«Die Journalisten machen es sich zu einfach»

Warum man mit dem FCZ rechnen muss, obwohl er kaum Tore schiesst. Trainer Ludovic Magnin vor dem Topspiel gegen YB im Interview.

Seit dem 21. Februar Trainer beim FCZ, jetzt Cupsieger und Tabellenzweiter: Ludovic Magnin. Foto: Melanie Duchene

Seit dem 21. Februar Trainer beim FCZ, jetzt Cupsieger und Tabellenzweiter: Ludovic Magnin. Foto: Melanie Duchene Bild: Keystone

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Warum liegen die Young Boys nach zehn Runden elf Punkte vor dem zweitplatzierten FCZ?
Weil sie im Sommer kaum ­Mutationen im Kader hatten und dieses Kader für mich ohnehin das stärkste der Liga ist. Im Normalfall verliert der Schweizer Meister nach dem Titelgewinn seine vier, fünf besten Spieler an ausländische Clubs. Aber ich war sehr überrascht, dass das nicht passierte. Ich fragte mich: Wann wollen diese Spieler wechseln, wenn nicht jetzt?

Und Ihre Antwort?
Die Aussicht, Champions League spielen zu können, half sicher. Und ich nehme an, dass YB klare Preisvorstellungen hatte, aber die Interessenten nicht bereit waren, die geforderten Summen zu bezahlen.

An wen denken Sie konkret?
Mbabu, Fassnacht, Assalé, Sanogo, Sow...

Ist es gut für eine Meisterschaft, wenn der Leader nach so kurzer Zeit so weit voraus ist?
Nein. Das kennt man auch aus Deutschland: Wenn Bayern die Tabelle überlegen anführt, ist schnell von Langeweile die Rede. Aber den Erfolg dieser Clubs muss man anerkennen. Und gleichzeitig selbst noch mehr in die tägliche Arbeit investieren, um den Abstand zu verkürzen.

FCZ gegen YB ist Zweiter gegen Erster. Ist das nun ein Spitzenkampf? Oder eben doch nicht, weil der Rückstand des FCZ so gross ist?
Für mich ist es ein Spitzenkampf. Und wir haben in der jüngeren Vergangenheit den Beweis erbracht, dass wir YB bezwingen können. Aber wir sind gewarnt. Wir haben beim 0:4 in Bern am Anfang der Saison gesehen, dass der Ball schnell im Tor liegen kann, wenn nicht alles passt. Wir bekamen aufgezeigt, dass der Gegner uns doch weiter voraus ist, als wir glaubten.


Video: YB lässt dem FCZ keine Chance

Der Meister bezwingt die Zürcher im ersten Spitzenspiel der Saison gleich mit 4:0. Video: Tamedia/SRF


Was spricht nun an diesem Samstag für den FCZ?
Vermutlich sagen Aussenstehende: nichts. Aber das ist gut so.

Und was sagen Sie als Trainer?
Für uns spricht die Tatsache, dass wir YB im Cupfinal geschlagen haben. Die Serie mit zuletzt sieben Spielen ohne Niederlage in drei Wettbewerben. Die Konstanz, die wir mittlerweile zeigen. Und die Fähigkeit meiner Mannschaft, sich in grossen Partien zu steigern und ans Limit zu gehen. Wir müssen zwar wieder umstellen, weil unser Captain Victor Palsson ausfällt. Aber ich sagte nicht umsonst: Wir benötigen ein breites Kader.

Nur: Müssen es gleich 32 Spieler sein?
Vielleicht sind 32 ein bisschen zu viel, 26, 28 sind aber schon gut. Wir hätten gerne den einen oder anderen ausgeliehen, aber das klappte nicht. Und Verträge können wir nicht einfach brechen.

Ihr Vorgänger Uli Forte hat neulich in einem Talk gesagt: «Die Kaderzusammenstellung beim FC Zürich ist von den Positionen her katastrophal.» Im Mittelfeld werden 18 Spieler geführt, im Angriff nur 2. Was entgegnen Sie Forte?
Ich kommentiere nicht, wie andere Leute über unser Kader denken. Ich bin zufrieden mit der Arbeit, die im Sommer auf dem Transfermarkt geleistet wurde. Die Zahlen, die Sie genannt haben, sind für mich nebensächlich. Wenn ich zehn Mittelfeldspieler habe und die Möglichkeit erhalte, einen elften zu holen, der gut ist, dann mache ich das. Wir haben eine gute Mannschaft für die Super League und können zudem international bestehen. Ausserdem frage ich mich: Muss einer ein Mittelfeldspieler sein, nur weil er auf einer Liste als Mittelfeldspieler geführt wird?

Der FCZ führt diese Einteilung auf seiner Website.
Irgendwie müssen die Spieler gruppiert werden. Aber ich frage mich: Ist ein Rodriguez, ist ein Kololli ein Mittelfeldspieler? Was ist mit Schönbächler? Aber okay, es darf jeder sagen, was er denkt, es herrscht bei uns Meinungsfreiheit. Die Hauptsache ist sowieso, dass wir beim FCZ unserer Linie treu bleiben.

