefern. Man muss kein Prophet sein, um ­sagen zu können: Kein kommerzieller Anbieter würde für die Schweiz so breit über Olympia berichten.

Video: Kontroverse Debatte zu No-Billag

Wie sich Politiker in der Frage zu den TV-Gebühren positionieren.

Hinzu kommt: Das Ende der heutigen SRG brächte manchen Schweizer Sportanlass in Schwierigkeiten. Denn die SRG arbeitet mit vielen Top-Events zusammen, produziert in der Schweiz durchschnittlich zwei Wettkämpfe pro Tag. Mit dem Basler Tennisturnier, dem grössten Mehrtages-Sport-Event der Schweiz, kooperiert sie seit 1974. Jüngst verlängerte man den Vertrag bis 2022. Turnierdirektor Roger Brennwald sagt darum salopp: «Malen wir den Teufel nicht an die Wand.»

Was passiert mit den Verträgen?

Brennwald bezieht sich dabei auf eine Annahme der No-Billag-Initiative. Wie Basel müssten sich viele Schweizer Sport-Events neu ausrichten. Dazu gehört die Frage, was mit den bestehenden und gültigen Verträgen mit der SRG passieren würde. Brennwald mag sich damit noch nicht beschäftigen.

Swiss Olympic, der Dachsportverband, lehnt die Initiative noch aus anderen Gründen ab. Es hält die SRG für einen «der wichtigsten Sportförderer der Schweiz». Schliesslich profitierten der hiesige Elite- und Breitensport ­sowohl von Publizität als auch ­SRG-Geldern. Ein Ja wäre gemäss Swiss Olympic viel mehr als das Ende der jetzigen SRG.

Erstellt: 06.11.2017, 22:58 Uhr

Artikel zum Thema

So stehen unsere Leser zur No-Billag-Initiative

Wollen Sie eine Schweiz ohne gebührenfinanziertes Radio und Fernsehen? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat rund 4000 Personen befragt. Mehr...

Blocher greift nach Graubünden

Christoph Blochers «Basler Zeitung» und die «Südostschweiz» verhandeln über einen Austausch von Inhalten. Das ist brisant – auch wegen der No-Billag-Initiative. Mehr...

No Billag «staatspolitisch zu gefährlich»

Die Plattform Wemakeit hat das Crowdfunding für die No-Billag-Initiative gestoppt. Die Betreiber argumentieren mit der Gefährlichkeit der «extremen Stossrichtung». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...