«Herr Kuhn zeigte uns, dass es auch unkompliziert geht»

Der ehemalige Nationaltrainer, der am Dienstag im Alter von 76 Jahren starb, war ein Idol und eine Respektsperson.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als ich am Dienstag die Nachricht erhielt, dass Köbi Kuhn gestorben ist, lief es mir kalt den Rücken her­unter. Für mich war er nicht einfach einer von vielen Trainern, denen ich in meiner Karriere begegnete, sondern jemand, von dem ich fürs Leben lernte. Weil er ein feiner Mensch war. Und weil er uns in der Nationalmannschaft in unzähligen Situationen zeigte: Es geht auch unkompliziert. Mit einfachen Worten. Mit einer Geste. Oder nur mit Augenkontakt.

Für mich war er nie «de Köbi», sondern immer der Herr Kuhn. Im Mai, bei der Vernissage seiner Autobiografie, begrüsste ich ihn so. Er lächelte und sagte: «Ich bi de Köbi.» Aber ich habe mich nie getraut, ihn so anzureden. Weil er für mich eine grosse Respektsperson war, ein Idol.

Der Name war mir früh schon ein Begriff – und das, obwohl ich Aargauer bin. Meine Tante war Speakerin im Esp, dem Stadion des FC Baden, und als Primarschüler durfte ich den Totomaten bedienen. Meine Gotte funkte mir die aktuellen Spielstände auf anderen Plätzen: «Spiel 4 – 1:0» – ich wechselte jeweils die Zahl an der Tafel. Eines Tages kam der FC Zürich zu uns, und ich war fasziniert. Von der Mannschaft in hellblauen Trikots, von den vielen Fans, die gleich unterhalb des Totomaten standen. Ich fing an, mich für den FCZ zu interessieren, saugte alles auf über den Club, ging in die ­Bibliothek, um Neues zu erfahren, weil es das Internet damals nicht gab. Und mein Grossvater erzählte mir von einem Spieler, der früher alle überragt hatte und so gut war wie keiner sonst in der Schweiz: Köbi Kuhn.

Nach einem Spiel setzte er sich oft zu uns, und einen Satz sagte er mehr als einmal: «Mached kä Seich»

Als ich von Baden in den Nachwuchs des FCZ wechselte, sah ich ihn oft im Letzigrund bei Heimspielen der ersten Mannschaft. Ich wusste sehr viel über ihn, was er mit Zürich gewonnen hatte, wie dominant er auf dem Rasen gewesen war – im Kopf hatte ich das Bild eines Spielers, der die Fähigkeit hatte, den Ball in der eigenen Platzhälfte zu übernehmen, und alle Gegner stehen lassen konnte, bevor er auch dem Goalie keine Chance liess. Ja, Köbi Kuhn war eine richtig grosse Nummer.

Und auf einmal war dieser Köbi Kuhn mein Trainer in der U-21-Nationalmannschaft. 2001 bot er mich erstmals auf; für mich war ein Trainer damals eine autoritäre ­Figur, jemand von einer anderen Ebene. Als wir uns das erste Mal sahen, kam er auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: «Hoi Dani.» Das gab mir sofort ein ­Gefühl von Vertrautheit, das war sehr angenehm. So holte er jeden ab: herzlich, freundlich, normal. Ich fühlte mich nicht unter Druck, sondern hatte einfach nur Freude.

Ich erinnere mich an ein Spiel mit der U-21 gegen Slowenien in Solothurn. Wir gewannen 2:1, ich erzielte beide Tore, danach setzten wir Spieler uns in einen Whirlpool und gönnten uns ein Bier. Köbi Kuhn betrat den Raum, sah uns und sagte strahlend: «Ihr verruckte Cheibe.» Es war sein letzter Match mit der U-21, weil er die A-Nationalmannschaft übernahm.

