«Ich bin länger Trainer als Zidane»

Mit 29 Jahren ist Julian Nagelsmann der jüngste Coach der Bundesliga-Geschichte. Trotzdem schliesst er nicht aus, seine Karriere in zehn Jahren zu beenden.

«Das sind pure Emotionen»: Julian Nagelsmann, der innovative Trainer der TSG Hoffenheim. Foto: Matthias Hangst (Bongarts, Getty Images)

«Das sind pure Emotionen»: Julian Nagelsmann, der innovative Trainer der TSG Hoffenheim. Foto: Matthias Hangst (Bongarts, Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie erklären Sie einem Unwissenden die TSG Hoffenheim?
Ein kleiner Verein, der sich durch ­professionelle, innovative Arbeit und engagierte Nachwuchsförderung in den ­vergangenen Jahren in der Fussball-­Bundesliga etabliert hat – mithilfe einer Anschubfinanzierung seines Mitglieds Dietmar Hopp. Und: Hoffenheim hat derzeit ein sehr junges Trainerteam.

Ist der aktuelle Erfolg mit der ­möglichen Qualifikation für die Champions League trotz allem nicht auch ein Wunder?
Ich rede nicht von Wunder, weil ein Wunder eher zufällig kommt. Bei uns ist es kein Zufall, sondern harte Arbeit. Die gute Platzierung hängt einerseits mit unserer konstanten Leistung zusammen, anderseits damit, dass etablierte Clubs in dieser Saison den Erwartungen hinterherhinken – Leverkusen, Schalke, Wolfsburg, Mönchengladbach.

Mit 28 sind Sie Hoffenheims ­Cheftrainer geworden. Ist das nur bei diesem Club möglich?
Natürlich ist es wichtig, dass mir die Leute im Verein Vertrauen schenken. Und vielleicht muss eine Situation herrschen, die keinen anderen Ausweg für eine solche Entscheidung zulässt. So war das bei uns mit Huub (Stevens), der so lange Trainer sein sollte, bis ich übernehme (im Sommer 2016). Er erkrankte allerdings, und ich musste früher als gedacht einspringen. Über allem steht dabei aber, dass du schon deine Leistung gebracht hast, ob bei den Junioren oder bei den Profis. Ich bin schon zehn Jahre Trainer, länger als etwa Zinédine Zidane von Real Madrid (lacht).

Und dass Sie so jung sind …
… hat nie eine Rolle gespielt. Die ­Spieler haben gemerkt, dass wir uns alle gemeinsam verbessern können. Und so die Chance besteht, sich und die eigene Karriere weiterzuentwickeln.

Nervt es Sie, wenn Ihr Alter stets ein Thema ist?
Es ist klar, dass es die Leute interessiert. Aber intern war das nie ein Thema. Ich bin gerne jung. Je älter man wird, desto schneller geht es dem Ende zu, und ich bin gerne auf der Welt.

«Es war nicht so, dass ich sagte, was für ein geiler Typ ich bin.»

Wie war es, als Clubbesitzer ­Dietmar Hopp Sie im Februar 2016 zum Cheftrainer einer Mannschaft machte, die in der Bundesliga auf dem zweitletzten Rang lag?
Ich hatte schon vorher immer wieder mit Alex Rosen (dem Manager) darüber gesprochen, wie meine Perspektiven aussehen, weil andere Clubs Interesse an mir als Nachwuchstrainer hatten. Mir war immer klar: Wenn ich Profitrainer werde, geschieht das nicht erst mit 40.

Plötzlich hiess es: Hoffenheim setzt auf einen 28-Jährigen. Machte sich ein Kribbeln bemerkbar?
Ja, weil nicht nur die sportliche Situation heikel war, sondern ich zusätzlich meinen Trainerlehrgang in Köln zu ­absolvieren hatte. Drei Tage pro Woche konnte ich deswegen nicht bei der Mannschaft sein. Es hiess zwar, als junger Trainer hätte ich nichts zu verlieren. Aber das war Quatsch. Meine Karriere stand auf dem Spiel. Im Poker sagt man: All-in. Mit der U-19 waren wir zum dritten Mal nacheinander daran, uns für den Meisterschaftsfinal zu qualifizieren. Viel mehr geht nicht im Nachwuchs. Ich hatte einen guten Job mit gutem Lohn und eigentlich keinen Grund, etwas zu ändern.

