So wird es in der Barrage heikel

Die Schweiz ist in Portugal von Anfang bis Ende chancenlos, verliert 0:2 und muss im November die tückische Barrage zur WM bestreiten. Eine Einschätzung.

Nach einer Stunde war die Niederlage besiegelt: Die beiden Tore Portugals im Zusammenschnitt. (Video: Tamedia)

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Da stehen sie dann, gebeutelt und geschlagen. Elf Schweizer, die offensichtlich schon in diesem Moment spüren, dass es nichts mehr wird mit der Erfüllung des grossen Traums und der direkten Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland. 0:2 liegen sie jetzt zurück, schon 0:2. Nach einer Stunde ist die Niederlage gegen Portugal im Estadio da Luz von Lissabon besiegelt.

Eigentlich wollten sie im November ein paar Tage irgendwo an der Wärme verbringen, in Arabien oder Amerika, um sich da gemütlich auf den nächsten Sommer einzustimmen. Jetzt müssen sie als Gruppenzweiter den Umweg über die Barrage gehen, die in Hin- und Rückspiel entschieden wird.

Irland, Nordirland, Griechenland oder Schweden – so heisst der Gegner zwischen dem 9. und 14. November. Wer es schliesslich sein wird, wird nächsten Dienstag am Sitz der Fifa in Zürich ausgelost. Heikel kann es für die Schweiz gegen jede dieser Mannschaften werden, wenn sie so auftritt wie in Lissabon.

Pech, dass Portugal nie nachgelassen hat

27 Punkte haben die Schweiz nicht an die WM gebracht, 27 Punkte sind eine eindrückliche Ausbeute aus zehn Spielen. In vielen anderen Gruppen hätte das für einen fixen Startplatz in Russland gereicht, Belgien genügten dazu 22 Punkte, England 23 oder Spanien 28.

Enttäuscht, aber hoffnungsvoll für die Barrage: Haris Seferovic und Granit Xhaka. Video: Fabian Sangines

Es ist das Pech der Schweiz, dass sie einen Europameister im Nacken gehabt hat, der seit der Startniederlage in Basel kein wenig nachgelassen, sondern das Tempo hochgehalten und eben im Vergleich mit der Schweiz einen Vorteil gehabt hat: Er hat viel mehr Tore erzielt und letzten Endes von der Qualität seines Ausnahmespielers profitiert. 15 der 32 Tore hat allein Cristiano Ronaldo geschossen.

Leere Versprechen

Den Abend beginnen die Schweizer noch ganz ruhig, sie machen nicht den Eindruck, über Gebühr nervös zu sein. Zu ihrem Problem wird mit fortgeschrittener Spielzeit nur, dass sie kaum aus der eigenen Platzhälfte herauskommen, und wenn, dann nur für kurze Momente. Die Defensive bekommt keine wirkliche Entlastung und Erholung.

Vladimir Petkovic ist selbstkritisch. Video: Fabian Sangines.

Es ist nicht das Spiel, wie sie es am Tag vorher noch angekündigt haben, am Tag, als ihr Coach Vladimir Petkovic sagte: «Wir wollen zeigen, dass das, was wir erreicht haben, kein Zufall ist.» Und als er sagte, sie seien hergekommen, um auf Sieg zu spielen.

Schlechter Scherz

Im Match selbst wirkt das wie ein schlechter Scherz. Oder war es nur das Pfeifen im Walde? Die Schweizer sind ­alles, nur nicht gefährlich und schon gar nicht dominant. Sie werden in die Realität zurückgeholt. Aus einem vermeintlichen Überflieger der Gruppe B wird eine ganz gewöhnliche Mannschaft, die vornehmlich dem Gegner hinterher läuft und am Ende froh sein muss, nicht ­höher als mit zwei Toren zu verlieren.

Das 2:0 durch André Silva (Video: Tamedia/SRF)

Der Abend ist die schmerzliche Erinnerung daran, dass es in solchen ­Momenten und Spielen nicht reicht, sich selbstsicher zu geben, sich stark zu ­reden, von sich zu sagen, sie hätten eine «grosse Mannschaft» (Stephan Lichtsteiner) oder sie seien «alle Weltklasse» (Xherdan Shaqiri). Reden und Tun haben miteinander nichts zu tun – schon gar nicht gegen ein Portugal, das viel Tempo und spielerische Klasse mitbringt, nicht nur dank Ronaldo, sondern auch dank Bernardo Silva, Moutinho, André Silva oder Eliseu.

Reklamieren, statt abzudecken

Nach einer halben Stunde erhält die Schweiz den ersten Warnschuss, als Sommer gegen Bernardo Silva klären muss. Der Portugiese kommt völlig frei zum Schuss, weil Lichtsteiner in diesem Moment lieber beim Schiedsrichter reklamiert, statt seine rechte Seite abzudecken.

In der 41. Minute flankt Eliseu, es ist ein perfekte Flanke, flach, scharf, fünf Meter vors Tor gezogen. Sommer will abwehren, es gelingt ihm nicht, er prallt mit João Mario zusammen, und Johan Djourou kann dem Ball nicht mehr ausweichen. Er lenkt ihn ins eigene Tor ab.

Das Eigentor zum 1:0 (Video: Tamedia/SRF)

Nach knapp einer Stunde verliert die Schweizer Abwehr jegliche Ordnung, Djourou rückt zur Unzeit aus dem Zentrum heraus, Bernardo Silva passt zu André Silva, der den Ball nur noch über die Torlinie schieben muss. Das ist also das 2:0, das die Schweizer demoralisiert.

Das 2:0 durch André Silva (Video: Tamedia/SRF)

Das Versagen der Stützen

Petkovic reagiert zwar mit zwei Wechseln und bringt Embolo und Zuber für Mehmedi und Dzemaili. Es ist ein Versuch zur Korrektur, der so gar nichts bringt. Die Schweiz, eigentlich zur entschlossenen Reaktion gezwungen, ist so hilf- und harmlos wie schon die ganze Zeit zuvor. Rui Patricio muss nur einen Ball abwehren, einen unplatzierten Freistoss von Shaqiri.

Bei der Schweiz ist nicht einer auch nur zufriedenstellend, Freuler ist gar heillos überfordert. Viele andere sind auch richtig schlecht, angefangen gerade bei denen, welche die Mannschaft tragen sollten. Das gilt für Lichtsteiner, geht weiter über Xhaka und ­Shaqiri und endet bei Seferovic. Nein, alle zusammen sind sie überfordert gegen einen Europameister, der um kurz nach halb elf Uhr vom eigenen Anhang frenetisch gefeiert wird.

Die Schweizer dagegen müssen sich auf dem Platz entkräftet eingestehen, dass Portugal eben nicht Ungarn ist, nicht Lettland, die Färörer und Andorra. Dass eben nicht immer der 6. September 2016 ist, als ihnen beim 2:0 daheim gegen Portugal noch alles gelang.

Erstellt: 10.10.2017, 23:53 Uhr

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