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«Hören wir endlich mit Vogel auf!»

GC-Präsident Stephan Anliker erklärt, wieso Erich Vogel wieder als Ratgeber akzeptiert ist. Und er hofft auf jährlich zusätzliche 5 Millionen Franken.

Mit Stephan Anliker sprachen Ueli Kägi und Thomas Schifferle
Seit dreieinhalb Jahren führt Stephan Anliker (60) die Grasshoppers: «Ich habe dazugelernt, das musste ich auch.» Foto: Reto Oeschger
Seit dreieinhalb Jahren führt Stephan Anliker (60) die Grasshoppers: «Ich habe dazugelernt, das musste ich auch.» Foto: Reto Oeschger

Sie müssen uns helfen, weil wir es auch nach zwei Wochen noch nicht begriffen haben: Wieso haben Sie Trainer Carlos Bernegger entlassen?

Weil der Zeitpunkt der richtige war. Einerseits aufgrund der Entwicklung der Mannschaft unter ihm. Andererseits aufgrund unserer langfristigen Pläne. Murat Yakin ist der Trainer, mit dem GC die besten Entwicklungsmöglichkeiten hat. Was er auch noch mitbringt: Ruhe, Ausstrahlung und Souveränität.

Wieso soll die Entwicklung unter Bernegger nicht gestimmt haben?

Es ist ein Unterschied, ob ein Trainer die Mannschaft im März interimistisch übernimmt, um den Abstieg zu verhindern, oder ob es um einen Neuaufbau geht. Bei Bernegger hat mich die Arbeit auf dem Trainingsplatz über den Sommer und in den letzten Wochen nicht überzeugt. Hinzu kam, dass Murat Yakin als Trainer verfügbar wurde.

Während des vierten Spiels in Basel entschieden Sie auf der Tribüne, dass es mit ihm nicht weitergehen kann. Ist das fair?

Ich versuchte es zu erklären: Meine ­Beurteilung hat bereits im April begonnen, es geht also nicht um eine Analyse der ersten vier Spieltage. Ich habe auch aufgrund meiner Erfahrungen gehandelt. Oft habe ich in der Vergangenheit noch gehofft, dass die Wende gelingt. Nach dem Prinzip Hoffnung geht es aber langfristig nicht.

Haben Sie so viele Trainings ­gesehen, dass Sie die Situation ­beurteilen können? Oder hat Ihnen jemand Bericht erstattet?

Dazu muss ich nicht jedes Training sehen. Ich habe es Kraft meiner Erfahrung gespürt und entsprechend gehandelt.

Können wir es so festhalten: Dass sich GC im Frühsommer für die Verlängerung mit Bernegger ­entschied, war ein Fehler. Yakin wäre ja damals bereits verfügbar gewesen.

Nein, Yakin hatte damals gerade bei Schaffhausen verlängert.

Seine Vertragsverlängerung liegt auch jetzt noch nicht weit zurück, dennoch kam er gerne zu GC.

Nehmen Sie es doch einfach zur Kenntnis: Die Situation war zum Saisonende aus verschiedenen Gründen anders.

Zwischen dem Match in Basel und der Entlassung lagen 13 Tage. ­Mussten Sie zuerst den früheren ­Sportchef und heutigen Einflüsterer Erich Vogel fragen, bis Sie den Trainer wechseln durften?

Ich war selbst überzeugt und brauche niemanden zu fragen. Ich leitete einfach die nötigen Massnahmen ein.

Als die Entlassung feststand, aber noch nicht ausgesprochen war, besiegte GC St. Gallen 2:0. Es war das bisher beste Saisonspiel. Was haben Sie danach gedacht?

Dass die Kommunikation viel schwieriger wird. (schmunzelt)

Sie wurden für den Entscheid ­medial auch heftig kritisiert.

Das sehe ich etwas anders, aber auch solche Situationen bin ich ­mir gewohnt.

Es liesse sich aufgrund dieses 2:0 behaupten, dass sehr wohl eine positive Entwicklung eingesetzt hat unter Bernegger.

