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«Hou ab» und Rotwein

Der Tag, an dem für Fredy Bickel nichts mehr war wie zuvor.

Eine Berner Politikerin läutet an der Haustür seiner Wohnung in der Altstadt und überreicht persönlich ein kleines Päckchen, mit Pulver drin, es ist kein homöopathisches Mittel, aber es soll ihm helfen, die Ruhe und das innere Gleichgewicht zu finden, wenn er nicht schlafen kann.

Einen anderen aus der Politik, in noch höherer Stellung, trifft er zufällig in der Stadt, und der sagt ihm, er könne nicht verstehen, was passiert sei, es tue ihm sehr leid. Ab Januar habe er dann auch selber viel Zeit, und sie könnten zusammen etwas ­­­unternehmen. Sie lachen und ­umarmen sich.

Ein Schweizer Nationalspieler, den er nie zu einem Club geholt hatte, den er aber sehr mag, schreibt ihm, er habe ein Haus in der Bretagne, und das sei immer offen für ihn.

An das Gute glauben

Ein früherer Nationalspieler, der sehr viele Tore für die Schweiz schoss, schreibt, er müsse an das Gute glauben, es kämen wieder andere Zeiten, und er solle das Leben geniessen.

Ein Trainer ruft an, er hat ihn ­einmal entlassen müssen, und es hat damals vor den Medien bei beiden Tränen gegeben, er will einfach ­plaudern, er redet gerne. Irgendwann muss er das Telefon abbrechen, sonst würde der Trainer noch jetzt reden.

Ein anderer Trainer, auch von ihm hat er sich einst trennen müssen, schreibt in etlichen Zeilen sehr viel Persönliches, und ganz am Schluss: So ist halt dieses Geschäft.

Ein Künstler im Fussball

Er bekommt sehr viele SMS- und Whatsapp-Nachrichten, einige Hundert sind es. Er beantwortet alle.

Ein Sänger, der einmal nicht ­besonders nette Worte für die Fuss­baller wählte, schreibt ihm, zum Glück kenne er ihn schon viel länger und nicht wegen des Clubs, dem er, auch wenn ihm das Eishockey näherstehe, ebenfalls verbunden sei.

Ein anderer meint, es muss auch ein Musiker sein, er nennt nur seinen Vornamen, sie seien Künstler auf der Bühne, er sei ein Künstler im Fussball.

Wir vermissen Dich

Einer aus der Mannschaft schreibt, es war einige Stunden vor dem Spiel an diesem Abend: Wir vermissen dich.

Ganz viele aus der Mannschaft schreiben, sie könnten das nicht ­verstehen und sie seien erschrocken.

Er sitzt auf dem Sofa in seiner Dachwohnung in der Berner Altstadt, neben ihm sein Vater, und er öffnet eine vorzügliche Flasche Rotwein, es ist eine Flasche vom Weingut seines obersten Chefs, seines ­ehemaligen Chefs.

Mani Matter und Edith Piaf

Und bevor er den ersten Schluck nimmt, bekommt er ein weiteres Bild aus dem Stadion, in dem jetzt sein ehemaliger Club spielt, es ist unter den vielen wüsten Reaktionen der Fans eine in poetischer Form: «Mir hei e Verein, i ghöre derzue». Das Lied von Mani Matter wird ergänzt mit dem Zusatz, dass eben nicht alle dazugehören. «Hou ab», und dazu Siegenthalers Kopf, ein anderes Bild auf dem Display.

Er sagt wenig an diesem Abend, es geht ihm nahe, besonders heute, er sagt, es tue weh.

Es ist der Donnerstag der letzten Woche, YB spielt in der Europa League gegen Olympiakos, es ist der Tag, an dem Fredy Bickel eigentlich als ­Sportchef im Stade de Suisse sitzen sollte, wie immer seit knapp vier Jahren. Es ist nicht mehr so. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Platte von Edith Piaf. Ein Geschenk. «Ich bin gebissen», heisst es in einem Lied, angeschlagen.

fredy.wettstein@tages-anzeiger.ch

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