«Ich hatte sehr viele Schutzengel»

Wanja Greuel hat seine Arbeit am Montag wieder aufgenommen. Der YB-CEO spricht über seinen schweren Unfall und die gute Saison der Young Boys.

Wie durch ein Wunder nicht gröber verletzt – und bereits zurück im Dienst: YB-CEO Wanja Greuel.

Wie durch ein Wunder nicht gröber verletzt – und bereits zurück im Dienst: YB-CEO Wanja Greuel. Bild: Adrian Moser

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Interviews beginnen normalerweise nicht so. Aber in Ihrem Fall ist es keine Floskel: Wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut, fantastisch sogar. Ich bin seit Montag wieder im Büro. Aber mir ist bewusst, dass ich riesengrosses Glück gehabt habe. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie sind Ihre Erinnerungen an den Unfall in der Nacht von Samstag auf Sonntag am 19. Oktober?
Ich habe für ein paar Stunden eine Amnesie. Ich weiss nur noch, wie wir im Stade de Suisse nach dem Spiel von YB gegen Xamax zu viert in ein Taxi stiegen und dann unterhalb des Bollwerks in der Innenstadt ausstiegen. Und das nächste, woran ich mich erinnere, ist das Aufwachen im Spital am Sonntagmorgen.

Sie wurden beim Überqueren der Strasse von der Schützenmatte her Richtung Innenstadt von einem Auto angefahren und mitgerissen…
… ja, es gab einige Zeugen, und mittlerweile weiss ich auch ziemlich genau, wie es ablief. Wir wollten über die Strasse und sahen ein Auto, das nicht so schnell fuhr, hatten also genügend Zeit. Aus unserem toten Winkel muss dann ein zweites Auto die Fahrbahn gewechselt und das andere Fahrzeug überholt haben. Ein anderer YB-Mitarbeiter wurde nur leicht touchiert, aber mich hat es voll erwischt.

Es hiess in einigen Medien, sie seien 60 bis 80 Meter durch die Luft gewirbelt worden.
Das ist völlig übertrieben. Ich wurde voll erwischt, das schon, und lag irgendwann am Boden. Ich hatte sehr viele Schutzengel.

Zum Beispiel zwei Ärzte, die den Unfall zufällig beobachtet hatten und sofort die notwendigen Erste-Hilfe-Aktionen in die Wege leiteten. Sie sollen sehr viel Blut verloren haben.
Genau, das war natürlich enormes Glück, das weiss ich. Ich wurde auch danach im Inselspital auf der Überwachungsstation perfekt behandelt. Mir ist klar, dass die Sache ganz anders hätte ausgehen können.

Wir nehmen an, dass Sie um 1.45 Uhr eher nicht den Fussgängerstreifen benutzt haben und schon ein paar Stunden unterwegs waren.
(schmunzelt) Ja, es hat sich wieder einmal gezeigt, dass es nicht immer sinnvoll ist, ungeduldig zu sein und etwas möglichst schnell zu tun. Alkohol hat nicht zum Unfall geführt. Ich war zu wenig vorsichtig.

Und der Autofahrer soll zu schnell gefahren sein.
Das weiss ich nicht aus offiziellen Quellen. Ich kann auch nichts dazu sagen. Und es spielt auch keine Rolle, weil ich niemandem anderes die Schuld an meinem Unfall geben will. Es tut mir für alle leid, was passiert ist.

Sie erlitten ein Schädel-Hirn-Trauma, aber blieben von schwereren Verletzungen verschont. Waren Sie in Lebensgefahr?
Davon gehe ich aus. Aber ich habe tatsächlich keine groben Blessuren erlitten. Es gab Operationen an der Stirn und am Ellenbogen, zwei Zähne wurden in Mitleidenschaft gezogen. An der Stirn habe ich eine kleine Narbe, aber es geht mir wirklich gut. Knochenbrüche habe ich zum Glück noch nie gehabt, das war auch diesmal so. Und in drei Wochen darf ich schon wieder Fussball spielen, das Knie benötigt aber vorerst noch ein wenig Ruhe.

Hatten Sie bereits Kontakt mit den zwei Ärzten, die Sie auf der Strasse behandelten, und dem Autofahrer?
Nein, aber ich werde mich ganz bestimmt bei den Ärzten bedanken. Im Übrigen hat es mich sehr gefreut, wie viele Leute mir geschrieben oder kleine Geschenke geschickt haben.

Sie sind ein erfolgreicher und ehrgeiziger Mensch, der ab und zu auf der Überholspur unterwegs ist. Betrachten Sie Ihren Unfall auch als eine Art Zeichen, es teilweise etwas ruhiger angehen zu lassen?
Nein, das würde ich so nicht sagen. Wie gesagt: Es schadet tatsächlich nicht, manchmal etwas geduldiger zu sein. Und ich habe nun am eigenen Leib erlebt, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Aber ich war schon vorher ein Mensch, der reflektiert hat, es war mir immer wichtig, eine gute Balance zwischen Job und Freizeit zu haben. Anfang Jahr war ich ja ein paar Wochen in Neuseeland und Australien. Solche Dinge sind wichtig, damit der Stress nicht zu gross wird.

Wie lange blieben Sie im Spital?
Sieben Tage. Ich sah die Siege von YB gegen Feyenoord Rotterdam und Thun am TV. Letzte Woche war ich schon wieder zu Hause. Und es war schön, siegten wir auch im Cup gegen Zürich. Zudem gewann Kaiserslautern, mein Lieblingsteam in Deutschland, im Pokal überraschend gegen Nürnberg nach Elfmeterschiessen.

YB läuft es trotz dem 0:3 am Sonntag bei Aufsteiger Servette erneut glänzend. Hätten Sie gedacht, dass 2019 wie 2018 derart erfolgreich werden wird?
Ich schaue es nach Saisons an. Und es sieht so aus, als ob wir auch in dieser Saison unsere hohen Ziele erreichen können. Ich bin sehr beeindruckt, wie unsere Mannschaft mit all den Rückschlägen umgeht. Wir hatten einen grossen personellen Umbruch im Sommer und haben nun seit Monaten derart viele verletzten Spieler. Und trotzdem sind wir in allen drei Wettbewerben erfreulich unterwegs.

Das Interview von Fredy Bickel in dieser Zeitung vor ein paar Wochen sorgte bei YB für riesigen Ärger. Auch Sie wurden vom früheren Sportchef scharf kritisiert.
Ich möchte dazu nichts mehr sagen.

Die Arbeit geht weiter. Sind Sie denn nicht noch krankgeschrieben?
Ich fühle mich gut und habe von den Ärzten grünes Licht erhalten. Ich war zwei Wochen weg, nun freue ich mich auf die Arbeit. Und am Donnerstag werde ich in Rotterdam dabei sein, das wird für YB in der Europa League ein wichtiges und grosses Spiel gegen Feyenoord.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 04.11.2019, 17:57 Uhr

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