Ich lasse mich nicht aufgrund eines Resultats umstimmen. Meine Überlegungen sind über die Zeit hinweg gereift.

Sie sagen: Ich war überzeugt, ich habe bestimmt. . . War der Trainerwechsel Ihr einsamer Entscheid?

Ja, das beschloss ich als Präsident. Darauf informierte ich den Gesamt-VR und die operative Führung. Alle zogen sofort mit.

«Was Yakin ­mitbringt: Ruhe, Ausstrahlung und Souveränität.»

Ist Yakin der Heilsbringer?

Er ist der Mann, der uns die besten sportlichen Perspektiven ermöglichen kann. Die nächsten drei Jahre sind wegen der bevor­stehenden Stadionabstimmung (voraussichtlich im Herbst 2018) extrem wichtig. Yakin ist ein GC-Mann. Sein Auftritt war bisher souverän. Und weil er selbst Profi war, hat er bei den Spielern eine Akzeptanz wie nicht viele andere Trainer in der Schweiz.

Erich Vogel war mit Sportchef ­Mathias Walther ab und an bei den Trainings. Vogel hält viel von Yakin. Wie stark hat er Sie bei der ­Meinungsbildung beeinflusst?

Nicht mehr als jeder andere. Er verfügt über viel Erfahrung mit GC und Know-how im Fussball. Dieses Wissen müssen wir uns auch zunutze machen. Vor drei, vier Jahren war das noch nicht möglich, weil alle untereinander verkracht waren. Nun aber sind Leute, die früher ausgeschlossen waren, wieder integriert.

Vogel erteilten Sie vor zweieinhalb Jahren ein Besuchsverbot für den Campus wegen seiner Machtspiele.

Das war damals auch richtig.

Wieso?

Weil eben viele untereinander Streit ­hatten und es wichtig war, für Ruhe zu sorgen. Auf dieser Ruhe können wir jetzt aufbauen und das Know-how, das in GC steckt, wieder zusammenführen.

Verblüffend ist die Wende bei Vogel. Als wir Sie vor zwei Jahren interviewten, polterten Sie: «Jetzt hören Sie mal mit diesem Vogel auf!»

Es ging mir damals sicher auf den Wecker, dass sich jedes Interview um den angeblichen Einfluss von Vogel drehte.

Jetzt ist Vogel ­Ratgeber von Ihnen, von Walther, von CEO Huber, von Spross und Stüber als wichtigen Geldgebern, und Yakin steht er auch nahe.

Er ist wieder präsenter als auch schon. Ich sehe darin kein Problem, sondern eine Chance. Der Mann lebt für GC! Integrieren ist immer besser als ausgrenzen.

Was gibt Ihnen Vogel?

Hören wir endlich mit Erich Vogel auf!

Sehen Sie: Schon wieder.

Ich höre mir seine Meinung gerne an. Aber klar ist auch: Die Führung des Clubs trifft die Entscheidungen.

«Ich habe auch einen klaren Führungsanspruch.»

Es krachte früher nicht nur im VR. Bei der Entlassung des damaligen Sportchefs Axel Thoma im Frühjahr 2015 redeten Sie ziemlich deutlich.

Da habe ich einfach einmal gesagt, wie es war.

In der Kurzform hiess das: Thoma sei ein ahnungsloser Blender.

Wir kommentierten damals, Sie seien ein Präsident auf der Suche nach Macht und Glaubwürdigkeit. Treten Sie seither bestimmter auf?

Ich bin in die Aufgabe hineingewachsen. Etwas vorher zu diskutieren, ist mir wichtig. Aber ich habe auch einen klaren Führungsanspruch, wenn ich etwas als entscheidend und wichtig erachte. Ich habe dazugelernt, das musste ich auch. GC-Präsident zu sein, ist zwar eine schöne Aufgabe, aber keine einfache.

Weil es so viele Strömungen gibt?

