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«Ihr seid eine Schande»

Die Reaktionen nach dem 1:6 in Barcelona fielen heftig aus – und Paris St-Germain braucht wohl lange, um sich von dieser Schmach zu erholen.

Und dann kam der Crash: PSG (Verratti) zerschellte an Barça (Neymar).
Und dann kam der Crash: PSG (Verratti) zerschellte an Barça (Neymar).
Keystone

Nun lachen alle, und so war das natürlich nicht gedacht. Die Nacht von Barcelona, dieses 6:1 für die Nachwelt, hat neben einem satten Hosianna für die Sieger auch viel Häme für die Verlierer gebracht. Im Sport geht ein Wunder eben selten ohne Opfer.

Als die Maschine mit den Spielern von Paris Saint-Germain in Le Bourget, dem Pariser Flughafen für Privatjets, gelandet war, warteten da in den frühen Morgenstunden noch immer vierzig Fans, die mal einige elementare Dinge loswerden wollten. Es waren keine Worte des Trosts. «Ihr seid eine Schande», hiess es da. «Ihr habt die Farben nicht verdient, die ihr trägt, haut schon ab!

Vor dem Flughafen gab es dann einen Vorfall, der wohl in einem Gericht verhandelt werden muss. Der Italiener Thiago Motta, Mittelfeldspieler ohne Einsatz im Camp Nou, fuhr mit seinem Wagen einen Fan an. Hat er ihn nur versehentlich gestreift, wie Motta behauptet? Oder hat er absichtlich Gas gegeben, wie der Kläger sagt? Es steht Aussage gegen Aussage. Und auch das passt gut ins traurige Bild.

Schon immer ein Missverständnis?

In Paris werden nun die ganz grossen Fragen erörtert. Es könnte nämlich sein, dass diese Geschichte mit Paris und dem grossen Fussball immer ein Missverständnis war. Sie war es schon vor der katarischen Ära, und sie ist es immer noch. Und vielleicht wird nun nie mehr etwas daraus. Nach dieser Nacht von Barcelona.

Der grosse Just Fontaine, in den Siebzigern für drei Jahre Trainer von PSG, sagte einmal: «Paris pfeift auf uns.» In dieser knappen Formel war alles drin. Fussball war in dieser Stadt der Macht, der Museen und der Mode immer nur Accessoire - ein angehängtes, abgewetztes Täschchen. Es gab so viel mehr und Schöneres zu sehen als das ungelenke Gekicke einer meist nur mediokren Mannschaft in einer kleinen, architektonisch auch noch missratenen Betonschüssel draussen an der Ringstrasse, dem Périph', XVI. Arrondissement. Ausser dem Namen, Parc des Princes, ist daran nichts fürstlich.

Paris ist Frankreichs Zentrum in allem. Nur im Fussball war es die meiste Zeit Provinz, Peripherie. Marseille, Lyon, Monaco, Bordeaux und Saint-Étienne waren grösser. Früher sogar Reims. Es hatte in den letzten fünf Jahrzehnten, seit der Gründung von PSG, viele Versuche gegeben, den einzigen erstklassigen Verein der Hauptstadt auch wirklich erstklassig zu machen. Und immer trachteten die Investoren danach, den Glamour der Stadt auf den Club zu übertragen, samt Glitter und Spektakel, ihn darin erstrahlen zu lassen. Doch alle scheiterten, nicht selten mit viel Theater.

Ein Verein der Bourgeoisie

PSG war immer ein Verein der Bourgeoisie. Oftmals weigerte man sich auch, Talente bei sich aufzunehmen, die aus der Banlieue stammten, den schwierigen Vororten der Stadt. Junge Männer mit Wurzeln in den ehemaligen Kolonien und mit viel Drang zum sozialen Aufstieg, zur Revanche über das Schicksal der Geburt, Ball am Fuss. Man liess sie nach Lyon, Marseille und Monaco ziehen, wo sie gross und berühmt wurden. In Spielen gegen Paris waren sie dann jeweils besonders motiviert. PSG war also nicht nur im Rest des Landes unbeliebt, um es mal so zu sagen, sondern selbst im dicht besiedelten, fussballafinen Gürtel seines näheren Einzugsgebiets.

Dann, 2011, übernahm Katar, und alles wurde neu. Das Emirat setzte dafür seinen Staatsfonds Qatar Sports Investments ein, eine scheinbar unversiegbare Geldquelle. Begünstigt (manche sagen: eingefädelt) hatte die Operation der französische Staatspräsident jener Zeit, Nicolas Sarkozy höchstselbst, ein passionierter Fan des Vereins. Das war zumindest fragwürdig, aber wenn einer mal im Elysée sitzt, unter schweren Lüstern, darf er alles. Sarkozy sorgte auch dafür, dass Katar weniger Steuern bezahlen muss. Man wollte den Emir möglichst glücklich stimmen. Um PSG gross zu machen, brauchte es einen Masterplan und Geld für geeignetes Personal.

