«Ich habe schon Wunder vollbracht»

Angelo Renzetti, Präsident des FC Lugano, ist amtsmüde. Der 65-Jährige über Verkaufspläne und Parallelen zu Christian Constantin.

Er kann schimpfen – und gleichzeitig gerührt sein, wenn er von den Spielern spricht: Angelo Renzetti im Garten der Villa Sassa.

Er kann schimpfen – und gleichzeitig gerührt sein, wenn er von den Spielern spricht: Angelo Renzetti im Garten der Villa Sassa. Bild: Claudio Bader

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Sie sagten einmal, dass Sie anhand Ihres Gewichts sehen, wie es dem FC Lugano geht.
Wenn meine Waage 100 Kilo anzeigt, geht es dem Club gut, bei 120 schlecht.

Wie viele Kilos sind es aktuell?
123! (lacht laut)

Das tönt fast alarmierend. Was läuft schief?
Vermutlich sind es Auswirkungen einer persönlichen Krise. Ich habe mehr Lust auf etwas Neues als auf Fussball. Ja, ich möchte mich mehr meiner Familie widmen, Spaziergänge machen, Freiheiten haben. Fast zehn Jahre als Präsident sind eine lange Zeit. Und so, wie ich das mache, raubt das viel Energie, körperlich wie geistig. Ich habe noch nie ein Spiel in der Meisterschaft oder im Cup verpasst und schaue genau hin. Natürlich auch, weil ich als Clubbesitzer die Risiken trage.

Könnten Sie nicht Verantwortung delegieren und Präsident bleiben?
Der Fussball ist geprägt von Egoismus. Viele, die in diesem Geschäft dabei sind, drängen in den Mittelpunkt, befehlen ...

... das tun Sie doch auch.
Ja, aber ich garantiere 80 Angestellten den Lohn, halte immer den Kopf hin und investiere meine Zeit. Ich zahle, alle anderen kassieren, die Trainer, die Spieler. Selbst die Schiedsrichter erhalten einen Lohn. Es gibt Clubs, die von Firmen subventioniert werden, aber in Lugano ist das nicht denkbar. Ich bin ein wenig wie ein weisser Rabe, ich habe ein spezielles Verhältnis zum Geld: Ich stecke es lieber in den Fussball, als es auf der Bank zu lassen. Existenzängste plagen mich deswegen keine.

«Ich bin ein wenig wie ein weisser Rabe.»Angelo Renzetti

Wie viel eigenes Geld haben Sie in den FC Lugano gesteckt?
Viel Wie viel konkret, das behalte ich lieber für mich. Aber ich habe nicht nur finanzielle Mittel gegeben, sondern auch viel Herzblut vergossen. Vielleicht bin ich nicht immer organisiert oder politisch korrekt, dafür sind Empathie, Leidenschaft und Herz stets dabei. Ich habe auch keine Angst, meine Schwächen zu zeigen. Das kommt bei den Leuten gut an.

Sie sagen von sich, ein Mann der Taten zu sein, nicht der Vernunft.
Es ist ja nicht so, dass ich nicht strategisch denke und nie überlege. Aber handeln und etwas umsetzen, das sagt mir mehr zu. Eine Herausforderung annehmen, kämpfen, vielleicht hinfallen, stets wieder aufstehen und weitermachen - das trieb mich immer an.

Wann geben Sie Ihr Amt ab?
Wenn ich einen Nachfolger gefunden habe. Idealerweise im Dezember, sonst im nächsten Sommer.

Und wenn Sie niemanden finden?
Das Budget müsste gesenkt werden. Die erste Mannschaft dürfte nicht mehr zwölf Millionen Franken pro Jahr kosten. Aber wissen Sie, ich bin zwar Italiener, aber seit meinem sechsten Lebensjahr im Tessin, der Club bedeutet mir viel. So etwas schmeisst man nicht einfach gedankenlos weg. Der Verkauf soll so durchdacht sein, dass es danach weitergeht. Ich sehe das als eine meiner letzten Pflichten an. Es gibt etwas, das ich überhaupt nicht verstehe.