Christian Constantin hat es als Alleinaktionär bei Sion sicher einfacher. Es ist schwierig, alle Meinungen zu spüren und zu vereinigen. Dazu kommt, dass die ­Investoren im Fussball oft emotional ­reagieren und Autoritäten sind. Die ­besondere Schwierigkeit bei GC ist, dass es viele Geldgeber gibt. Gleichzeitig ist das aber auch eine Chance.

Ist es nicht so, dass bei GC die vier grossen Investoren die Clubpolitik bestimmen? Sie, Spross, Stüber sowie ein Mister Unbekannt.

Ich möchte es anders definieren. Diese Personen – und dazu gehören zum Beispiel auch Reinhard Fromm und Michael Schwarz – haben in der Vergangenheit immer wieder das Überleben von GC ­gesichert. Deshalb haben Sie im Club auch Gewicht erhalten.

Sie reden häufig von Nachhaltigkeit und Strategie. Wo ist das zu sehen?

Als ich den Club im Februar 2014 übernahm, war GC zerstritten und stand ­finanziell schlecht da. In den ersten ein, zwei Jahren knallte es wiederholt. In den vergangenen zwei Jahren ist es uns ­gelungen, Ruhe und Sachlichkeit zu schaffen. Das ist die Basis für alles, was kommt.

Greift GC jetzt an?

Setzen wir die Erwartungshaltung nicht zu hoch an! Jetzt wollen wir aus unseren Möglichkeiten das Beste machen. Und das heisst: unser Saisonziel erreichen, wenn möglich europäisch zu spielen.

Kann man. . .

(unterbricht) Aber das ist nur ein Ziel. Die langfristige Finanzierung ist das andere und extrem wichtig. Wir müssen unsere Struktur optimieren. Beide Ziele stehen in einer Abhängigkeit zueinander. Genau so ist es auch beim Stadion: Je mehr Erfolg wir haben, desto besser ist das fürs Stadion. Und je eher das Stadion steht, desto besser ist das für uns, für den Sport und die Finanzierung, für den möglichen Einstieg eines Investors.

Stimmt es, dass sich Spross und Stüber wieder verstärkt engagieren werden? Die zwei wollen ja Roland Klein als ihren Vertreter in den Verwaltungsrat bringen.

Roland Klein kenne ich seit fünf Jahren. Er hat im Fussball stark im Bereich der nachhaltigen Finanzierung gearbeitet. Er ist ein Fachmann und bringt uns viel im Verwaltungsrat. Er soll mein Vizepräsident werden. Wichtig ist auch, dass das Kapital, das Heinz Spross und Peter Stüber GC zur Verfügung stellen, im Verwaltungsrat vertreten wird. Um auf Ihre Frage zurückzukommen. Ja, ich hoffe, dass es sich so weiterentwickelt.

Das heisst?

Dass mehr Kapital zu GC fliesst.

«Je eher das Stadion steht, desto besser ist das für Investoren.»

Auch von Ihnen und vom vierten Geldgeber?

Nicht nur. Ich favorisiere eine Zürcher Lösung mit Geldgebern von hier. Das ist Gegenstand der Generalversammlung von nächster Woche. Aber es kann auch sein, dass es eine Hybrid-Lösung gibt.

Was ist denn das?

Dass wäre eine Zürcher Lösung mit einem starken inländischen oder ausländischen Partner.

Sie müssen die Struktur bereinigen. Das bedingt, dass viele kleine Aktionäre auf ihren Anteil verzichten. . .

Vielleicht auf einen Teil, aber kaum auf alles.

. . . damit die Vierergruppe um Sie und Spross den Grossteil ­übernehmen kann.

Es gibt keine Vierergruppe. Es geht primär um einfachere Strukturen, damit GC wieder besser führbar wird. Vielleicht können Sie sich erinnern: Nach der Zeit von André Dosé mussten wir Geld sammeln, um zu überleben. Danach mussten wir mit Defizitgarantien arbeiten. Künftig wollen wir das Geld zum ­Voraus in den Büchern haben. Das bedingt Vertrauen in uns. In der Folge können wir auch besser planen. Dafür braucht es mehr als drei oder vier Aktionäre. Mehr kann ich Ihnen vor der GV leider noch nicht sagen.

