«Ich habe bei YB den perfekten Job»

Der YB-Trainer Gerardo Seoane spricht über die Meisterfeier und die Kaderplanung, über ein Vorbild und Angebote aus der Bundesliga.

Stets überlegt und kontrolliert: Meistertrainer Gerardo Seoane hinterlässt einen ausgezeichneten Eindruck.

Stets überlegt und kontrolliert: Meistertrainer Gerardo Seoane hinterlässt einen ausgezeichneten Eindruck. Bild: Claudio de Capitani (Freshfocus)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie feiert Meistertrainer Gerardo Seoane?
Gemütlich und mit Genuss. Man wird schliesslich älter.

Sie sind offenbar eher der Rotweintyp und kein Biertrinker…
… ich bin ja auch Spanier. (schmunzelt) Wir haben natürlich angestossen auf unseren Erfolg, aber alles blieb im Rahmen.

Welche Momente der YB-Festivitäten sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Da kommt mir vieles in den Sinn. Der Abend im Stade de Suisse, als wir vor dem TV Meister wurden, dann die Szenen nach Spielschluss am nächsten Tag in Zürich, als wir den FCZ 1:0 geschlagen hatten, schliesslich die Rückkehr nach Bern und der Empfang im Stadion mit erneut fast 10'000 Fans. Das war fantastisch.

Hatten Sie bereits Zeit, um diese unglaubliche Saison in Ruhe reflektieren zu können?
Wir sind ja nicht in einer Partie Meister geworden, das war das Ergebnis einer überragenden Leistung über mehrere Monate. So gesehen konnten wir uns vorbereiten, aber wenn man das erste Mal Meister wird, ist das sehr speziell und wunderschön. Ich denke, wir werden erst im Rückblick realisieren, was für eine ausserordentlich starke Saison wir gespielt haben.

Ihren Spieler der Saison verraten Sie uns vermutlich nicht.
Nein, weil es für mich auch keinen Spieler der Saison gibt, sondern eine Mannschaft der Saison. Wenn man in einer Liga derart dominiert, ist das stets das Produkt einer Gemeinschaft. Es würde diesem tollen Team nicht gerecht werden, einzelne Fussballer herauszuheben. Im Übrigen haben wir noch sechs Partien zu bestreiten, es geht auch um Rekorde, das 0:1 am Montag in Neuenburg gegen Xamax hat gezeigt, dass wir immer mit höchster Konzentration antreten müssen.

Eine andere Antwort haben wir nicht erwartet. Sie sind mit 40 Jahren noch ein junger Trainer, aber stets bemerkenswert ruhig und kontrolliert. Erkennen Sie sich wieder in den Porträts, die über Sie geschrieben werden?
Ich lese längst nicht alles, was in den Zeitungen und im Internet publiziert wird. Mir ist wichtig, dass ich als Trainer authentisch bleibe und sachlich vorgehe. Manchmal brodelt es auch in mir, aber ich muss an der Seitenlinie möglichst ruhig sein und darf nicht emotional entscheiden.

Sie sollen früher Festen nicht abgeneigt gewesen sein und auch mal emotional reagiert haben. Haben Sie sich bewusst dafür entschieden, als Trainer stets beherrscht zu agieren?
Ich bereitete mich jahrelang auf den Trainerjob vor. Dabei habe ich festgestellt, dass es sinnvoller ist, ruhig und überlegt zu bleiben.

«Von Ottmar Hitzfeld kann man viel lernen. Er war ruhig und souverän.»

Vermutlich gibt es diesbezüglich ein Vorbild für Sie.
Ich bin lange im Fussball dabei, verfolge das Geschehen intensiv, beobachte die grossen Trainer genau. Selbstverständlich gibt es Vorbilder, ich denke vor allem an Ottmar Hitzfeld, der das beispielhaft umgesetzt hat. Er war gefasst und souverän, es ging ihm immer um die Sache. Von Trainern wie ihm kann man viel lernen. Und es ist vor allem bemerkenswert, wie er seine Linie auch in schweren Zeiten nicht verlassen hat.

«Am Ende werden wir am Erfolg gemessen, was teilweise ungerecht sein kann.»

Schwierige Phasen haben Sie noch nicht erlebt. Aber steht man so in der Öffentlichkeit wie Sie, ist die Versuchung bestimmt gross, sich manchmal eine Maske anzuziehen…
… nein, nein, mit Schauspielerei kommt man nicht weit. Das würde auffallen, gerade vor den Spielern. Man ist ständig zusammen, und wenn man sich da nicht treu bleibt, ist das fatal. Möglicherweise sind Trainer wie Hitzfeld oder auch ich teilweise eine Herausforderung für euch Journalisten, weil wir nicht immer spektakuläre Antworten liefern. Aber auch hier finde ich: Es ist besser, glaubwürdig zu sein und sich nicht zu verstellen. Am Ende werden wir sowieso am Erfolg gemessen, was teilweise ungerecht sein kann.

Wie meinen Sie das?
Manchester Citys Trainer Josep Guardiola sagte kürzlich, es gehe nicht immer nur um Titel. Man erwarte von ihm den Triumph in der Champions League, doch es sei auch wichtig, ob und wie sich eine Mannschaft entwickle und wie sie ihre Fans unterhalte. Genau so sehe ich das auch.