Vermissen Sie Michael Frey oder Raphael Dwamena?
Ach... Derzeit ist das dominante Thema das: Wir schiessen zu wenig Tore. Darum wird diese Frage häufig gestellt. Aber ich bin überzeugt, dass in ein paar ­Monaten jeder sehen wird, dass wir richtig gehandelt haben. Wir haben zwei gute Spieler verloren, ja, aber auch nicht mehr.

Der FCZ hat in zehn Runden zehn Tore erzielt und zehn erhalten. Was sagt Ihnen das?
Wir haben das drittbeste Tor­verhältnis der Super League. Nur drei Mannschaften haben keine negative Bilanz.

Dieses 10:10 lässt sich sowohl positiv als auch negativ sehen.
Definitiv! Mir gefällt die zweite Zehn, die Anzahl Gegentore. Vier davon gab es gegen YB, bleiben also sechs aus allen anderen ­Partien. Und die zwei Europa-League-Spiele gewannen wir zu null. Wir arbeiten sehr gut gegen den Ball. Die andere Zehn ist ­natürlich weniger gut, die Offensive funktioniert noch nicht so, wie ich mir das wünsche. Aber das Problem ist erklärbar.

Ja?
Wir mussten die Offensivabteilung neu aufbauen, und das erfordert Zeit. Wer sind die Mannschaften, die kaum Mühe bekunden mit dem Toreschiessen? Jene, die keine Wechsel hatten, YB, auch Thun. Was mir Zuversicht gibt, sind die letzten ­Spiele, in denen wir vermehrt zu Chancen kamen und den Sieg verdient hätten. Abgesehen davon: Wer hätte mir garantiert, dass Frey oder Dwamena je 15 Tore gemacht hätten?

Lässt sich aus dem 10:10 ablesen, wofür der FCZ steht? Ist er solid? Sachlich? Langweilig?
Für mich machen es sich die Journalisten zu einfach. In der letzten Saison gewannen wir 4:0 gegen St. Gallen oder spielten 3:3 gegen Sion, wir boten Spektakel – und gleichzeitig musste ich ­lesen, ich hole zu wenig Punkte. Jetzt sammeln wir mit wenigen Chancen viele Punkte, und es wird bemängelt, dass es an Unterhaltung mangelt. Natürlich ist es unser Anspruch, attraktiver zu spielen...

...eben...
... ja, ich möchte schon mehr Kreativität sehen, die dafür sorgt, dass die Zuschauer von ihren Sitzen hochspringen. Um auf Ihre Kritik zurückzukommen: Sie haben ja nicht unrecht. Ich kann Sie doch nicht anlügen und behaupten: Was wir offensiv zeigen, ist überragend. Aber ich bin überzeugt, dass wir die Substanz besitzen, um häufiger zu treffen.

Viel weniger ist auch schwierig.
Stimmt. Und ich biete Ihnen eine Wette an.

Was für eine?
Wenn wir weiter so wenig treffen, setze ich Sie am letzten Spieltag im Sturm ein (lacht laut). Kritik ist doch normal. Aber was ich noch sagen will: Im Vergleich zu anderen Clubs haben wir nicht so gravierende Sorgen. Wir haben nicht so viele Baustellen, wie es Ihre Zeitung kürzlich weismachen wollte. Die Mannschaft hat zum Beispiel eine ­ brutal gute Mentalität.

Darf eine gute Mentalität nicht vorausgesetzt werden?
Ich bin in meiner Karriere vielen Spielern begegnet, die grosse ­Fähigkeiten hatten, aber viel zu schnell zufrieden waren. Wenn Sie unser Training beobachten, werden Sie feststellen, dass wir sehr hart arbeiten.

Ist die geringe Anzahl ­Gegentreffer auch ein Abbild eines Trainers, der früher selber Verteidiger war?
Überhaupt nicht – weil ich im ­Juniorenbereich viele Tore erzielte. Sie ist für mich vielmehr ein Beleg für die defensive Stabilität, die auch deswegen gewährleistet ist, weil wir nur ein, zwei Spieler neu dazubekamen. Die Automatismen müssen nicht neu einstudiert werden.

Beim FCZ gehört es dazu, dass er mit seinen Spielern auch Geld machen will und sie ­darum verkauft.
Wenn wir Meister werden und in der Champions League dabei sind, lässt sich der eine oder andere Abgang verhindern. Anderseits ist es finanziell von Bedeutung, dass wir pro Saison ein, zwei Spieler verkaufen können. Die Kunst besteht darin, den richtigen Zeitpunkt für solche Transfers zu finden.

