Im Berner Adelsstand

YB-Kapitän Steve von Bergen erlebt heute Abend im Heimspiel gegen Valencia einen späten Höhepunkt seiner Karriere.

Im hohen Fussballeralter ist Steve von Bergen in der Champions League angekommen, wo die Gegner Valencia, Manchester oder Juventus mit Paulo Dybala heissen. Foto: Keystone

Im hohen Fussballeralter ist Steve von Bergen in der Champions League angekommen, wo die Gegner Valencia, Manchester oder Juventus mit Paulo Dybala heissen. Foto: Keystone

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Das Wettangebot geht so: Spätestens in 5 Jahren trainiert Steve von Bergen Xamax!

Steve von Bergen lächelt, mit einer Mischung aus Belustigung und Entrüstung weist er jeglichen Verdacht von sich, an einer ambitionierten Trainerkarriere interessiert zu sein. «Ich habe noch nicht mal richtig mit einer Ausbildung begonnen», sagt er. Und: «In den letzten Jahren musste meine Familie oft extrem Rücksicht auf den Fussball nehmen. Das soll später nicht mehr so sein.» 

Diesen Vorsatz haben schon viele gehabt, YB-Sportchef Christoph Spycher beispielsweise. Aber vom Fussball loszukommen, ist gar nicht so einfach. Und schon gar nicht für Menschen wie Spycher und von Bergen, klug und geerdet, mit Erfahrung, Sozialkompetenz, Führungsqualitäten. Steve von Bergen bringt jedenfalls vieles dafür mit, irgendwann als Fussballlehrer tätig sein zu können. Er befindet sich gerade auf Abschiedstour, aber das tat er im Grunde genommen letzte Saison ja auch schon.

Im Sommer lief sein Vertrag aus, es gab für seine Laufbahn drei Optionen: YB, Xamax, Feierabend. Der Neuenburger verlängerte um ein weiteres Jahr in Bern, Heimatverein und Ruhestand können warten. Und nun gibt es im Prinzip für die Zeit nach dem Sommer 2019 wieder diese drei Möglichkeiten: YB, Xamax, Feier­abend. Von Bergen sagt, er werde die Entwicklung abwarten. «So schnell werdet ihr mich nicht los», meint er schmunzelnd.

Alte Knochen, neue Gelassenheit

Steve von Bergen ist einen langen Weg gegangen, er hat 2000 in der NLA für Xamax debütiert, mit 17, und ist fast zwei Jahrzehnte später immer noch in der obersten Spielklasse unterwegs. Aus dem Schüler ist ein Lehrer geworden, der seinen Beruf mit Passion ausübt. Und von dem Christoph Spycher sagt: «Er ist für uns mit seiner Ausstrahlung und Art auf und neben dem Platz enorm wichtig.»

Vor dieser Saison hiess es bei YB, von Bergen werde vielleicht nicht mehr alle drei Tage spielen, sondern Pausen erhalten – und nun spielt von Bergen alle drei Tage, wenn es die Agenda so will, als wäre er nicht 35, sondern 25. «Zum Glück gibt es Länderspielpausen», sagt er. «Dann kann ich meine alten Knochen und Muskeln schonen.»

Auf diesem langen Weg mit von Bergen hat man sich gerieben und gestritten und aneinander gewöhnt, so sehr, dass heute sogar mal ein Witzchen oder eine Wette drinliegen. Kratzbürstig aber kann der Mann, der in Medienkreisen auch schon Journalistenfresser genannt wurde, immer noch sein, wenn er das Gefühl hat, ungerecht behandelt zu werden.

Dann kann er auch einmal monatelang Gespräche absagen. Weil sich von Bergen das leisten kann und leisten will. Polemik lehnt er aus Überzeugung ab. Mit sachlicher Kritik umzugehen aber, das kann selbst für einen wie ihn, der es direkt, authentisch, schnörkellos mag, zuweilen kompliziert sein.

Mehrere Zeitungen hatten den Sicherheitschef der YB-Defensive vor 14 Monaten nach einer Reihe missglückter Darbietungen in Zweifel gezogen. Von Bergen hat reagiert, und wie, er war ein Pfeiler des Meisterteams – und er ist auch im Champions-League-Herbst 2018 wieder eine Stütze. «In unserer Mannschaft herrscht eine tolle Stimmung», sagt er, «und wir haben eine ideale Mischung aus Routiniers, welche in der Kabine führen, sowie Talenten. Da fällt es jedem leichter, gute Leistungen zu zeigen.»

Lehrer für die Jungen, Lehrling in der Königsklasse

Möglicherweise ist Steve von Bergen fussballeraltersmild geworden. Zumindest ein bisschen. Vor 12 Monaten schrieb die «Berner Zeitung», der alte Mann habe sich neu erfunden. Und nun, mit mittlerweile 35, setzt von Bergen diesen Prozess entschlossen fort. Man spürt eine innere Ruhe, eine Genugtuung auch, der Erfolg mit YB hat ihn gelassener gemacht.