Aber Sie machten dann nicht den Eindruck, als würde die schwierige Lage Sie belasten.
Es war nicht so, dass ich kam und selbstbewusst sagte, was für ein geiler Typ ich bin. Wirklich belastet hat es mich ­tatsächlich nicht. Dennoch: Wenn wir aus der Bundesliga abgestiegen wären, hätte ich meinen Job nicht gut gemacht. Und meine Karriere wäre sicher anders verlaufen. Aber Belastungen sind aus meiner Sicht etwas anderes: finanzielle Sorgen zum Beispiel oder Krankheit.

Dann haben Sie aber viel gewonnen.
Wir alle im Club haben in den vergangenen Monaten viel gewonnen, unsere Aussenwahrnehmung hat sich verändert. Wir haben mit der jungen Mannschaft über unseren Spielstil Sympathiepunkte gesammelt. Und natürlich ist meine Karriere auch beschleunigt worden.

Was prädestiniert Sie zum Trainer?
Neben intensiver Arbeit habe ich sicher Talente, mit denen ich geboren wurde.

Zum Beispiel?
Ich habe eine ganz ordentliche Rhetorik und kann Menschen begeistern. Das ­gelang mir schon in der Schule mit ­Referaten. Diese Gabe brauchst du, um vor einer Gruppe stehen und sie von einer Idee überzeugen zu können. Es ­gehört eine gehörige Portion Mut dazu, wenn du ein erfolgreicher Trainer sein willst: neues zu probieren, keine Angst vor Fehlern und negativen Konsequenzen zu haben. Und es braucht taktisches Wissen. Ich werde oft gefragt: «Wie hast du dir das angeeignet?» Ich habe keine Bücher darüber gelesen. Ich habe halt Fussball gespielt und als Trainer Ideen entwickelt, wie ich einem Spieler etwas beibringen will.

Eine Fähigkeit wird Ihnen immer wieder attestiert: Sie können das Spiel aussergewöhnlich gut lesen.
Viele Leute können einen Plan ent­wickeln, wie ein Team gegen Gegner X vorgehen soll. Aber die Kunst ist es, unter dem Druck von Zeit, Zuschauern und Emotionen, Dinge wahrzunehmen und sie anzupassen.

Können Sie 80'000 Zuschauer in Dortmund ausblenden und sich nur aufs Wesentliche konzentrieren?
Wenn das Spiel so emotional ist wie am vergangenen Samstag in Dortmund, geht dir vieles durch den Kopf. Vieles bekommst du nicht mit, weil du dich mit dem Schiedsrichter beschäftigst oder dich Menschen auf der Haupttribüne hinter der Trainerbank beleidigen. Du guckst hoch und denkst: Lass die doch machen. Aber so einfach ist das nicht, das lässt sich nicht ganz ausblenden.

Was hört man denn von der ­Dortmunder Haupttribüne?
Allerlei. Von arroganter Hund bis … … einfach nichts Zutreffendes?
In meinen Augen nicht, nein (lacht).

Eines Ihrer Merkmale ist die Gier nach Erfolg. Woher kommt diese Eigenschaft?
Das weiss ich nicht. Aber es prägt mich schon mein ganzes Leben. Ich verliere nicht gern und bin deshalb auch kein ­guter Gesellschaftsspiele-Spieler mit der Familie, weil es da fast immer Streit gibt. Wenn es Spiele gibt, bei denen es einen Partner braucht, nehme ich auch nie meine Lebensgefährtin.

Weil das Krach gibt?
Auch, ja. Das ist im privaten Umfeld nicht immer super. Sogar bei einem Freizeitkick schimpfe ich, wenn einer einen miesen Ball spielt. Genauso hadere ich mit mir selbst, wenn ich einen Katastrophenpass spiele. Oder wenn ich in den Ferien am Meer mit einem Fremden Beachvolleyball spiele und ihm sage, «Was machst du für einen Quatsch?», ist das nicht förderlich. Aber es ist halt so in mir drin. Und ich entschuldige mich danach immer.

Am liebsten wäre mir, wenn ich eine Bundesligamannschaft trainieren und am Nachmittag im Grünen Rad fahren könnte und keiner mich erkennen würde.

Wie gross ist Ihr Verlangen nach Aufmerksamkeit?
Je mehr Erfolg du hast, desto mehr ­Öffentlichkeit kriegst du. Das war aber bei mir nie die Triebfeder. Am liebsten wäre mir, wenn ich eine Bundesligamannschaft trainieren und am Nachmittag im Grünen Rad fahren könnte und keiner mich erkennen würde.

