«Ich habe gelernt, mich durchzubeissen»

Vor dem Bundesliga-Start spricht Wolfsburgs Admir Mehmedi über den Abstecher in die Ukraine, den Umgang mit Geld und Ratschläge des Vaters.

Bloss wegen des Geldes würde er nicht zu einem Club gehen, sagt Admir Mehmedi. Foto: Darius Simka (Imago)

Bloss wegen des Geldes würde er nicht zu einem Club gehen, sagt Admir Mehmedi. Foto: Darius Simka (Imago)

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Admir Mehmedi glaubte seinen Eltern nicht so richtig. «Admir, das gibt Muskelkater», warnten sie ihn, bevor er letzte Woche bei seinem Umzug in Wolfsburg Kartonschachteln herumtrug. Sie bekamen recht.

Mehmedi hat sich vom kleinen Malheur wieder erholt. Er ist bereit, wenn er mit dem VfL Wolfsburg am Samstag gegen Aufsteiger Köln in die Saison startet. Seit sechs Jahren ist der 28-Jährige nun in der Bundesliga, nach Freiburg und Leverkusen ist Wolfsburg seine dritte Station. Er fühlt sich sehr wohl in der unscheinbaren Stadt. «Hier habe ich meine Ruhe», sagt er.

Wieso ist die Bundesliga für Sie so reizvoll?
Sie ist spannend, sie ist nahe an der Schweiz. Und sie macht Spass, richtig Spass.

Ist sie auch die beste Liga?
Darüber kann man sich streiten. Wir Deutschschweizer schauen ohnehin am meisten Bundesliga. Natürlich sagen andere: Ah, die Premier League, mit diesem Geld, mit diesen Spielern! Aber wenn ich mir da einmal ein Spiel anschaue, denke ich: Puuuh, da hast du aber schön viel Raum. In der Bundesliga ist die Taktik ausgeprägter, darum kommt es nicht von ungefähr, dass jeder gegen jeden gewinnen kann.

Ja?
Gut, von der Individualität her ist die englische Liga besser. Aber vom Taktischen und von der Laufbereitschaft her ist die Bundesliga brutal hart.

Die englischen Clubs räumten letzte Saison international alles ab, das zeigt doch, dass sie den deutschen überlegen sind.
Wie oft war das in den letzten fünf, sechs Jahren der Fall? Auch da gaben die Engländer Geld aus und schnitten in der Champions League und in der Europa League schlecht ab. Das war jetzt eben eine Saison, in der andere schwächelten. Das wird sich wieder relativieren.

Derzeit geben in der Bundesliga zwei Clubs den Ton an, Bayern München und Borussia Dortmund. Zumindest ist das die Erwartung. Was denken Sie?
Zwei, drei Mannschaften spielen um die Meisterschaft. Dortmund und Bayern sicherlich, vielleicht auch Leipzig mit Trainer Julian Nagelsmann als neuem Trainer. Um die weiteren internationalen Plätze kämpfen fünf, sechs Mannschaften.

Tut es einer Liga gut, wenn schon jetzt allgemein klar ist, wer um den Titel spielt?
Die Konstellation ist einfach so – aufgrund der Möglichkeiten und der Qualitäten.

Und wer wird Meister?
Ich tippe auf Dortmund. Die Mannschaft ist unglaublich talentiert, sie hat mit Hummels sehr viel Erfahrung gewonnen, sie hat, angefangen bei Reus vorne, eine starke Achse. Wenn man einen Schulz für angeblich 30 Millionen Euro holt, Brandt für die gleiche Summe und Hazard auch für viel Geld, dazu eben Hummels – das ist schon eine Ansage. Zudem ist Lucien Favre ein hervorragender Trainer.

Wo ist Wolfsburg? Im Abstiegskampf oder im Kampf um einen Europacup-Platz?
Ich hoffe nicht im Abstiegskampf, dann hätten wir etwas falsch gemacht. Ich erwarte uns im oberen Drittel, auch wenn es schwierig ist, eine solche Saison zu bestätigen, wie wir sie zuletzt hatten. Es hatte doch niemand etwas von uns erwartet, trotzdem wurden wir dank harter Arbeit Sechster.

