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In der Vitrine des Emirs

Für Katar ist die Verpflichtung Neymars ein Prestigecoup sondergleichen – der Hauptstreich eines Masterplans, an dem es seit dem Kauf von PSG baut.

Auf dem Weg nach Paris: Neymar verlässt sein Zuhause in Barcelona in Richtung Flughafen. (4. August 2017)
Auf dem Weg nach Paris: Neymar verlässt sein Zuhause in Barcelona in Richtung Flughafen. (4. August 2017)
Toni Albir, Keystone
Rekordtransfer steht: Neymar hat in Paris für fünf Jahre unterschrieben. (6.Juni 2015)
Rekordtransfer steht: Neymar hat in Paris für fünf Jahre unterschrieben. (6.Juni 2015)
Michael Sohn (AP), Keystone
Der bislang teuerste Transfer war der Franzose Paul Pogba, der vor einem Jahr für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United wechselte.
Der bislang teuerste Transfer war der Franzose Paul Pogba, der vor einem Jahr für 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United wechselte.
Larry French/AP, Keystone
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Es ist ein Check, der die Welt des Fussballs durcheinanderbringt. Er stürzt sie in eine mittlere Sinnkrise, vielleicht sogar ins Chaos. Ein Anwalt mit Pomade im Haar und dessen Begleiter mit Sonnenhut und Fliege präsentierten sich mit dem Check gestern in Madrid am Sitz des spanischen Profiverbands La Liga.Die Summe: 222 Millionen Euro. Die Herren waren ganz guter Dinge, verschwanden hinter der Glastüre und kamen schneller als erwartet zurück. Diesmal mit verwirrten Mienen, ihren grossen Check wollte niemand entgegennehmen. Vorerst jedenfalls nicht. Die Verwirrung in ihren Gesichtern passte gut in das bereits episodenreiche Sommertheater, das sich um die Zukunft von Neymar entwickelt hat. Nach drei Wochen voller Kapriolen schien das Theater eine neue Wendung zu nehmen, das Ende hing wieder mal in der Luft.

Die Hauptrolle in dem Stück, darin sollte man sich aber nicht täuschen, spielt nicht etwa Neymar, ein Mann mit flinken und feinen Füssen, der bisher für den FC Barcelona stürmte. Sondern ein reicher Emir vom Persischen Golf, Tamim bin Hamad Al Thani, 37 Jahre alt, Staatschef von Katar und Besitzer des französischen Vereins Paris Saint-Germain, kurz PSG. Der Emir will Neymar an seinen Hof holen, damit er da tänzelt und zaubert, koste es, was es wolle. Geld ist genug da. Katar besitzt Öl und Gas, da sind 222 Millionen Euro kein Betrag. Aber gehört sich das auch, so viel Geld auszugeben für die Dienste eines einzigen Spielers? Hebelt der Emir da nicht den Wettbewerb des Fussballs aus, dessen Fairnessregeln und gleich auch reihenweise Kriterien des gesunden Menschenverstands?

So viel Licht, so billig

In Doha denkt man die Geschichte mit Neymar in politischen Kategorien, im grossen Rahmen also. Und das verschiebt die Wertung der Operation zumindest aus der Sicht des Emirs ganz massgeblich. Neymar ist Teil eines Masterplans, an dem man seit 2011 baut. Von Öl und Gas, so viel scheint klar zu sein, wird Katar nicht ewig leben können. Sport ist Softpower, und Fussball hat am meisten davon. So kauften die Katarer vor sechs Jahren PSG. Der Verein war billig zu haben, für 50 Millionen Euro plus Schulden. Er war ja auch eine bescheidene Adresse in der Branche, arm an Trophäen. Katar hatte sich davor auch in England umgesehen. Am Ende aber bot PSG die grösste Wachstumsmarge – nicht so sehr wegen des Namens, sondern ­wegen des Standorts. Oh, Paris, Ville ­Lumière! Wo sonst war für so wenig Geld so viel Licht zu bekommen?

In Frankreich regierte Nicolas Sarkozy, ein Fan des PSG und Freund Katars.Den Investoren standen alle Türen offen, sie galten als Entwicklungshelfer. PSG dient seither als Schaufenster für die Ambitionen des Emirs im Sport, als ständiger Trailer auch für das, was erst noch ansteht, das Hauptkapitel des Masterplans: die WM 2022. Wie das kleine, klimatisch unwirtliche Katar den Zuschlag dafür erhielt, ist bis heute ein Rätsel. Es galt wohl auch da: Koste es, was es wolle. Vor der Vergabe kam es wahrscheinlich nicht oft vor, dass Checks aus Doha zurückgewiesen wurden.