Nun werden Sie mit Dortmund oder gar Bayern München in Verbindung gebracht. Wie empfinden Sie den Hype um Ihre Person?
Ich habe eine realistische Sicht und weiss, dass sich der Trubel schnell ­wieder legen kann. Aber Vereine wie Bayern und Dortmund machen ihre Hausaufgaben.

Das heisst?
Als Nachwuchstrainer habe ich wenige Spiele verloren und auch im Profi­bereich nicht allzu viele Niederlagen einstecken müssen. Die normalen Leute denken: Jetzt gibt es einen Hype, weil er Bundesligatrainer ist. Aber ich weiss von den Bayern, dass die vorher schon ­geschaut haben, was der Nagelsmann für ein Trainer ist. Sie boten mir schon einmal eine Stelle in ihrem Nachwuchs­bereich an. Aber ob sonst immer alles stimmt, was geschrieben wird, sei ­dahingestellt.

Sie wissen es ja.
Ich weiss es, besser als Sie (lacht).

Sie können uns informieren.
Ich habe kein schriftliches Angebot.

Müssen Sie mit den Profis anders arbeiten als im Nachwuchs?
Ich habe alles gleich gelassen. Der erste Wochentag ist für die meisten Regeneration. Dienstag und Mittwoch kümmern wir uns um Ausbildungsinhalte. Am Donnerstag folgt die Gegnervorbereitung, am Freitag das Abschlusstraining.

Sie fordern die Spieler nicht nur körperlich, sondern auch geistig.
Der Geist hat die meiste Reserve, was Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Entscheidungsqualität angeht. Ein Hochleistungssportler und ein Student einer Elite-Uni müssen ähnlich viele Informationen aufsaugen. Aber es gibt einen grossen Unterschied: In der Schule kannst du in Ruhe, mit einem 70er-Puls, antworten, wenn dich der Dozent fragt: Erkläre mal die Sinuskurve der Marktwirtschaft von Indonesien. Dann erklärst du das. Aber im Fussball hast du einen 170er-Puls, hast du ähnlich viele Informationen und musst in einer kürzeren Zeit eine Entscheidung treffen. Deshalb musst du die Spieler im Training ständig vor komplexe Auf­gaben stellen. Damit sie lernen, unter Hochbelastung das Richtige zu machen.

Woher holen Sie die Ideen dafür?
Aus meinem Kopf.

Dreht das Rad im Kopf immer?
Es ist ein Prozess wie bei jedem ­Menschen. Ich machte am Anfang in der ­Jugend den Fehler, dass wir taktische Dinge besprachen und trainierten – dann unterbrach ich, fragte und bekam in dieser Pause das Feedback. Irgendwann habe ich angefangen, ein 4 gegen 4 zu machen und den Spielern in dieser Zeit taktische Fragen zu stellen, um der Hochbelastung eines Spiels gerecht zu werden. Heisst also: Wie kriegst du die Spieler dazu, unter hohem Puls die Rübe einzuschalten?

Entwickeln Sie sich selbst, oder hilft Ihnen dabei ein Coach?
Beides. Bei der Arbeit mit dem Coach, den ich alle vier Monate treffe, geht es um Teamführung, um aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, um Hirn- und Sozialforschung. Darum, wie ein Team funktioniert, wie sich Hierarchien, Führungsspieler und Mentalitäten entwickeln. Es geht auch um die optimale Mannschaftsbesprechung, um die Frage, wie ich die Spieler am effizientesten erreiche.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen irgendwann die Ideen ausgehen?
Ideen sprudeln nicht immer im gleichen Rhythmus. Ich habe eines gelernt, was ich als Nachwuchstrainer nicht gut konnte: mich selber zu entschleunigen.

Wie geht das?
Wir machen zum Beispiel einen Pass- und Torschusswettkampf und ein ­Turnier 7 gegen 7, ohne gross nachdenken zu müssen. Früher dachte ich bei ­jedem Training: Es braucht Inhalt, ­Inhalt, ­Inhalt. Irgendwann merkte ich, dass die Jungs nicht mehr aufnahme­fähig waren. Ich schalte nun Tage ein, an denen ich mir sage: Heute musst du keine neue Idee einbringen.

Ein Spieler weiss bei Ihnen aber nicht, was ihn im Training erwartet.
Ja, so ist es …

In der Branche bin ich nicht gut vernetzt. Dafür habe ich ein Leben auch ausserhalb des Fussballs.

… weil es Ihr Anspruch ist, die Spieler stets zu überraschen?
Langeweile ist das Schlimmste – eine grosse Gefahr für ein funktionierendes Konstrukt, sei das für mich als Trainer in der Zusammenarbeit mit den Spielern, sei es privat in einer Beziehung. Das Feuer muss immer lodern.

