HSV-Spieler Jatta spricht von einer Hexenjagd

Im Fall um den jungen Gambier hatten viele ihre Meinung kundgetan. Nur einer nicht. Bis am Donnerstag.

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Ganz Deutschland kennt seinen Fall. Viele haben ihre Meinung geäussert. Einige haben gepfiffen, andere protestiert. Bakery Jatta war allgegenwärtig in deutschen Medien und Stadien. Er muss sich niemandem mehr vorstellen. Und tut es trotzdem. «My Name is Bakery Jatta», schreibt er auf Instagram – nachdem er angekündigt hat, er lerne zwar fleissig Deutsch, werde aber das, was er jetzt zu sagen habe, auf Englisch sagen. Er äussert sich, weil er klarstellen will, wer er ist. Zum letzten Mal und nach über einem Monat der Hexenjagd, wie er schreibt.

Jatta kam als Flüchtling nach Deutschland, 2015 mit 17 Jahren, alleine, aus Gambia. Er war ein begnadeter Fussballer, schaffte es bis zum Hamburger SV, ein Märchen war geschrieben inmitten der Schreckensmeldungen vom Mittelmeer. Ein Märchen, das im August zu bröckeln begann. Die «Sport Bild» berichtete von umfassenden Recherchen, die Zeitung will herausgefunden haben, dass Jatta eben nicht Jatta heisst, sondern Daffeh. Und dass er nicht 21, sondern 23 ist, bei seiner Einreise nach Deutschland also volljährig war.

Die Meldung machte die Runde, auch über die Landesgrenzen hinaus. Gegner witterten ihre Chance, Nürnberg legte Protest ein, nachdem es gegen den HSV mit Jatta 0:4 untergegangen war. Keines der vier Tore hatte Jatta erzielt. Beim Spiel in Karlsruhe gab es Pfiffe von den Rängen, auch die Süddeutschen und der VfL Bochum protestierten gegen ihre Niederlagen. Jatta dürfe gar nicht spielberechtigt sein, hiess es. Wegen Identitätsdiebstahl wurde gegen ihn ermittelt.

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Moin Moin , Auch wenn ich jeden Tag Deutsch lerne, werde ich das, was ich jetzt sage, auf Englisch tun… My name is Bakery Jatta! Four years ago I fled from Gambia to Germany. Without my Family! Today I can say I have the biggest and most caring family I could have ever dreamed of. You, the HSV, became my family! In this way I'd like to express my gratitude towards the whole presidium, my teammates, the staff, my bodyguards Miro and Jürgen and the Fantastic Fans and my Lawyer each and everyone at this club who showed me unconditional love. I'd also like to thank all the athletes, trainers,colleagues and friends, as well as the whole adidas family for the encouragement they've been showing me every day from the very beginning. That, I will never forget! There are two people I'd like to point out especially: Jonas Boldt and Dieter Hecking...They showed me nothing but support and belief in me. They were there for me - through the most difficult times of my career! Many people have asked me, if I'm going to say anything or act against all the reports, the people and the witch-hunt. My simple answer why I wouldn’t counter their attacks: I am not like these people! We are not like these people! I am blessed that I’ve been given the opportunity to be here. I'm living a better life than I did before. With all your kind reactions, your comments and your unconditional support you gave the best answer to the smear campaign. If there was one thing that I could wish for upon all these people, who wanted to harm me, it would be for them to feel the pain that they have caused me. Just for once they should experience the suffering that I had to go through. The things I experienced in Karlsruhe for example: II can tell you that this was by far the worst feeling I've ever had. I know that I'm not as good as a football player as Aaron or Sonny. And I know that there are much more talented players in the game than me. But I will promise you: As long as my legs keep on carrying me through life. As long it‘s working for both sides, I will be here for you. For as long as I live, I will never forget how the HSV and all of you guys had my back the entire time, thr

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Jatta bedankt sich beim ganzen HSV

Es folgte ein Hin und Her, da waren die Stimmen früherer Trainer von Jatta, die belegen sollten, dass die «Sport Bild» mit ihrer Vermutung richtig lag. Da war aber auch eine offenbar einwandfreie Geburtsurkunde, die Jattas Anwalt dem Bezirksamt Hamburg-Mitte vorlegte, worauf dieses das Verfahren am 2. September einstellte. Kurz darauf zog Nürnberg seinen Einspruch zurück. Der HSV hatte immer an seinem Spieler festgehalten, Jatta blieb trotz der Diskussionen Stammspieler.

Gesagt hat er nie etwas zu dem Fall. Bis am Donnerstag, auf Instagram. Jatta bedankt sich bei all jenen, die auf seiner Seite standen. «Ihr, der Hamburger SV, seid meine Familie geworden», schreibt er, das Präsidium des Vereins, der Staff, die Teamkollegen, die Bodyguards, die fantastischen Fans, sein Anwalt, einfach jeder im Club habe ihm bedingungslose Liebe gezeigt. Speziell hob er dabei Sportvorstand Jonas Boldt und Trainer Dieter Hecking hervor. In der schwierigsten Zeit seiner jungen Karriere seien sie immer für ihn dagewesen. Er wisse, er sei nicht so gut wie seine Mitspieler Aaron Hunt und Sonny Kittel, «doch solange meine Beine mich durchs Leben tragen, werde ich da sein für euch. Solange ich lebe».

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The fact that Stefan Kuntz, the coach of the U21-National-Team, stood up for me, made me incredibly proud. A special thanks to my agent, friend .Efe, what you did for me in the last couple of weeks, I will never forget. Most of all I'm absolutely proud, that our greatest rival, FC St. Pauli, strengthened my position. Divided by colours, united in cause. Despite all the thankfulness I feel, I have no doubt that we will still defeat you on the weekend. Because a derby will always be a derby. Concluding I'd like to say one more thing: Since you all know the truth about where I was born, where I grew up, where I ate, slept and fell in love with football for the very first time... You all should go and visit my home town. Where I'm from, everyone is extremely openminded, friendly… and will always be welcome.

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«Getrennt in den Farben, vereint in der Sache»

Nicht nur beim HSV fühlte sich Jatta stets willkommen. Stefan Kuntz, der Trainer der deutschen U-21-Nationalmannschaft sagte, er wolle dem Gambier bei der Einbürgerung helfen, um ihn an die Olympischen Spiele 2020 in Tokio mitzunehmen. Etwas, was ihn unglaublich stolz mache, so Jatta. Am meisten stolz aber sei er darauf, dass er Support aus St. Pauli bekam, vom grössten Rivalen seines Clubs, «getrennt in den Farben, vereint in der Sache», schreibt er.

Jatta äussert sich in seinem langen Post auch zu den Pfiffen in Karlsruhe. «Das war bei weitem das schlimmste Gefühl, das ich je erlebt habe.» Schreibt ein Mann, der vor nicht allzu langer Zeit, im Alter von 17, eine 6000 km lange Reise durch die Sahara und das Mittelmeer hinter sich gebracht hatte. Zum Schluss hat er noch eine Botschaft: «Jetzt, wo ihr alle wisst, wo ich aufwuchs, wo ich ass, wo ich schlief und mich in den Fussball verliebte … Ihr alle solltet meine Heimat besuchen. Wo ich herkomme, ist jeder extrem offen und freundlich. Und wird immer willkommen sein.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier: (mro)

Erstellt: 13.09.2019, 07:36 Uhr

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