Nämlich?
Wieso nie ein italienischer Grossclub wie Milan, Inter oder Juventus Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns zeigt. Die Distanz wäre kurz, wir reden die gleiche Sprache, die Schweizer gelten als arbeitsam und seriös, es gäbe Synergien, von denen alle profitieren könnten - und es müssten nicht Unsummen Geld fliessen. Juventus gibt jährlich zehn Millionen Euro für die U-23 in der Serie C aus. Wenn die Turiner uns zwei, drei Millionen gäben, würden sie grösseren Profit schlagen: Wir könnten ihre Talente ausbilden, ihnen unsere Arbeitseinstellung vermitteln, sie kämen in der Super League zum Einsatz und könnten sich international präsentieren.

Sind Sie desillusioniert?
Nein, das nicht. Ich bin jetzt 65 und ging deutlich mehr Wagnisse ein als der Durchschnitt. Mehr kann ich nicht machen. Ich habe schon Wunder vollbracht. Warum sollte ich weitermachen? Es wäre dumm. Mit einem anderen Projekt, mit starken Partnern oder einer Zusammenarbeit mit einem dieser Teams hätte ich unendlichen Enthusiasmus - ich würde die Welt erobern! Aber mit den heutigen Möglichkeiten haben wir das Maximum bereits überstiegen.

«Was uns im Fussball fehlt, ist ein angemessenes Stadion.»Angelo Renzetti

Und in Lugano kommt erschwerend hinzu, dass der Fussball vom Eishockey konkurrenziert wird.
Das macht mir überhaupt keine Angst, und ich glaube auch nicht, dass wir deswegen Zuschauer verlieren. Für mich ist klar: Die Leute sind da, wenn der Erfolg da ist, sie wollen sich nicht aufregen im Stadion, sie identifizieren sich nicht mit Verlierern, sondern möchten Siege und Sieger sehen. Im Hockey ist das nicht anders. Was uns im Fussball fehlt, ist ein angemessenes Stadion. Das können wir derzeit nicht bieten. Wir dürfen ja nicht einmal in der Europa League bei uns spielen, sondern müssen nach St. Gallen. Das ist doch lächerlich.

Ist ein neues Stadion wirklich so etwas wie ein Heilsbringer?
Es wäre ein kräftiges Signal, das seit vielen Jahren fehlt, es würde den Standort Lugano stärken. Und es würde ganz neue Möglichkeiten eröffnen, gerade im Bereich Hospitality. Wir sind in einer Randregion daheim, ohne Einzugsgebiet wie Zürich oder Bern. Die Alpen sind wie eine Mauer vor uns, dahinter kommt Italien.

Angelo Renzetti im Stadion Cornaredo, das 1951 erbaut wurde und 6390 Zuschauer fasst. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Das erinnert an den FC Sion. Und der Präsident dort erinnert an Sie: Auch Christian Constantin ist Clubeigentümer, ehemaliger Goalie und besitzt ein Architekturbüro.
Was die Leitung des Clubs angeht, sind wir zwei gleich und die einzigen dieser Art in der Schweiz. Charakterlich unterscheiden wir uns wohl schon stark.

Aber Sie scheuen sich wie Constantin nicht davor, öffentlich Kritik zu üben.
Den Fans gefällt es, wenn man die Sachen klar anspricht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich kritisiere nicht aus Prinzip oder um Lob von aussen zu erhalten. Aber ich kann doch nicht Dinge beschönigen. Sonst sagen genau diese Fans: Was erzählt er da für Unsinn? Fussball ist ein Sport, in dem man sich manchmal auch wehtun und nicht immer politisch korrekt sein muss, Emotionen gehören dazu. Sonst sollten wir Monopoly spielen. Aber so oft kam es nicht mehr vor, dass ich kritisierte.

Wann zuletzt?
Gegen Luzern. In der ersten Hälfte waren wir so schlecht. Auf dem Weg in die Kabine sagte ich einem Spieler alles, was ich gerade dachte. Dann flossen ein paar Tränen. Es tat mir leid. Nur denke ich in solchen Momenten eben auch an mögliche Folgen. Tatsächlich kamen im nächsten Spiel viel weniger Zuschauer ins Stadion. Aber ich glaube nicht, dass sie mir böse sind. Sie mögen mich und wissen: Ich sorge dafür, dass sie ihren Lohn immer bekommen, und ich verteidige sie ja auch oft.

