In diesem Transfersommer gilt: Aber bitte mit Sané

Fünf Milliarden Franken haben die europäischen Clubs in diesem Sommer ausgegeben. Das geht heute schon als ruhige Transferperiode durch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kennen Sie Aaron Wan-Bissaka? Klingt Harvey Elliott für Sie wie ein Filmheld? Haben Sie schon einmal von Jules Koundé und Mario Hermoso gehört?

Der Erste ist Rechtsverteidiger, 21 und talentiert, er ging im Sommer für etwas mehr als 60 Millionen Franken von Crystal Palace zu Manchester United. Der Zweite ist der jüngste Spieler, der in der Geschichte der Premier League zum Einsatz kam, das war im Mai und 30 Tage nach seinem 16. Geburtstag. Vor wenigen Tagen verpflichtete Liverpool die Offensivkraft von Fulham (Preis unbekannt). Koundé und Hermoso sind aufstrebende Innenverteidiger und zwei von bald 80 Fussballern, die im Sommer für mindestens 20 Millionen Franken den Arbeitgeber wechselten.

Verrückt? Nein! Fussball, auch im Jahr 2019. Man zuckt nicht mehr zusammen, sondern höchstens noch ein wenig mit den Schultern, wenn einer wie Wan-Bissaka so viel kostet wie noch vor 20 Jahren die gesamte Mannschaft des Champions- League-Siegers Manchester United. Und man ist nicht überrascht, wenn man hört, dass Leicester für den grundsoliden Innenverteidiger Harry Maguire von Manchester United über 110 Millionen Franken fordert.

1,3 Milliarden FrankenSo viel Geld haben die Clubs der Primera Division bislang ausgegeben. Das ist mehr als die Premier League (1 Milliarde).

Die Gerüchte in den sozialen Medien überschlagen sich. Und so kommt es, dass bei manchen Vereinen ein Langstreckenflugzeug nicht ausreichen würde, um alle im Internet gehandelten Zuzüge zu transportieren. Das Geschäft ist total überhitzt, die enormen Einnahmen vor allem aus TV-Rechten und Sponsoring haben insbesondere in England zu absurden Ablösesummen geführt.

Die plötzlich fast vernünftige Premier League

Und doch erhält man den Eindruck, die Premier-League-Clubs seien vernünftiger geworden, die Aktivitäten sind gefühlt noch gar nicht ins Rollen gekommen. Dabei endet das Transferfenster in England wie 2018 noch vor dem Saisonstart – am nächsten Donnerstag. Erfüllt sich bis dahin auch nur ein Bruchteil der Spekulationen, werden die 20 Clubs der britischen Eliteliga bis am 8. August noch einmal – wie bisher im Sommer – eine Milliarde Franken ausgegeben haben. Manchester United jedenfalls strebt wieder einmal einen Grossumbau an. Und es würde nicht überraschen, wenn der wirtschaftlich immer noch grösste Verein der Welt am Ende am meisten Geld in die Hände genommen hätte.

132 Millionen FrankenDas hat der FC Barcelona für Antoine Griezmann (samt Frisur) an Atlético Madrid überwiesen.

Im Moment führen in diesem Ranking die spanischen Giganten Real Madrid (350 Millionen), Barcelona und Atlético Madrid (je 275). Wobei Atlético auch am meisten eingenommen hat (360 Millionen) – vor Benfica Lissabon (220) und Ajax Amsterdam (210). Vereine mit erstklassiger Nachwuchsarbeit und Top-Scouting, zu denen auch Lyon (150) und Hoffenheim (125) sowie immer Porto (100) gehören, profitieren von teilweise wahnwitzigen Beträgen selbst für Mittelklassespieler.

Von den Premier-League-Vereinen befindet sich erstaunlicherweise einzig Aston Villa unter den Top 10. Der Aufsteiger hat elf Spieler für insgesamt 150 Millionen gekauft, von denen aber keiner auch nur annähernd Spitzenniveau aufweist.