Wieso geben Sie GC eigentlich Geld?Das habe ich mich auch schon gefragt (lacht). Die Miteigentümer der Ducksch-Anliker-Gruppe. . .

. . . haben das auch schon gefragt?

Nicht nur gefragt, nein. Das wird bei uns offen diskutiert. Inzwischen ist bei uns die Überzeugung da, dass es richtig ist, in GC zu investieren.

Läuft die Investition unter Werbung?

Die Leibchenreklame läuft für uns unter Sponsoring und ist die beste Werbung, die man im Verhältnis zu den Kosten in der Schweiz machen kann. Und wenn wir Aktien kaufen, ist es eine Investition in die Zukunft einer Firma.

Also gehören die Aktien Ihrer Firma?

Ja.

Wie viele sind es?

Um die 10 Prozent.

Sie würden das Geld besser privat in GC investieren.

Wieso?

Weil sich gemeinnützige ­Zuwendungen doch steuerlich absetzen lassen.

(lacht) Schön wäre es. Dieses Engagement hat viel mit Idealismus zu tun. Und auch mit der Überzeugung, dass man etwas für die Gesellschaft tun sollte, wenn man kann. Bei GC kann ich das Geld direkt an einem für mich sinnvollen Ort einsetzen. Ich bin überzeugt, dass die Fussballclubs eine wichtige Aufgabe bei der Integration von Menschen in unsere Gesellschaft übernehmen. Fussball im Juniorenbereich ist ein extremer Integrations-Motor. Und ohne Spitzenfussball gäbe es den Juniorenfussball nicht.

Was kostet Sie GC im Jahr?

Der Betrag ist eher sieben- als sechsstellig.

Wenn Sie über das neue ­Finanzierungsmodell nachgedacht haben, können Sie uns sicher auch sagen, was von den künftigen ­Aktionären pro Jahr an Mitteln kommen soll. 10 Millionen?

Nein. Von 2011 bis 2014 hatten wir mit unserem Owners-Modell fix 5 Millionen pro Jahr. So in etwa lässt sich auch unser neues Ziel definieren.

Lässt sich damit an der Spitze ­mithalten?

Es ist nicht so, dass allein die Budgetgrösse über die Möglichkeiten Auskunft gibt. Es geht vor allem um die Planbarkeit. Wenn wir das Geld nicht haben, müssen wir Spieler verkaufen, die wir vielleicht behalten möchten. Diese Saison war das zwar nicht der Fall, da gaben wir genau die beiden Spieler ab, die wir abgeben wollten, Caio und Bamert. Aber das konnten wir nur, weil wir wussten, dass es in ­diesem Herbst eine Veränderung gibt. Sonst hätten wir wohl noch mehr verkaufen müssen.

Stimmt die Planung, wenn GC, Stand jetzt, ein Kader von 26 Spielern hat? So viel braucht es doch niemals.

Wir sind noch immer in der Transferphase. Die Planung sieht nicht vor, dass das Kader am Ende so viele Spieler aufweist. Walther kam spät im Frühling.

Zu spät?

Das ist ein Vorwurf, den Sie uns ­machen können. Walther musste sich zuerst ein Bild verschaffen, und sofort hiess es: Wir müssen Spieler verkaufen, um die Defizitgarantie nicht zu beanspruchen. Bald stellten wir fest, dass wir gar nicht so viele Spieler zu verkaufen brauchen. Walther aber hatte vorher schon begonnen, Neue zu holen. Und das ohne Geld. Sie sehen, hier fehlte es insgesamt an der Planung, und das wollen wir ändern.

Wie geht es weiter? Es ist doch denkbar, dass es unruhig wird, dass Yakin Spieler wie Doumbia oder Jeffrén für nicht gut genug befindet, von denen Walther viel hält.

Das ist eine Herausforderung für die ­Organisation. Es wird sicher Diskussionen geben, aber das gehört dazu. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie wir am Sonntag gegen Sion spielen.

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