Nun ja, Guardiola durfte Hunderte von Millionen Franken in neue Fussballer investieren. Mit dem Auftrag, die Champions League zu gewinnen.
Aber es gibt sechs, sieben andere Topteams auf diesem Level, alle bis auf eines scheitern mit dieser Betrachtungsweise jedes Jahr. Das ist zu oberflächlich gedacht. Zuerst geht es für einen Trainer um die Entwicklung der Mannschaft, dann um die Entwicklung der Fussballer. Und wenn das gut läuft, stimmen die Ergebnisse meistens automatisch. Manchmal aber steht ein Spieler wie zuletzt bei Manchester City in der Nachspielzeit ein paar Zentimeter im Abseits, das Team scheidet aus. Ist dann die ganze Arbeit schlecht gewesen?

Im Gegensatz zu Guardiola werden Sie im Sommer einige Stammspieler verlieren. Mit wie vielen Abgängen rechnen Sie?
Steve von Bergen hört auf, Kevin Mbabu wechselt zu Wolfsburg, Loris Benito hat den Wunsch geäussert, in eine Topliga zu gehen. Ob noch der eine und andere dazukommt, hängt von vielen Dingen ab. Der Transfermarkt ist noch nicht richtig in die Gänge gekommen, er wird uns sicher bis Ende August beschäftigen.

Mit Mbabu und Benito gehen wohl beide gesetzten Aussenverteidiger. Im Kader stehen Ulisses Garcia, der sehr vielseitige, sehr talentierte Jordan Lotomba, dazu der junge Léo Seydoux und vielleicht Thorsten Schick, der seinen Vertrag noch nicht verlängert hat. Wünschen Sie sich Verstärkungen auf den defensiven Aussenpositionen?
Wie Sie wissen, geben wir keine Wasserstandsmeldungen ab. Wir analysieren das Kader ständig und werden bereit sein, sollten wir auf weitere Abgänge reagieren müssen. Mit Fabian Lustenberger stösst bereits ein ausgezeichneter Fussballer und eine Leaderfigur zu uns, er wird eine ähnliche Rolle wie von Bergen übernehmen. Und mit Marvin Spielmann kommt ein entwicklungsfähiger Offensivspieler, der uns mit seinen Qualitäten noch unberechenbarer machen wird.

Im zentralen Mittelfeld ist mit dem Abgang des sehr umworbenen Djibril Sow zu rechnen. Im Januar ging schon Sékou Sanogo. YB dürfte einen robusten Akteur wie Luzerns Tsiy Ndenge holen, der neben Sandro Lauper, Michel Aebischer und Gianluca Gaudino physische Elemente vertreten kann.
Das ist eine gute Überlegung. Glauben Sie mir, wir werden ein starkes Team haben. Aber es ist noch zu früh, um konkret über die Planungen zu sprechen.

YB will die Nummer 1 des Landes bei jungen Spielern sein. Nach Spielmann gelten St. Gallens Defensivspieler Silvan Hefti und vor allem der hochtalentierte Flügel Ruben Vargas von Luzern als Kandidaten in Bern.
Tun sie das? (lacht) Das sind ­interessante Fussballer.

Sie waren in Luzern der grosse Förderer von Vargas, der mit 20 Jahren herausragende Anlagen besitzt und bei YB den nächsten Schritt realisieren könnte. Man hört, die Ablöseforderung des FCL sei sehr hoch.
Ich kenne Ruben Vargas, seit er 12 Jahre alt ist, ich nahm ihn dann relativ früh in die U-21 Luzerns, weil er ein grosses Talent ist. Aber wir können ja nicht unbegrenzt Offensivspieler kaufen.

Möglicherweise verlässt Christian Fassnacht oder Roger Assalé YB, dann wäre Vargas wie der polyvalente Spielmann eine ideale Verstärkung.
Das hört sich spannend an. Wie gesagt, wir kommentieren solche Dinge erst, wenn die Tinte bei ­allen Verträgen trocken ist.

Sie selber waren zuletzt bei mehreren Bundesligaclubs im Gespräch, bei Gladbach, Stuttgart, Wolfsburg, Schalke und vor allem Berlin. Wie nahe waren Sie an einem Wechsel?
Es gab Anfragen. Ich habe mich über Ostern, als die Berlin-Gerüchte stärker wurden, dazu entschlossen, mit einem Statement alle Zweifel auszuräumen. Ich bleibe bei YB, die Arbeit ist nicht zu Ende, es gibt einen Umbruch, wir stehen vor einer sehr interessanten Saison und werden wieder ein hungriges Team mit ausgezeichneter Mentalität haben.

Ein Schweizer Trainer erhält nicht jedes Jahr die Gelegenheit, in die Bundesliga zu gehen.
Klar. Ich bin seit acht Jahren Trainer, aber erst seit Januar 2018 im Profibereich tätig. Bei den Young Boys habe ich den für mich perfekten Job, der mir sehr gefällt. Warum sollte ich das aufgeben? Ich bin erst 40 und arbeite hoffentlich noch lange als Trainer.

Sie gelten als ehrgeizig und zielstrebig. Läuft es für Sie derart ausgezeichnet weiter, könnten in Zukunft noch grössere Clubs auf Sie zukommen.
Daran denke ich nicht. Ich befasse mich immer mit der Realität. Und für mich steht fest: Mein Weg mit YB ist nicht zu Ende.

Erstellt: 26.04.2019, 07:33 Uhr

Artikel zum Thema

Seoane bekennt sich zu den Young Boys

Der Meister verliert in der ausverkauften Maladière vor Tausenden YB-Fans gegen Xamax 0:1. Im Fokus steht aber der Trainer. Mehr...

Mbabu wechselt definitiv zu Wolfsburg

Was die Spatzen bereits von den Dächern pfiffen, ist nun definitiv: YB-Verteidiger und Schweizer Nationalspieler Kevin Mbabu spielt ab nächster Saison in der Bundesliga. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Naturwunder in der Wohnung
Mamablog Warum tragen Männer keine Stöckelschuhe?

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...