Der Plan war schnell formuliert: PSG sollte PR für Katar machen, das Land global vermarkten. Fussball ist Softpower, und Softpower ist wichtig. Wenn man fortan an Katar denkt, wo 2022 die Weltmeisterschaften stattfinden werden, sollte man nicht mehr nur an ein Landkartenpünktchen am Golf denken und an dessen Gas und Öl und an Al-Jazeera. Sondern an eine ganz grosse Erfolgsgeschichte im Sport. So ersann sich das Tamim bin Hamad al-Thani, der Emir. Den Coup hätte er auch anderswo versuchen können. Doch nirgendwo verhiessen die Voraussetzungen eine schnellere Rendite.

Ein früherer Tennisspieler als Präsident

Paris lag fussballerisch brach, fast ohne Traditionen. Und es hatte unerhörtes Strahlpotenzial: Stadt der Liebe plus Eiffelturm plus Weltklassefussball - viel mehr geht nicht. Als Präsidenten setzte der Emir einen Freund der Familie ein, den früheren Tennisspieler Nasser al-Khelaïfi. Der junge, weltläufige Mann wurde schnell zur Persönlichkeit, an der sich auch die Macher der berühmten Satiresendung «Les Guignols» freuten: Al-Khelaïfi heisst da «Prinz» und hat einen festen Platz im Marionettenkabinett.

Für die Klasse holte man Zlatan Ibrahimovic. Um ihn davon zu überzeugen, einige seiner besten Profijahre in der französischen Fussballprovinz und im Dienste Katars zu verbringen, brauchte es sehr, sehr viel Geld und ein Versprechen. Man sagte dem Schweden, man werde alles tun, dass PSG binnen fünf Jahren ganz oben stehe. In Europa! Er könne sich schon mal darauf einstellen, dass er mit Paris die Champions League gewinnen werde.

Es ist nicht überliefert, ob Ibrahimovic diese Verheissung je ernst nahm. Doch er blieb vier Jahre. Vier Mal machte er den Verein in dieser Zeit fast im Solo zum französischen Meister und unterhielt dabei das Publikum mit seiner Starattitüde und seinen grotesken Sprüchen. Er lockte auch Zuschauer aus der Banlieue in den Prinzenpark, sie sahen in dem Jungen aus einem Vorort von Malmö einen der Ihren.

Jedes Jahr fliessen 560 Millionen Euro

Dieser Schlacks mit dem üppig dotierten Selbstbewusstsein und einem nicht minder üppig genährten Konto gab dem Verein so etwas wie eine Identität, einen Hauch davon, zum ersten Mal. Ganz allein. Obschon er wegen des Geldes da war. Dann zog Ibrahimovic weiter, und mit ihm verzog sich auch der Hauch.

Geblieben ist das viele Geld. Mittlerweile wirft Katar jedes Jahr 560 Millionen Euro auf, um das PR-Vehikel am Laufen zu halten. Jede Spielrolle ist im Kader doppelt besetzt und zwar auf jeder Position mit ehemaligen oder aktiven Internationalen. Für die Ligue 1 ist die Mannschaft eigentlich viel zu gut. Doch selbst da reicht es seit Ibrahimovics Abgang nicht mehr zur Dominanz. Im Moment ist PSG gar nur Zweiter, punktgleich mit Nizza, hinter der AS Monaco. Das Team spielt zwar kollektiver als zuvor, an guten Tagen auch spektakulärer. Doch es fehlt an Leaderfiguren, an der Kraft für den letzten Qualitätssprung im Masterplan der Katarer.

Die Nacht im Camp Nou, die in Paris nun auch als «Nacht der Schande» verhandelt wird, diente da als Illustration, vielleicht sogar als Karrikatur. PSG machte sich ganz klein. Es stand wie ein Kaninchen vor dem Monster Barça, was auch darum etwas lächerlich wirkte, weil das Monster so gross gar nicht war. In den letzten, fatalen sieben Minuten des Spiels, vom 3:1 bis zum 6:1, passten sich die Pariser den Ball nur noch genau vier Mal.

Da war plötzlich alles weg, der ganze Kredit aus dem schönen Hinspiel, auch der Goodwill des Publikums. Vertraut hat es den Herrschaften Söldnern ja ohnehin nie so richtig.

Skandälchen werden publik

Nun werden Geschichten publik, die sonst in der Freude über die Qualifikation untergegangen wären. La Chaîne Equipe, der Fernsehsender der gleichnamigen Sportzeitung, berichtet zum Beispiel, dass die beiden Mittelfeldspieler Marco Verratti und Blaise Matuidi, Regie und Lunge des Teams, sich die Nacht auf Dienstag in einem Nachtlokal an den Champs-Elysées um die Ohren geschlagen hatten, an einer Party mit dem Popstar Rihanna. Um drei Uhr früh verliessen sie den Laden, einige Stunden später sassen sie dann in der Maschine nach Barcelona. Im Spiel gehörten sie zu den Schwächsten.

Solche Geschichten gab es im Fussball immer wieder, zum Glück auch, die Herren sind ja jung. Nur, in Paris ist die Geduldsdecke in solchen Fällen dünn. Der spendable Emir bestellte schon mal den «Prinzen» nach Doha ein zur Unterredung. Vielleicht wird ihm das alles jetzt zu blöd. Die Marke PSG, die zum festen Prestigeobjekt hätte werden sollen, zum Stolz Katars in der Welt, ist nun eine Lachnummer. Und wahrscheinlich bringt man dieses Image auch nicht mehr so schnell los.

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