Köbi Kuhn gehörte nicht nur als Spieler, sondern später auch als Trainer zu den beliebtesten seiner Zeit. (Video: Keystone-SDA)

Im März 2004 war es dann, als ich mit Kollegen an einem Abend in Schlieren Bowling spielte und mein Handy klingelte. Köbi Kuhn meldete sich, nicht ein Sekretär oder ein Assistenztrainer, nein, er, der Nationaltrainer. Er sagte: «Dani, ich würde dich gerne für die A-Nati aufbieten.» Auf dieser Stufe erlebte ich ihn gleich wie vorher: total authentisch. Er war keiner, der zig Regeln aufstellte, es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, uns zu kontrollieren.

Nach einem Spiel setzte er sich manchmal im Hotel zu uns an den Tisch, und einen Satz sagte er mehr als einmal: «Mached kä Seich.» Er nahm an, dass für uns nicht bald Feierabend sein würde … Wir wussten alle, dass Köbi Kuhn als Spieler nicht der Heiligste war – er hätte super in unsere Gruppe gepasst.

Als Trainer verzichtete er vor einem Spiel in der Kabine auf lange Ansprachen. Die Sitzung hielt er im Hotel ab. Oft klopfte er mit der flachen Hand auf den Flipchart, auf den er die Aufstellung geschrieben hatte, und appellierte an die Ehre: «Wir spielen für unser Land. Denkt an die Tausenden, die im Stadion sind oder vor dem Fernseher. Macht diese Leute stolz.»

Beliebt bei Alt und Jung: Köbi Kuhn als Nationaltrainer während eines öffentlichen Trainings. Bild: Keystone

Unmittelbar vor dem Match war er eher in der Rolle des Beobachters, gelegentlich gab er individuelle Tipps. Oder er packte einen Spieler an der Schulter, schaute ihm tief in die Augen und kommunizierte nonverbal. Die Botschaft kam an. Jeder wusste: Jetzt musst du liefern. Das konnte sehr emotional sein, ich hatte mehr als einmal Gänsehaut. Köbi Kuhn war der Mann fürs Herz, er motivierte auf diese Weise extrem.

Ich bin schon gefragt worden, ob ein Trainer auf diese Weise heute noch funktionieren könnte. Meine Antwort: selbstverständlich! Demut, Anstand, Toleranz, Bescheidenheit, Normalität – das muss Platz haben in einer Zeit, in der alles durchgestylt und reglementiert ist. Ich bin nicht Professor, aber für mich ist klar: Wenn man mit einer so offenen, direkten, korrekten Art die Spieler nicht mehr erreicht, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Köbi Kuhn hat sich mit allen abgegeben. Und wenn ich nun lese und höre, wie sehr bei ihm das Menschliche hervorgehoben wird, denke ich: Er hat etwas erreicht, das einen viel grösseren Wert hat als jeder Pokal. Es gab Zeiten, in denen er kritisiert wurde und ihm das zu schaffen machte. Er litt aber vor ­allem, als es seiner Frau Alice nicht mehr gut ging. Das ging mir nahe, weil ich Herrn Kuhn so viel zu verdanken habe.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Hier finden Sie alle Folgen an einem Ort.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 01.12.2019, 07:34 Uhr

Daniel Gygax

Der 38-Jährige absolvierte unter Köbi Kuhn 36 Länderspiele zwischen 2004 und 2008. Der ehemalige Stürmer (u.a. FCZ, Lille, Nürnberg, Luzern, Aarau) ist U-16-Trainer beim FC Zürich.

Artikel zum Thema

Gedenkfeier für Köbi Kuhn am 13. Dezember

Die Öffentlichkeit wird sich angemessen vom ehemaligen Nationaltrainer verabschieden können. Mehr...

«Nun hat der Himmel einen Engel zurückerhalten»

Ehemalige Schweizer Nationalspieler und Weggefährten erinnern sich an Köbi Kuhn. Mehr...

Köbi Kuhn, einer für alle

Er hatte als Spieler «Honig an den Füssen» und blieb als Nationaltrainer einer fürs Volk. Seine Siege und Schicksalsschläge bewegten das Land. Ein Nachruf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...