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Ihm gehört die Zukunft

Manuel Akanji ist im Kopf ebenso schnell wie mit den Beinen. Und als Verteidiger für höhere Aufgaben im Nationalteam bereit.

Schwarm der Trainer und Fachleute: Manuel Akanji hat alle Zutaten für eine grosse Karriere.Foto: Dominique Meienberg
Schwarm der Trainer und Fachleute: Manuel Akanji hat alle Zutaten für eine grosse Karriere.Foto: Dominique Meienberg

Auf dem Unterarm steht gross als Tattoo: «Prove them wrong», zeig ihnen, dass sie falschliegen. Auf seinem Instagram-Profil findet sich der Spruch: «Ich versuche es besser als gut zu machen.» Und nicht vergessen hat Manuel Obafemi Akanji, der Sohn eines Nigerianers und einer Schweizerin, was während seiner Basler Zeit auf einem Papier in seinem Garderobekasten stand: «Harte Arbeit schlägt Talent, wenn Talent nicht hart arbeitet.»

23 wird Akanji am 19. Juli, der Junge aus Wiesendangen, dem Dorf bei Winterthur. Er hat es schon recht weit gebracht. Darum sitzt er an diesem Mittwoch auf einer Terrasse in Feusisberg, da sich ein Teil der Nationalmannschaft hierher zur Einstimmung auf die Weltmeisterschaft zurückgezogen hat.

Er wird einer der 23 Spieler sein, die Nationalcoach Vladimir Petkovic mit nach Russland nimmt. Diese Prognose ist nicht gewagt. In der Hierarchie der Innenverteidiger sind Johan Djourou und Fabian Schär zwar noch über ihm, aber Akanji steht bereit, wenn einer von ihnen nicht pässlich ist. Er ist der Spieler, dem die Zukunft gehört.

Die Unbeschwertheit der Jugend

Die schwärmerischen Prognosen begleiten seinen Aufstieg. Georg Heitz, der ihn 2015 zum FC Basel holte, als er da noch Sportchef war, erkennt in ihm den künftigen europäischen Top-Verteidiger. Marco Streller, der Nachfolger von Heitz, sieht Akanji irgendwann bei einem der Top-5-Clubs Europas, einem der Grössenordnung von Akanjis Lieblingsverein Manchester United. Und als in diesen Wochen die Gründe für den verlorenen Meistertitel des FCB analysiert wurden, hiess es gerne: Der Club sei im Winter nicht auf Akanjis Wechsel nach Dortmund vorbereitet gewesen.

«Es ist ein gutes Zeichen für mich, dass ich nicht so leicht zu ersetzen bin», sagt Akanji mit der Unbeschwertheit der Jugend. «Aber am Ende ist es meine Karriere. Ich muss für mich schauen, was am besten ist.»

Das hat er mit 20 schon getan, als er noch für Winterthur in der Challenge League verteidigte, dann aber der FC Basel rief. Er wechselte zum damaligen Meister, weil er sich für die neue Aufgabe bereit fühlte. Und im Winter ist er mit der Überzeugung in die Bundesliga gegangen, dass er für die WM in Russland bereit ist, wenn er sich in Dortmund durchsetzt.

Er geriet in ein schwieriges Umfeld. Die Borussia ächzte und stöhnte, weil sie auch unter Aushilfstrainer Peter Stöger nicht zur Ruhe fand. Sie blamierte sich in der Europa League, verlor in München 0:6 oder das Derby bei Schalke 0:2 und holte aus den letzten drei Runden nur einen Punkt. Die eigenen Fans waren zum Teil gegen sie. Dass sie sich trotzdem in die nächste Champions League rettete, war noch das Beste an dieser Saison. Da hilft es Akanji, dass er gelernt hat, das Negative auszublenden oder schnell zu vergessen: «Es bringt nichts, wenn man zu lange an einen Fehler denkt. Das verunsichert nur.»

Akanji besitzt viel Selbstvertrauen. Das sei eine Eigenschaft, die er halt habe, sagt er.

Wer mit ihm redet, bekommt schnell mit, dass er mit reichlich Selbstvertrauen ausgestattet ist. Er sagt, das sei eine Eigenschaft, die er halt habe. Natürlich besteht die Gefahr, dass daraus Übermut oder gar Überheblichkeit wird. Akanji kann damit nicht viel anfangen. Lieber sagt er: «Ich weiss, ich habe noch viel zu lernen. Ich mache nichts, was ich nicht kann. Ich weiss mich einzuschätzen, zumindest habe ich dieses Gefühl.»

Mit 11 wechselte er von Wiesendangen nach Winterthur, er war flink und spielte am Flügel. Als die Kollegen weiter wuchsen, blieb er körperlich stehen. Aus dem Flügel wurde ein Aussen- und dann ein Innenverteidiger. 16, 17 war er, als er seinen Wachstumsschub bekam und den Rückstand wettmachte. Inzwischen ist er ein Verteidiger, der nicht nur spiel­intelligent ist und den öffnenden Pass spielen kann, er ist auch schnell. Messungen in Dortmund haben ergeben, dass ihm keiner davonrennt. 35 Stundenkilometer wurden als Höchstgeschwindigkeit gemessen. Akanji entspricht dem Prototyp des modernen Verteidigers.

Er ist ein gutes Stück davon entfernt, ausgereift zu sein. Das Stellungsspiel, das Timing beim Kopfball, die Technik – überall kann er noch zulegen, vor allem, wenn es nach Dortmund noch weiter aufwärtsgehen soll, wie das Streller und Heitz ihm zutrauen. Gewiss gibt es auch bei ihm Tage, an denen er mit weniger Lust zur Arbeit fährt. Aber antreiben, um sich zu verbessern, das muss ihn keiner. Er ist nicht nur überzeugt von sich, er ist auch willensstark.

Die 24 Millionen aus Dortmund

Das half ihm, den harzigen Anfang in Basel wegzustecken. Kaum hatte er einen Muskelbündelriss überstanden, fiel er elf Monate mit einem Kreuzbandriss aus. Er zweifelte auch in dieser Phase nicht an sich, lieber sagte er sich: «Ich komme stärker zurück.» Und er ist stark zurückgekommen. Sonst hätte sich Borussia Dortmund kaum dazu hergegeben, ihn für rund 24 Millionen Franken zu verpflichten. Das war auch ein Segen für den FC Winterthur, der sich mit seinem Transferanteil von 800 000 Franken die Lizenz für die nächste Saison sichern konnte.

Im letzten Juni debütierte Akanji im Nationalteam, das tat er gleich in der WM-Qualifikation gegen die Färöer. Als in der Barrage gegen Nordirland Djourou ausfiel, stand er als zuverlässiger Stellvertreter bereit. Bei fünf Einsätzen ist er inzwischen angelangt, er hat dafür von Coach Petkovic gute Rückmeldungen erhalten. Er sagt: «Ich will mir keine Grenzen setzen.»

Nun also kommt die WM. Erwartungen hat Akanji keine, eher Hoffnungen. Dass er zum Einsatz kommt. Dass die Mannschaft an die Chance glaubt, selbst Brasilien zu besiegen. Dass sie die Achtelfinals erreicht.

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