Die relative Zurückhaltung der Engländer hängt damit zusammen, dass die meisten Vereine bereits sündhaft teure Teams unterhalten. Dass Tottenham viel Geld ins neue Stadion gesteckt hat – und mit Tanguy Ndombele (65 Millionen von Lyon) dennoch den Rekordtransfer der Clubgeschichte präsentiert hat. Dass Arsenal nach erneut verpasster Champions-League-Qualifikation sparen muss – und mit Pepe (90 Millionen von Lille) dennoch seinen Rekordtransfer getätigt hat.

Dass Meister Manchester City nach Jahren der Exzesse und unter Beobachtung der Uefa mehrere Gänge hinuntergeschaltet hat – und mit Aufbauer Rodri von Atlético Madrid dennoch einen Hochkaräter für 80 Millionen geholt hat. Dass Champions- League-Sieger Liverpool nach mehreren Spielzeiten mit Grossinvestitionen neben Elliott erst einen zweiten Youngster verpflichtet hat – den 17-jährigen Holländer Sepp van den Berg (für läppische 2,5 Millionen).

Und dass Europa-League-Sieger Chelsea, ein zuverlässiger Geldvernichter, eine Transfersperre auferlegt bekam, weil er Regeln missachtet hatte – deshalb wurde das 70-Millionen-Engagement des 20-jährigen Christian Pulisic (Dortmund) bereits im Winter realisiert.

9,5 Millionen FrankenSo viel sollen die Schweizer Clubs für neue Spieler bezahlt haben. Damit liegt die Super League in Europa auf Rang 28. Eingenommen hat de Super League rund 33 Millionen.

Auch Paris Saint-Germain steht unter strenger Uefa-Kontrolle, der Verein gibt deshalb mehrere Talente ab, die sich nicht durchgesetzt haben. Und bei PSG geht es seit Wochen eigentlich nur darum, wann der unzufriedene Neymar endlich verkauft werden kann. Und wohin. Einmal ist Barcelona Favorit, dann Real Madrid, doch selbst diese Weltclubs können nicht unbegrenzt shoppen.

Sie sind nun erst mal selber damit beschäftigt, nicht mehr erwünschte Spieler wie Ivan Rakitic, Philippe Coutinho oder Gareth Bale möglichst teuer loszuwerden. Bales Wechsel nach China platzte Anfang Woche in letzter Minute, der Waliser hätte bei Jiangsu Suning je nach Quelle bis zu einer Million Franken verdienen können. In der Woche!

Neymar ist der Dominostein

Neymar wiederum ist der Dominostein, der fallen muss, damit es endlich zur wuchtigen Bewegung auf dem Spielerbasar kommt. Wobei: Hat jemand behauptet, es sei ein ruhiger Transfersommer? Im Sommer wurden schon über 5 Milliarden ausgegeben, die Rekordmarke aus dem letzten Jahr von genau 7 Milliarden dürfte gebrochen werden. Und Paris wird die Ligue 1 auch ohne Neymar gewinnen.

Lille, letztes Jahr Zweiter, verliert derweil mit Pepe seinen besten Spieler, mit Rafael Leao sein grösstes Talent wohl an Milan, mit Thiago Mendes seinen Spielmacher an PSG. Fussball ist Darwinismus pur: Der Grosse frisst den Kleinen – und füttert ihn gleichzeitig. Das Geld wandert nach unten, irgendwann kommt es sogar in der Super League an.

Lange galt ja die Serie A als Schlaraffenland für die Weltgrössen, zu Zeiten von Diego Maradona, Lothar Matthäus, Marco van Basten und Ronaldo (dem Brasilianer). Mittlerweile spielt immerhin Ronaldo (der Portugiese) in Italien. Sein Club Juventus hält finanziell mit den kontinentalen Branchenleadern mit und schnappte sich Ajax-Supertalent Matthijs de Ligt für 93 Millionen.

Bei Rivale Inter Mailand soll es nach schwierigen Jahren und unter Financial-Fairplay-Restriktionen nun Antonio Conte als Trainer richten. Conte möchte unbedingt Romelu Lukaku von Manchester United im Sturm, dagegen will er prominente Spieler loswerden, Mauro Icardi, Radja Nainggolan, Ivan Perisic. Das schmälert deren Marktwert beträchtlich.

