Hoeness und Emil

Es ist doch klar, sagt Luca, bei Hoeness werde bald alles wieder wie früher sein.

Ex-FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness. Foto: AFP

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Bruno erzählt im Bistro vom neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm, den er zu lesen begonnen habe. «Weit über das Land» ist der Titel, und er handelt von einem Mann, der eines Tages einfach wegläuft, seine Vergangenheit hinter sich lassen will. Es war der erste Abend zu Hause nach seinen Familienferien am Meer, er sass alleine an einem Holztisch vor seinem Haus, vor sich ein Glas Wein, die Kinder waren im Bett, seine Frau packte oben in einem Zimmer die Koffer aus, und dann stand er in der dunklen Nacht plötzlich auf, unbemerkt, lief los, öffnete das Gartentor, er wusste nicht, wohin – einfach weg, weg.

Luca hört zu, er fragt, ob der Mann schon lange in seinem Kopf hatte, dass er weglaufen wollte von allem, ob er vielleicht Striche gemacht habe in den Ferien, heimlich auf einen Zettel, zwei, drei, vier? Bei vierzehn hätte er gewusst, das würde der erste Tag zu Hause sein. Und Luca erinnert sich an seine ersten Ferien als kleines Kind, erstmals weg von den Eltern, in einer Ferienkolonie am Heinzenberg in der Nähe von Thusis, und er hatte so Heimweh, dass er die Tage zählte, bis er wieder nach Hause durfte, sieben, acht, neun, er habe fürchterlich gelitten.

Während Luca redet, kommt Bruno in den Sinn, was ihm ein Kollege erzählt hat, der kürzlich Uli Hoeness in München besuchte, an einem seiner letzten Tage in Halbgefangenschaft.

Im Büro von Hoeness an der SäbenerStrasse hänge eine Art Tafel, zusammengesetzt aus 100 Teilen, es sei ein ­Geschenk eines Freundes, und seit Hoeness wusste, dass er in Freiheit komme, habe er jeden Tag ein Blatt abgerissen, eine grüne Fläche sei so erschienen – grün wie der Rasen, und grün ist auch ein Symbol für das Leben. Noch 100 Tage, zuletzt noch sechs, fünf, vier ... Seit gestern Montag ist Hoeness wieder in Freiheit.

Es ist doch klar, sagt Luca, bei Hoeness werde bald alles wieder wie früher sein, er werde wieder Präsident und das Gesicht des FC Bayern, so würden es doch viele schreiben und wissen wollen.

Sein Kollege, sagt Bruno, habe ihm erzählt, dass Hoeness über alle diese Spekulationen nur schmunzle. Er, der bisher in seinem Leben immer alles genau geplant und gemeint habe, er habe alles im Griff, sage inzwischen fast schon fatalistisch, es komme so, wie es kommen müsse.

Aber wie es war, das Leben im Gefängnis, werden wir sicher bald von Hoeness öffentlich erfahren, sagt Luca.

Auf dem Schreibtisch von Hoeness stapelten sich Dutzende Anfragen, sagt Bruno, Mails von Chefredaktoren von Magazinen und Zeitungen, die ihn seinerzeit als abgestürzten Grosskotz und Steuerverbrecher angeprangert haben und jetzt in salbungsvollen Worten um ein Interview bitten und ihm anbieten, er könne exklusiv ­erklären, wie es wirklich war, die ganze Wahrheit, und wie er gelitten habe in diesen Monaten hinter Gittern. Und für ein Enthüllungsbuch würden Honorare in siebenstelliger Höhe geboten.

Kannst du dir vorstellen, dass Hoeness alles hinter sich lässt, einfach irgendwohin läuft, weg von der ­Vergangenheit, wie der Mann im Buch von Stamm, von dem du mir vorhin erzählt hast?, fragt Luca.

Hoeness hat kürzlich, als er im Auto sass und zurückfuhr ins Gefängnis, im Radio gehört, dass Emil im Herbst im Prinzregententheater in München auftreten wird. Sie spielten auf dem Sender ein Stück von Emil, Hoeness kannte es, und er habe später seinem Kollegen lachend einige Sätze nach­erzählen können, sagt Bruno. Hoeness habe für Emils Gastspiel gleich Karten bestellt. Um solche Dinge kümmert er sich offenbar momentan.

fredy.wettstein@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 29.02.2016, 21:22 Uhr

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