Rechnet sich das? Katar ists egal

Katar holte prominente Spieler in sein Schaufenster in Paris, die nur bereit waren, in die Fussballprovinz zu wechseln, wenn sie dafür sehr viel Geld erhielten. Zlatan Ibrahimovic zum Beispiel, der nicht nur wuchtig Fussball spielen kann, sondern mit seinem ironisch unterlegten Grössenwahn auch das Publikum im Ausland amüsieren konnte. Katar stellte ihn vor dem Eiffelturm vor, da floss in einem Bild alles zusammen: die Grösse der Stadt und die ersehnte Grösse Katars. Paris war eine Nuance orientalischer. Sportlich reichte die Klasse des teuer ­zusammengekauften Kaders aber nur für die Herrschaft über die französische Meisterschaft. Fünf Jahre gab man sich, um die Champions League zu gewinnen. Doch da kam man nie weiter als bis in den Viertelfinal. Trotz der Zerrmillionen, trotz der vielen Ausnahmekönner.

Der letzte Qualitätssprung soll nun also dank Neymar gelingen, einem absoluten Topmann, einem Global Player des Geschäfts. Der Brasilianer zählt 79 Millionen Follower auf Instagram, auf Twitter folgen ihm 31 Millionen. Er ist ein Popstar, in Südamerika sowieso. Und er ist jung, 25 Jahre erst, fröhlich und luftig leicht in Stil und Spiel. Ob sich seine ­Anstellung, die alles in allem, Salär und Prämien inklusive, über fünf Jahre deutlich mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten wird, rein wirtschaftlich rechnet, ist den Katarern egal. Sie wollen diesen Neymar Junior unbedingt, damit er Kunststücke aufführe im Schaufenster und Trophäen in die Höhe stemme. Für PSG, für Katar. Bis zur WM, 2022.

Die 222 Millionen sind abgeliefert

Die Verpflichtung Neymars ist der Prestigecoup, von dem der Emir immer ­geträumt hat. Stoppen lässt er sich kaum mehr. La Liga verzögerte das Geschäft nur, als sie den Check zurückwies. Stunden danach zeigten sich der Anwalt mit der Pomade im Haar und sein Begleiter mit dem Sonnenhut in den Büros des FC Barcelona. Und dort nahm man die 222 Millionen Euro gerne entgegen – das ist der Betrag, den der Verein als Ausstiegsklausel in den Vertrag geschrieben hatte. Gedacht war sie als abschreckende Sperre, gebracht hat sie nichts. Katar zahlt nicht direkt an Barça. Gemäss spanischem Gesetz muss ein Spieler sich selber aus seinem Vertrag kaufen. Bei 222 Millionen ist das unmöglich. Und so überwies der Emir den passenden ­Betrag auf ein Konto Neymars, offiziell vermutlich, um dessen Werberechte zu kaufen. Damit konnte der Brasilianer dann seinen Check ausstellen.

Das Manöver ist bizarr, ein Trick im Graubereich, doch wahrscheinlich entspricht er den europäischen Regeln. Wenigstens der Form nach. In Madrid fand man, das sei alles reichlich fragwürdig und verstosse gegen die Regeln des ­Financial Fairplays. In Barcelona aber kassierte man das Geld und verkündete am Abend den Wegzug des Brasilianers. Man braucht die Millionen ja für Ersatz.

Katar möchte seinen neuen Posterboy nun möglichst bald vorstellen. Am liebsten schon heute Freitag und wieder vor dem Eiffelturm, wo alles so schön zusammenfliesst.

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Um diese Zahlen geht es

222'000'000

beträgt die festgeschriebene Ausstiegs­klausel aus dem laufenden 5-Jahres-Vertrag.

100'000'000

werden in etwa an Sozialabgaben fällig, da eine solche Klausel als Lohnvorbezug gilt.

295'000'000

betragen die Lohnkosten für den Pariser 5-Jahres-­Vertrag – brutto, 49 Prozent sind Steuern. Neymar erhält netto pro Jahr 30 Millionen

78'500'000

Auf diese Höhe könnte sich brutto das Handgeld für den Vater belaufen, der netto rund 40 Millionen erhält.

26'000'000

beträgt Neymars Handgeld aus dem laufendem Vertrag in Barcelona, das der Club nun höchstens zu einem Fünftel auszahlen will.

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