Hoeness hat genug

Die Bundesliga wiederum hat erheblich an Relevanz verloren, selbst wenn sie prächtig vermarktet ist. Spieler wie Joelinton und Sébastien Haller, Stürmer der gehobenen Klasse, zieht es zu Premier-League-Mittelfeldteams: Joelinton für 50 Millionen von Hoffenheim zu Newcastle, Haller für 45 Millionen von Frankfurt zu West Ham.

Auch Bayern München mit seinem berühmten Festgeldkonto tut sich schwer, Topakteure anzulocken. Ausgaben von 90 Millionen reichen einzig, Verteidiger Lucas Hernandez von Atlético zu verpflichten. Als Nachfolger der so lange prägenden Flügel Arjen Robben und Franck Ribéry möchten die Münchner Leroy Sané von Manchester City kaufen.

5 Millionen FrankenSo viel kostete in diesem Sommer ein neuer Premier-League-Spieler im Schnitt. Tendenz in den kommenden Tagen vermutlich: stark steigend.

Das Problem ist: Die Geschichte zieht sich seit Monaten hin. Darum ist bislang der bevorstehende Rückzug von Präsident Uli Hoeness nach 40 Jahren an der Clubspitze die spektakulärste Sommermeldung aus dem Universum der Bayern. Und bezüglich Transfermarkt gilt für sie: Aber bitte mit Sané!

Dortmund hat sein Team unterdessen relativ früh und vielversprechend verstärkt: In der Defensive ist Mats Hummels von den Bayern der wichtigste Zuzug, in der Offensive Julian Brandt von Leverkusen. Die beiden waren schon fast Schnäppchen mit 34 und 28 Millionen ­Ablöse. Und Leverkusen ist es immerhin gelungen, Jahrzehnttalent Kai Havertz noch für eine Saison zu halten. Die Prognose ist nicht gewagt, dass der 20-jährige Mittelfeldspieler 2020 der erste deutsche Fussballer sein wird, der die 100-Millionen-Franken-Grenze sprengen wird.

Eden Hazard kam mit einem Bonus auf den Hüften

In Spanien schliesslich holte der FC Barcelona mit dem 85 Millionen Franken teuren Frenkie de Jong einen spielstarken Mittelfeldspieler von Ajax Amsterdam, der in sein Beuteschema passt. Real Madrid, der entthronte Champions-League-Seriensieger, verpflichtete bisher ebenfalls vor allem junge Spieler wie Luka Jovic und Rodrygo, Eder Militao und Ferland Mendy, im Schnitt knapp 21-jährig, für zusammen 230 Millionen.

Teuerster Zuzug ist Eden Hazard, er kam von Chelsea, kostete 115 Millionen und rückte gleich einmal mit Übergewicht an, je nach Quelle 7 bis 11 Kilo. Wie in den Testspielen unschwer zu erkennen war.

Fast einen Monat dauert der Irrsinn noch

Aber Real ist noch lange nicht fertig, Paul Pogba von Manchester United dürfte Hazard in den nächsten Tagen (oder Stunden) als teuerste Akquisition ablösen. Nur Joao Felix, den Ronaldo 2.0 aus Portugal, haben sie nicht bekommen. Der 19-Jährige wechselte für 140 Millionen von Benfica zu Atlético.

Fast einen Monat dauert der Irrsinn in den meisten Ländern noch. Fans hoffen, Clubs zahlen, Spieler und Berater kassieren. Jules Koundé übrigens wechselte von Bordeaux zum FC Sevilla, Mario Hermoso von Espanyol Barcelona zu Atlético Madrid. Kostenpunkt: je 30 Millionen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 01.08.2019, 19:08 Uhr

Artikel zum Thema

Diese Fussballprofis sind noch auf der Suche

Seit dem 1. Juli steht so mancher Fussballer ohne Verein da. Darunter sind einige prominente Namen. Mehr...

Ein 16-Jähriger, der Millionen fordert

Barcelona verliert mit Xavi Simons eines seiner grössten Talente an Paris. Wirklich traurig ist bei den Spaniern aber niemand. Oder wird der Transfer schöngeredet? Mehr...

Atlético protestiert gegen Griezmann-Transfer

Antoine Griezmann wechselt von Atlético Madrid zu Barça. Den Hauptstädtern sind die 120 Millionen Euro aber nicht genug. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...