Von Bergen ist mit sich im Reinen. Zumal er den ultimativen Beweis erbracht hat, dass sich der 2013 unterschriebene Fünfjahresvertrag, prächtig dotiert, auch für seinen Arbeitgeber gelohnt hat. Wer die Young Boys nach 32 Jahren zum Meistertitel führt, darf sich «Von» nennen. Steve von Bergen ist gewissermassen in den Berner Adelsstand erhoben worden.

Sein Wert reicht weit über den Rasen hinaus, das bestätigen ­viele, zum Beispiel all die Yvon Mvogos und David von Ballmoose, Jordan Lotombas und Kevin Mbabus, Kassim Nuhus und Grégory Wüthrichs, die von ihm bei YB angeleitet wurden und werden. «Er nimmt sich viel Zeit für uns», sagt Mbabu, «und er strahlt immer eine grosse Ruhe aus. Man spürt, dass er eine riesige Erfahrung besitzt.»

50 Länderspiele hat von Bergen bestritten, er schlug an der WM 2010 mit der Schweiz den späteren Weltmeister Spanien, holte drei Meistertitel mit Zürich und YB, spielte in Bundesliga und Serie A, und nun erlebt er im fortgeschrittenen Fussballeralter auch noch die Sternenliga.

«Das sind besondere Spiele, die Champions-League-Hymne ist magisch», sagt er, «und wir haben ja eine richtig attraktive Gruppe erwischt. Leider für uns haben etliche Gegenspieler Weltklasseformat.» Auch er ist fasziniert von der Königsklasse, auf Trikotjagd jedoch geht er nicht. «Das hat mich nie gross interessiert, und heute bin ich zu alt dafür.» 

Unbeschwert mit 25, unerschütterlich mit 35

Das Heimspiel heute gegen Valencia ist für die Young Boys die wohl letzte Gelegenheit, in den Kampf um Rang 2 oder zumindest Rang 3 noch einzugreifen. «Wir wissen, dass wir die perfekte Leistung benötigen, um Punkte zu gewinnen», sagt von Bergen. «Wir haben gegen Manchester United und bei Juventus 0:3 verloren und in Turin sogar eine Lehrstunde erhalten. Aber das ist vielen anderen Teams auch schon passiert.»

Und Valencia? Das sei zwar nicht wunschgemäss in die Saison gestartet, habe aber in den letzten Wochen gegen Barcelona und bei Manchester United unentschieden gespielt. «Wer von uns erwartet, dass wir diesen Gegner einfach so schlagen, lebt in einer Fantasiewelt.»

Realist von Bergen ist immer noch der beste YB-Innenverteidiger, beim 3:3 am Samstag in Zürich gegen den FCZ aber lief es auch ihm in der ersten Halbzeit nicht rund. Drei Tage später nun also Valencia, Königsklasse, von Bergen wird die Young Boys und speziell deren junge Buben wie immer führen, dirigieren, motivieren. Und er wird sich ­gewissenhaft vorbereiten, sein Arbeitstag dauert heute deutlich länger als vor 10 Jahren.

«Damals gab es fast nur Fussball für mich, heute habe ich Familie und zwei Kinder. Damals war ich schneller, heute hilft mir die Routine.» Und mit 25 sei er unbeschwert ins Training gegangen, nun würde er wohl einen Muskelfaserriss erleiden, wenn er auf den Platz liefe und gleich mal aufs Tor schiessen würde.

Sorgfältige Präparation sowie umfangreiche Regeneration gehören dazu, seit einem Jahr gönnt sich von Bergen sogar Massagen, er steigt jeden Tag unerschütterlich ein paar Minuten ins Eiswasser, lebt und ernährt sich gesünder. «Wenn man sieht, wie er täglich alles dafür tut, Erfolg zu haben», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane, «weiss man, was für ein Vorbild er ist.»

Normaler Mensch, spezieller Fussballer

Von Bergen ist derart normal und old school, wie man im Jugend­slang sagt, dass er im bunten Fussballgeschäft mit all seinen Selbstdarstellern auffällt. Es ist ihm wichtig, Werte wie Anstand, Bescheidenheit, Demut vorzuleben. Aber manchmal muss er in der Kabine schmunzeln, wenn die Jungen sofort alles posten, ­liken, kommentieren auf Instagram, Twitter, Facebook oder welchen Apps auch immer.

«Das ist heute wohl so. Und sie sind so schnell. Ich muss nie Angst ­haben, irgendetwas zu verpassen.» Er besitzt zwar ein Smartphone, ein altes, das bald auseinanderfällt, Apps aber sind nicht seine Welt. «Ich brauche das Handy vor allem, um zu telefonieren. Ich werde nie verstehen, warum man sein Essen fotografiert und das ins Internet stellt.»

Solche Dinge muss Steve von Bergen nicht mehr begreifen. Die Sache mit der Trainerkarriere aber, die könnte irgendwann, vielleicht früher, vielleicht später, schon zum Thema werden. Möglicherweise wird er zuerst mal als Lehrling bei YB in den Betrieb einsteigen. 2019. Oder 2020. Und wenn sein Herzensclub Xamax 2023 einen Trainer sucht, könnte er bereit sein.

Top, die Wette gilt.

Erstellt: 23.10.2018, 08:58 Uhr

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