Sie sind seit Februar erstmals Trainer in der Super League. Was haben Sie seither vor allem gelernt?
Ich kam aus dem Juniorenbereich. Da ist es möglich, Kompromisse einzugehen. Aber das geht bei den Profis nicht. Und wenn ich schon im Februar mit dem FCZ in der Europa League gespielt hätte, wäre unser Auftreten wohl ein anderes gewesen.

Euphorischer?
Wahrscheinlich schon. Aber ich habe gelernt, dass das nicht immer den Erfolg bringt. Und ich habe gelernt, mich durchzu­setzen.

Gegen wen?
Es gab am Anfang Leute, die ­gezweifelt haben. Ist Magnin Super-League-tauglich? Kann er mit Profis umgehen? Funktionieren seine Methoden auf diesem Niveau?

Spüren Sie jetzt Genugtuung?
Ich brauche keine Genugtuung, ich wollte auch niemandem etwas beweisen. Ich bin heute nicht anders als zu meiner Zeit als Spieler. Ich investiere immens viel in diesen Job, ohne zu wissen, ob alles aufgeht oder nicht. Aber ich muss mir nicht vorwerfen, zu wenig getan zu haben.

Welches war die grösste Freude für Sie seit Februar?
Der Cupsieg gegen YB im Mai. Er war ein Highlight, mit dem ich den Leuten, die mir das Vertrauen geschenkt hatten, etwas zurückgeben konnte.


Video: So feierte der FCZ seinen Cupsieg

Die Cupsieger-Party mit Spieler und Fans. Video: Fabian Sanginés


War das so etwas wie eine bestandene Eintrittsprüfung auf Profistufe?
Ich spüre seither sicher eine ­höhere Anerkennung. Es wird weniger hinterfragt, ob ich in meinem Alter schon bereit bin für diese Aufgabe. Aber ich will mich nicht zu lange an diesem Titel aufhalten, weil es schon die nächsten gibt, die man gewinnen kann. Ich mag es nicht, wenn Sportler Genügsamkeit zeigen. Ich will mehr erreichen, Grosses.

Das Grösste, das Sie mit dem FCZ erreichen können, ist der Meistertitel oder der Sieg in der Europa League.
Eines von beidem wäre nicht schlecht... (lacht laut) Es ist möglich, mit gezielter Arbeit einmal um den Meistertitel mitzuspielen. Bei der Europa League müssen wir realistisch bleiben. Es würde mich sehr überraschen, wenn ich erleben könnte, dass ein Schweizer Club einen europäischen Wettbewerb für sich entscheidet – selbst wenn ich hundert Jahre alt werde. Vergessen wir eines nicht: YB brauchte drei Jahre, um das zu werden, was es heute ist.

Sie galten immer als jemand, der sagte, was er dachte. ­Müssen Sie als Trainer des FCZ nicht manchmal Diplomat sein?
Doch, doch, ein bisschen Diplomat bin ich geworden. Ich will schon Botschaften loswerden, verpacke sie aber nicht mehr immer in Worte, wie ich sie früher gebraucht habe. Ich garniere sie mit ein paar Blumen mehr als sonst... (lacht) Ich bin vorsichtiger geworden, wenn ich mit Leuten zu tun habe, die ich nicht gut kenne. Gleichwohl möchte ich nicht in ein Schema gepresst werden, dass es heisst: Magnin redet wie jeder andere Trainer, er ist ängstlich und mit seinen Worten austauschbar geworden.

Nach YB kommt Leverkusen in der Europa League in den Letzigrund. Wer ist der Favorit? Der FCZ?
Diese Rolle nehmen wir natürlich sehr gerne an. (grinst) Im Ernst: Seit meiner Rückkehr aus Deutschland in die Schweiz rege ich mich darüber auf, dass wir zu schnell zufrieden sind. Als wir mit dem FCZ in der Champions-League-Qualifikation auf den FC Bayern trafen und in der Allianz-Arena das Abschlusstraining bestritten, gab es Spieler, die im Stadion Fotos machten. Da steht es doch schon 2:0 für den Gegner, bevor die Partie überhaupt angepfiffen worden ist! Und wenn ich von einem Spieler lese, mit wem er in der Champions League das Trikot tauschen möchte, nervt mich das extrem.

Ist das Ihre Botschaft an die Spieler für den Match gegen Leverkusen?
Absolut. Wir wissen, dass der wahre Favorit Leverkusen heisst, dass Bayer das bessere Kader hat, mehr Geld. Aber es ist trotzdem möglich, ein positives Resultat zu holen. Ich spielte jahrelang Woche für Woche gegen solche Mannschaften, aber ich war nicht besser als die Spieler, die ich beim FCZ habe. Ich möchte eines nicht: dass wir zu grossen Respekt zeigen oder denken, wie cool das doch ist, gegen Leverkusen spielen zu dürfen. Wenn du dann vier Stück kriegst, ist das nicht mehr so cool.

Erstellt: 19.10.2018, 08:26 Uhr

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