Hoffenheims SportpsychologeProfessor Jan Mayer hat die Wette angeboten, dass Sie in zehn Jahren nicht mehr Trainer sind, sondern etwas völlig anderes machen.
Ich habe ihm einmal gesagt, dass mir so ­etwas im Kopf herumschwirrt. Ich brauche den Profifussball nicht für meine Selbstbestätigung. Natürlich gibt es einem enorm viel, wenn man gewinnt. Das sind pure Emotionen. Aber ich bin mir relativ sicher, dass ich mein Leben danach glücklich gestalten kann. Eines steht fest: Ich werde das nicht so lange machen wie Arsène Wenger (er ist 68).

Können Sie sich tatsächlich vorstellen, einmal ein Leben komplett ohne Fussball zu führen?
Ja. Wenn ich das Trainingsgelände verlasse, interessieren mich zwar die Resultate der Champions League. Aber ich renne nicht in jedes Stadion, ich kenne nicht jeden Berater und nicht jeden Sportdirektor. In der Branche bin ich nicht gut vernetzt. Dafür habe ich ein Leben auch ausserhalb des Fussballs.

Haben Sie mit 29 Jahren das Gefühl, in Ihrem Leben etwas verpasst zu haben? Sie konnten nicht auf höchstem Niveau spielen …
… dieses Gefühl hatte ich eine Zeit lang, jetzt aber nicht mehr, weil mir der Trainerjob extrem viel gibt und ich ihn als interessanter betrachte als den des Spielers. Als Spieler konsumierst du viel und gehst dann wieder heim. Als Trainer ist es wesentlich facettenreicher: Termine mit Medien, Trainingsvorbereitung, Trainingsaufarbeitung, überlegen, wie man gegen welchen Gegner spielen soll.

Und im Privaten?
Ich ging wegen des Fussballs früh von zu Hause weg und konnte viele Dinge halt nicht wie andere Gleichaltrige machen.

Zum Beispiel?
Ich habe die eine oder andere Party ­verpasst, vielleicht auch den einen oder anderen Flirt (lacht). Und trotzdem möchte ich nicht tauschen.

Erstellt: 12.05.2017, 19:34 Uhr

Nagelsmann

Anfang mit 20

Am 23. Juli 1987 kommt Julian Nagelsmann in Landsberg am Lech zur Welt. Er wird zu einem talentierten Innenverteidiger, wechselt vom FC Issing nach Augsburg, dann weiter zu 1860 München. 2007 kehrt er in die 2. Mannschaft von Augsburg zurück und trainiert dort unter Thomas Tuchel. Mit 20 muss er seine ­Laufbahn wegen eines Knorpelschadens beenden und ist so frustriert, dass er vom Fussball Abstand gewinnen will.

Aber Tuchel hat eine Idee: Nagelsmann soll für ihn Gegner beobachten. Der Jung-Scout kommt auf den Geschmack, es als Trainer zu versuchen. Er startet als Ausbildner in Augsburg, macht bei 1860 weiter und erhält 2010 eine Anstellung in der Nachwuchsabteilung von Hoffenheim. Er unterbricht sein Betriebswirtschaftsstudium, absolviert stattdessen ein Fernstudium in «Sportwissenschaft und angewandter Trainingslehre». 2014 führt er Hoffenheims U-19 zur deutschen Meisterschaft. Und er hat stets ein Vorbild: Pep Guardiola.

Seit dem 11. Februar 2016 ist Nagelsmann Cheftrainer von Hoffenheim.

Artikel zum Thema

Echte Liebe

Analyse Mit seinem Rücktritt beweist der Jürgen Klopp Stil und Klasse, wie sie im Fussball selten geworden sind. Mehr...

«All die grossen Namen – und ich gehöre dazu»

Interview In der Bundesliga ist Lucien Favre zum Trainer des Jahres gewählt worden, in Mönchengladbach wird er verehrt. Das mache ihn stolz, sagt der 57-Jährige. Mehr...

Alles Böse im Fussball

Football Leaks legt seit Monaten den Finger auf wunde Punkte des Fussballgeschäfts. Aus den Enthüllungen ist nun ein Buch entstanden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Animalische Athletik: Ein Tiertrainer im Zoo von Sanaa, Jemen, reizt eine Löwin so sehr, dass sie wortwörtlich die Wände hochgeht. (Januar 2020)
(Bild: Mohamed al-Sayaghi) Mehr...