«In Algerien ist es wie bei Constantin»

Vor dem Afrika-Cup-Final Algeriens am Freitagabend gegen Senegal erklärt Servettes Trainer Alain Geiger das Land, in dem er arbeitete.

Tausende feierten in Algier, der Hauptstadt Algeriens, den Einzug ihrer Mannschaft in den Afrika-Cup-Final.

Tausende feierten in Algier, der Hauptstadt Algeriens, den Einzug ihrer Mannschaft in den Afrika-Cup-Final. Bild: Toufik Doudou/Keystone

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«Gehen Sie in den Süden des Landes», sagt Alain Geiger, «und Sie werden einen Sternenhimmel sehen wie nirgends sonst.»

Geiger kennt das Land, ­Algerien und seinen Süden, 1500 ­Kilometer entfernt von Algier. Er war Trainer da. Zwischen 2011 und 2016 arbeitete er insgesamt drei Jahre für Sétif, MC Alger, MO Béjaïa und nochmals Sétif. Dass er bei Béjaïa nur zwei Monate im Amt war und bei Algier bloss doppelt so lange, soll nicht weiter überraschen. «In Algerien ist es wie bei Constantin», sagt er und lacht schallend.

Algerien ist ein politisch kompliziertes Land, während der letzten zwei Jahrzehnte autokratisch regiert. Geografisch ist es riesig, das grösste in Afrika, 60-mal grösser als die Schweiz, das zehntgrösste der Welt. Geiger hat es auf seiner Suche nach Arbeit kennen gelernt. Wenn er heute ­zurückkehren würde, sagt er, würde er wie ein Minister empfangen. Er müsste für keinen Kaffee bezahlen, für nichts.

Mit Sétif gewann er das Double und erreichte den Halbfinal der afrikanischen Champions League. Er erinnert sich, wie nach grossen Spielen in Algier der Verkehr auf der Autobahn nach Sétif blockiert war. Keiner durfte den Mannschaftsbus überholen. Von Algier nach Sétif sind es 300 Kilometer. «Wie von Genf nach Zürich», sagt Geiger, «stellen Sie sich das einmal vor.»

Er weiss darum genau, was heute im Land los ist, wenn ­Algerien in Kairo den Final des Afrika-Cups gegen Senegal bestreitet. «Alle nehmen daran teil», sagt er. Er war in Algerien, als die Nationalmannschaft 2014 an der WM in Brasilien teilnahm und den Achtelfinal gegen Deutschland erreichte. Noch drei Stunden nach einem Spiel bewegte sich der Verkehr nicht mehr, alles war blockiert. «Das ist Algerien», sagt er, «alle sind stolz, wenn die Fussballer Erfolg haben.» Die Freude kann auch gefährlich hochkochen. Nach dem 2:1 im Halbfinal gegen ­Nigeria starben bei den Siegesfeiern in Algier zwölf Menschen.

Korruption statt Kontinuität

Algerien und seine Fussballer erlebten selten Höhepunkte. 1982 nahmen sie erstmals an einer WM teil. 1987 war es einer der grossen Söhne des Landes, der den Meistercupfinal zwischen dem FC Porto und Bayern München prägte. Rabah Madjer ­erzielte per Absatztrick den ­Treffer, der Porto zum Triumph verhalf. 1990 gewann Algerien den Afrika-Cup.

Erst 2010 qualifizierten sie sich wieder für eine WM. Das Turnier in Südafrika verliessen sie allerdings ohne Torerfolg. Vier Jahre später, in Brasilien, verlangten sie dem späteren Weltmeister Deutschland alles ab und verloren den Achtelfinal erst nach Verlängerung 1:2.

Was den «Fennecs» fehlt, den Wüstenfüchsen, ist Kontinuität. Das ist im Fussball das grundsätzliche Problem aller afrikanischen Länder, die an Korruption kranken, an fehlender Infrastruktur und Ausbildung, die vielleicht einmal einen Monat lang all ihre Kräfte mobilisieren können, aber eben nicht jedes Jahr, jedes Turnier. So berichtet das Geiger. «Aber wenn die afrikanischen Spieler in Europa ausgebildet werden, können sie sehr stark sein.»

Zinédine Zidane, aufgewachsen in Marseille, ist eigentlich ­Algerier und das Paradebeispiel dafür, wie sehr Frankreich und sein Fussball von der Kolonialgeschichte der Grande Nation profitiert haben. Kylian Mbappé hat eine algerische Mutter (und einen kamerunischen Vater), wurde aber vor einem Jahr Weltmeister mit Frankreich.

Mahrez’ Moment

Algeriens Star im Moment heisst Riyad Mahrez. Er hat die typische Biografie eines Einwandererkindes, sein Vater ist Algerier, seine Mutter Marokkanerin. Gross geworden ist er im nördlichen Paris, in einer Plattenbausiedlung in Sarcelles. Mahrez war ein strahlender Held, als Leicester 2016 die Premier League gewann. Vor einem Jahr wechselte er für 75 Millionen Franken von Leicester zu Manchester City. Hier verdient er eine Viertelmillion, in der Woche.

Mahrez blieb bei diesem ­Afrika-Cup lange recht diskret. Seinen grössten Moment hatte er im Halbfinal. Die 95. Minute lief, es stand 1:1, als er sich zu einem Freistoss aufmachte und ihn verwertete. «Ich habe meine Verantwortung übernommen», erzählte er später, «hamdoullah, Gott sei Dank.»

Die nach Ägypten gereisten algerischen Journalisten feierten mit. Das hatten sie schon nach dem Viertelfinal getan. Da empfingen sie die Spieler am Tag nach dem Sieg gegen die Elfenbeinküste, indem sie vor dem Training ein Spalier bildeten.

Die Annäherung zwischen Journalisten und Spielern hat nicht zuletzt mit Djamel ­Belmadi zu tun. Als Trainer hat er es ­geschafft, die beiden Parteien ­einander anzunähern. Ihm ist es zudem auch gelungen, die Spieler, die im eigenen Land aufgewachsen sind, mit jenen zu vereinen, die im Ausland geboren worden sind. In Algerien ist das offensichtlich ein bedeutendes Problem.

Belmadi ist einer wie Mahrez, geboren im Grossraum Paris als Einwandererkind. Einer seiner Jugendfreunde kam aus Senegal, er hiess Aliou Cissé, ­wurde wie er Nationalspieler und ist heute Abend sein Gegenspieler. Er coacht die «Löwen der ­Teranga».

«Algerien und Senegal sind grosse Nationen», sagt Alain Geiger. Aber seine Sympathien sind einseitig verteilt: «Ich habe eine Schwäche für Algerien.»

Erstellt: 19.07.2019, 18:13 Uhr

Alain Geiger


Ist seit 1998 im Trainergeschäft unterwegs: Alain Geiger. Bild: Keystone/Martial Trezzini)

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