«Ich tippe auf Dortmund als Meister. Die Mannschaft ist unglaublich talentiert.»Admir Mehmedi

Wolfsburg hat mit Oliver Glasner vom Linzer ASK einen neuen Trainer. Wie sehr er den LASK in den letzten Jahren geprägt hatte, erlebte Basel.
Ich habe sogar eine Wette gegen einen Kollegen verloren. Ich hatte für das Hinspiel gesagt: Linz hat keine Chance gegen Basel. Aber Linz zeigte, wie unangenehm Mannschaften sein können, wenn sie kompakt stehen und blitzschnell umschalten. Wir wollen auch unangenehm werden für jeden Gegner, wir wollen das verinnerlichen, was der Trainer uns vorgibt. Sein Fussball ist sehr, sehr laufintensiv, und er ist sehr offensiv ausgerichtet. Er ist von seinem Plan komplett überzeugt.

Worum ging es in Ihrer Wette?
Ich sagte, dass Basel mit zwei Toren Unterschied gewinnt. Das ist nicht ganz eingetroffen . . . Jetzt muss ich ein Essen zahlen.

Wieso ist Wolfsburg für Sie der ideale Club?
Ich fühle mich total wohl. Ich habe meine Ruhe.

Kein Nachtleben?
Nein, nein, ich habe Familie. Diese Zeiten sind vorbei. (lacht) Natürlich muss man abwarten, wie sich das jetzt mit dem neuen Trainer entwickelt. Gerade im Fussball kann es schnell gehen.

Aber sind Sie mit 28 Jahren noch laufstark genug, um die Anforderungen von Glasner zu erfüllen?
28 ist doch kein Alter, oder? Wenn ich 35 wäre, würde ich mir jetzt Sorgen machen.

Mit 20, Anfang 2012, verliessen Sie den FC Zürich und unterschrieben bei Dynamo Kiew einen Vertrag über viereinhalb Jahre. Würden Sie diesen Schritt heute noch einmal machen?
Damals passte die Konstellation. Und eines habe ich gelernt: Es bringt nichts, etwas zu bereuen, weil es ohnehin nicht rückgängig zu machen ist. Jeder Wechsel hat seine Vor- und Nachteile. Es war in Kiew nicht alles schlecht, aber halt etwas chaotisch. Ich hatte in den anderthalb Saisons drei Trainer. Das Ganze entwickelte sich für mich nicht in die gewünschte Richtung. Und trotzdem erreichte ich mein Ziel.

Nämlich?
Den Sprung in die Bundesliga. Ich wollte das unbedingt, musste aber den Umweg gehen, weil es mit 20 die direkte Möglichkeit dazu noch nicht gab.

Bei Dynamo Kiew verdienten Sie auf einmal richtig gut. Wie gelang es Ihnen, trotzdem klaren Kopf zu bewahren?
Ich habe das Glück, dass ich in ein sehr stabiles Umfeld eingebettet bin. Meine Eltern lehrten mich, wie man mit Geld umgeht. Ich habe einen schönen Lohn erhalten, ja, aber ich habe deswegen das Geld nie aus dem Fenster geschmissen.

«Mein Vater sagte: ‹Du wirst sehen, es wird sich alles um das Kind drehen.› Und es ist so.»Admir Mehmedi

Raten Sie heute jüngeren Kollegen, vernünftig mit Geld umzugehen?
Auf jeden Fall. Der Fussballer lebt eigentlich in einer anderen Welt.

Weil er sich alles leisten kann?
Genau. Wir bewegen uns in finanziellen Dimensionen, die für normale Bürger undenkbar sind. Aber wenn das Umfeld nicht stabil ist, wenn man Leute um sich herum hat, die keinen positiven Einfluss haben, kann das zu einem Problem führen. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Spieler nach dem Ende ihrer Karriere in Schwierigkeiten geraten.

Ihr Bruder ist Buschauffeur in Winterthur …
… ja ...

… und das hilft Ihnen, die Relationen nicht zu verlieren?
Definitiv. Dieses Denken, geerdet zu bleiben, sorgsam zu sein, wurde mir sehr früh mitgegeben. Mein Vater macht mich gelegentlich auch heute noch darauf aufmerksam, diese Haltung zu bewahren. Als Junge dachte ich manchmal: Ja, ja, diese Ratschläge … Aber ich habe sie trotzdem alle gespeichert und weiss heute: Mein Vater hatte recht.