Sind Sie auch Fan?
Das muss ich sein! Sonst könnte ich nicht Präsident sein.

Was Sie auch mit Constantin verbindet: Sie wechseln die Trainer regelmässig aus. Fabio Celestini ist der 14. im Amt, seit Sie Präsident sind.
Ach ja? Das wusste ich gar nicht. Aber für alles gibt es eine Erklärung. Zdenek Zeman zum Beispiel ging freiwillig, Paolo Tramezzani ebenso, ein paar andere auch Okay, es gab welche, mit denen es aus unterschiedlichen Gründen nicht weitergehen konnte.

Welche Eigenschaft muss ein Trainer für Sie zwingend haben?
Neben aller Fachkompetenz vor allem eines: Empathie.

Wer war der beste Trainer in Ihrer Ära?
Ich kann nicht einen Namen nennen, aber ein Mix aus Zeman und Fabio Celestini wäre ideal.

Angelo Renzetti feiert mit Trainer Fabio Celestini am 25. Mai 2019 die direkte Qualifikation für die Europa League. (Bild: Keystone/Samuel Golay)

Wieso?
Bei Zeman wusste jeder Spieler haargenau, was er zu tun hatte. Die Mannschaft damals war schlecht, trotzdem erreichten wir den Cupfinal und stiegen nicht ab. Wenn er ein Kader gehabt hätte, wie wir es später besassen, hätte Lugano Aussergewöhnliches erreichen können. Aber er redete nie mit den Spielern, er sagte überhaupt nur etwa alle fünf Minuten ein Wort. Celestini hingegen ist ein Trainer, der auf die Spieler eingeht. Das ist heute notwendig.

«Mir ist das Zwischenmenschliche am wichtigsten.»Angelo Renzetti

Mischen Sie sich in die Arbeit des Trainers ein?
Nein, das ist eine Frage des Respekts. Was ich aber mache: Ich rede mit dem Trainer über Spieler. Kürzlich bot ich Fabio Celestini hier in die Villa Sassa auf, und wir gingen beim Essen jeden einzelnen Spieler durch. Ich sagte meine Meinung, wollte seine Meinung hören. Wissen Sie was? Wir waren uns fast zu hundert Prozent einig.

Sind Sie als Unternehmer ähnlich emotional wie als Fussballpräsident?
Ja. Ich bin da genau gleich. Die Angestellten können damit umgehen: Ich habe welche, die seit 14, 17 oder 21 Jahren mit mir zusammenarbeiten, darauf bin ich stolz. Sie kommen auch ins Stadion und machen sich Sorgen, wenn sie mich nicht sehen. Mir ist das Zwischenmenschliche am wichtigsten. Es gibt Spieler, die für mich wie eigene Söhne sind, Mattia Bottani zum Beispiel. Oder Jonathan Sabbatini. Wenn ich von ihm rede, werde ich emotional. Vor sieben Jahren haben wir ihn aus Chieti geholt, aus der Serie D! Schauen Sie nur, welchen Weg er gemacht hat! Jetzt ist er Captain bei uns! (seine Stimme bricht)


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 20.10.2019, 13:33 Uhr

Angelo Renzetti

Angelo Renzetti (65), Italiener aus Pescara, lebt seit fast 60 Jahren im Tessin. Hier studierte er, hier gründete er ein Architekturbüro, in dem 15 Angestellte beschäftigt werden. Das Unternehmen hat der frühere 1.-Liga-Goalie seinem Sohn übergeben. Seit September 2010 ist Renzetti Präsident des FC Lugano, hat einen Wohnsitz in Minusio, lebt aber vorwiegend in Lugano – im Hotel Villa Sassa. Wieso? «Weil sich mein Leben in Lugano abspielt, die Arbeit, der Fussball. Und im Hotel profitiere ich vom Service wie jeder Gast, ich muss mich um nichts kümmern.»

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