Wann hat er Ihnen letztmals einen Rat erteilt?
Das kommt immer wieder vor. Aber ich erinnere mich an die Worte, die er mir sagte, bevor ich das erste Mal Vater wurde: «Admir, du wirst sehen, dein Leben wird sich komplett ändern, es wird sich alles nur um das Kind drehen.» Es ist tatsächlich so.

Und Sie stossen mit Freuden den Kinderwagen?
Ja!

Welchen Luxus gönnen Sie sich?
Ich habe einen Luxus, den man sich nicht kaufen kann: Gesundheit. Und: Ich habe zwei gesunde Kinder, eine intakte Familie. Natürlich gönnt man sich auch einmal etwas, das ein paar Franken mehr kostet. Aber es soll sich alles im Rahmen halten.

Im Weltfussball werden die Ablösesummen immer irrsinniger. Stört Sie das? Oder sagen Sie sich, dass es einfach normal geworden ist?
Leider ist es der Trend. Die Zahlen sind unfassbar. Man muss sich das einmal vorstellen: Neymars Wechsel von Barcelona zu Paris St-Germain für 222 Millionen Euro . . . Ich finde es sehr übertrieben und denke, dass irgendwann das Limit erreicht ist.

«Ich habe einen Luxus, den man sich nicht kaufen kann: Gesundheit und eine intakte Familie.»Admir Mehmedi

Sie kosteten Wolfsburg 10 Millionen Euro, als Sie von Leverkusen kamen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie für 20 Millionen irgendwohin transferiert werden?
In diesem Geschäft lässt sich so etwas nicht vorhersagen. Allein mit einem Trainerwechsel kann sich eine Situation sehr schnell ändern.

Sie sind seit bald acht Jahren im Ausland. Haben Sie aus Ihrem Talent das Maximum herausgeholt?
Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe. Als Bub schaute ich alles, was im Fernsehen über die Bundesliga berichtet wurde. Ich war fasziniert von dieser Liga, und jetzt bin ich ein Teil davon. Der Mensch möchte immer noch mehr, aber irgendwann muss man sich auch mit etwas begnügen können. Wenn ich meinen Weg mit dem anderer vergleiche, mit denen ich im Nachwuchs beim FCZ zusammenspielte, darf ich sagen: Doch, meine Karriere ist bis jetzt gut. Es hat nicht jeder das Privileg, in der Bundesliga zu sein, dazu bei einem guten Club wie Wolfsburg. Und es kann auch nicht jeder von sich behaupten, um die 60 Länderspiele bestritten zu haben.

Was haben Sie im Ausland vor allem gelernt?
Mich durchzubeissen. Ein Schweizer hat in Deutschland nicht dasselbe Standing wie andere. Er ist eher eine kleine Nummer. Es gibt einige Beispiele von Schweizern, die nach ein, zwei, drei Jahren wieder weg waren. Sich so lange in der Bundesliga zu halten, wie ich das geschafft habe, das ist nicht so einfach. Das braucht schon ein gewisses Durch­setzungsvermögen und die Bereitschaft zu kämpfen.

Woher kommt das bei Ihnen?
Auch das habe ich von meinem Vater. Er war immer ein unheimlich fleissiger Arbeiter. Irgendwann zahlt sich das aus.

Es gab aber eine Zeit, in der Sie glaubten, allein von Ihrem Talent leben zu können.
Ja, aber diese Phase war zum Glück von begrenzter Dauer. Ich habe gemerkt, dass es mehr braucht.

Wollen Sie Ihre Karriere in Wolfsburg beenden? Oder spielen Sie doch noch einmal für den FC Winterthur?
«Winti» würde mich auf jeden Fall reizen. Da habe ich noch nie in der 1. Mannschaft gespielt, obwohl ich aus der Stadt komme.

Und zwischen Wolfsburg und Winterthur?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Zu hundert Prozent werde ich vor meiner Rückkehr in die Schweiz nur noch für Wolfsburg spielen. Auch wenn es ein Wunschszenario ist.

Wenn Ihnen ein englischer Club 100 000 Pfund pro Woche offeriert, dürften Sie möglicherweise ins Grübeln kommen.
Ich glaube nicht, dass ich bloss wegen des Geldes irgendwohin wechseln würde. Meine Familie muss sich auch wohlfühlen. In Wolfsburg ist das der Fall.

Erstellt: 16.08.2019, 17:51 Uhr

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